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Snaga und Pillath: Bud Spencer und Terence Hill des Raps

Foto: Michael Opeitz

Rapper Snaga und Pillath Brave Prolls aus dem Pott

Sie rappen über Huren und spotten über verweichlichte Konkurrenten: Die Hardcore-HipHopper Snaga&Pillath beerben die zum Pop abgewanderten Aggro Berliner. Doch auch wenn ihre Fans bei Konzerten schon mal Prügel einstecken müssen - die Ruhrpott-Jungs sind total anständig.

So klingt eine Kampfansage: "Mundschutz rein, Deckung hoch, ein Album wie ein Schrapnellgeschoss", tönen die Ruhrpott-Rapper Snaga&Pillath. Die beiden Glatzköpfe gerieren sich als das Härteste, was der deutsche HipHop gerade zu bieten hat. Provokation ist Programm, auch in den Texten. Frauen? Sind "Huren". Die Konkurrenz? "Alles Schwule". Und Snaga&Pillath haben - natürlich - "den Längsten".

So weit die Songs. Umso größer die Überraschung beim Treffen: Snaga und Pillath, mit bürgerlichem Namen Timm Zumbrägel und Oliver Pillath, sitzen in der schicken Bar eines Gelsenkirchener Nobelhotels - gegenüber thront die Arena Auf Schalke. Die selbsternannten "Prolls mit vollem Portmonee" treten höflich auf, wägen ihre Worte sorgfältig ab. Sie wirken, man muss das so sagen, kreuzbrav.

Auf 90 Prozent ihres Albums "II" rappen die Ruhrpott-Jungs über Analsex, Huren und die Größe ihrer Geschlechtsteile, aber während eines einstündigen Gesprächs in der edlen Hotelbar fallen weniger Schimpfworte als in einer einzigen ihrer Strophen. Die Musiker sind deutlich kleiner, als sie auf Bildern und in Videos erscheinen. Das Duo erregt allenfalls mit schlabbrigen Baggy-Klamotten Aufsehen.

Alles Fake also? Eine Masche für die Zielgruppe der jugendlichen Möchtegern-Machos? Professionelle Provokation wie bei Aggro Berlin, dem mittlerweile verschiedenen Untergrund-Label aus der Hauptstadt mit seinen Provo-Rappern, die am Ende wie überzeichnete Comic-Figuren wirkten?

Das freilich wollen die Ruhrpott-Rapper so nicht stehenlassen. Die in der Szene gern bemühte realness - sprich: Authentizität - steht für sie an oberster Stelle. Snaga sagt: "Klar haben wir derbe Texte und wollen provozieren. Aber das ist keine Masche, sondern unser Ventil. Wir lassen Frust ab." Frust über Armut, Arbeitslosigkeit, Hartz IV. "Uns selbst trifft das zwar momentan nicht", sagt Pillath, "aber wir sehen doch, wie es den Leuten hier immer schlechter geht."

Gelsenkirchen hat eine Arbeitslosenquote von 14,6 Prozent - fast doppelt so hoch wie der Bundesschnitt und auch deutlich höher als Berlin mit 13,5 Prozent. Snaga&Pillaths Chorus von "Asozialenlifestyle 2" wird da zur doppeldeutigen Aussage, ist nicht nur präpotente Selbstbeschreibung, sondern auch Kommentar zum Zustand des Pütt: "Das ist immer noch asozial, das ist immer noch die unterste Schublade, Ruhrpott radikal."

Erinnerungen an bierseligen Fun-Punk

Vielleicht ist es ein Akt verklärender Selbstbehauptung, wenn die beiden in ihren Reimen kräftig Pütt-Folklore beschwören, den Ruhrgebiets-Macho etwa, den trinkfesten Malocher, der samstags mit seinen Kumpeln "auf Schalke geht" und sich immer irgendwie durchschlägt. "Was nicht passt, wird passend gemacht": Den Titel der Ruhrpott-Komödie von Peter Thorwarth zitieren die Rapper auf ihrem Album gleich mehrfach. Sie identifizieren sich mit dem Pott, tragen ihren Stolz auf Herkunft und Heimat zur Schau. Einige Songs auf "II" sind Hymnen auf das Ruhrgebiet, darauf angelegt, dass die Fans sie auf den Konzerten leicht mitgrölen können. Das Album erinnert eher an Fun-Punk der Achtziger als an klassischen HipHop, eine bierselige Grundanständigkeit hat das Ganze, Ruhrpott eben.

Die beiden Rapper zählen selbst nicht zu den Privilegierten. Pillath flog ohne Abschluss von der Schule, Schlägereien, Drogen; "was man so für Scheiße baut", sagt er. Snaga machte Abitur, wuchs bei den Großeltern auf, baute Schulfrust beim Thaiboxen ab. Sein hartes Image stammt aus dieser Zeit: "Ich war als Amateur recht erfolgreich". Seinen Spitznamen verpassten ihm Mitglieder seines Teams - Snaga ist serbisch und bedeutet Kraft. Ein Herzklappenfehler beendete nach sieben Jahren seinen Profi-Traum, er konzentrierte sich auf Musik. Geprägt durch die US-Ghetto-Filme "Boys N The Hood" (1991) und "Menace II Society" (1993) und den Westküsten-HipHop von Dr. Dre, Ice Cube und Eazy-E begann er zu rappen - zunächst auf Englisch.

2003 traf er den vier Jahre jüngeren Pillath, 2005 veröffentlichten sie ihr erstes Mixtape: "Die linke und die rechte Hand Gottes" - inspiriert vom Klamauk-Duo Bud Spencer und Terence Hill. Die Rollen sind bei den Ruhrpott-Jungs allerdings vertauscht. "Big Pillath" erinnert mehr an Spaßvogel Hill als an Brummbär Spencer, etwa wenn er sich an der Hotelbar über das wenig dezente Parfum des Kellners amüsiert. Snaga dagegen wirkt introvertierter. Bei vielen Fragen lehnt er sich zurück, lässt Pillath bei der Antwort den Vortritt.

Einer Antwort weichen jedoch beide aus: Womit sie ihr Geld verdienen. Vom HipHop allein können Snaga und Pillath nicht leben, sagen sie: "Kannste vergessen." Ihr Album verkauft sich nur schleppend, die Fans laden sich die Musik lieber auf Tauschbörsen herunter. Pillath: "Die Kids sagen dir ins Gesicht, dass sie sich die Platte aus dem Netz ziehen." Er sieht das fatalistisch: "Unsere Fans sind damit aufgewachsen, für Musik nichts bezahlen zu müssen. Und das wird sich auch nicht mehr ändern." Über ihre Jobs abseits des Mikrofons möchten sie dennoch nicht sprechen. "Jedenfalls nichts Illegales", beeilt sich Pillath zu erklären.

"Das war eine Esel-Aktion"

Im Gegensatz zu den Kids hört Snaga selbst "zurzeit gar keinen HipHop". Stattdessen laufen Metal-Klassiker von Pantera und Slipknot in seiner Stereoanlage - "auch mal Udo Jürgens, wenn ich komisch drauf bin". Pillath sagt, er höre zwar ab und zu noch Rap aus den Staaten, doch auch ihm gehe die Eintönigkeit der Musik auf den Geist: "Ich kriege Kopfschmerzen von den immer gleichen Beats."

Und das neue Album von Ex-Maske Sido? Pillath verdreht die Augen. "Keine Musik, die ich mir anhöre, aber okay. Sido steht ja echt unter Druck, Platten zu verkaufen", sagt er gönnerhaft. Anders als bei "Asozialenlifestyle 1" 2007 haben sie den Berliner diesmal nicht als Gastrapper an Bord geholt. "Das war eigentlich geplant", sagt Pillath. "Aber Sido hatte dann keine Zeit, weil er in der ProSieben-Jury von Popstars saß." Nun findet sich auf dem Album kein einziges "Feature", wie es im HipHop heißt. Auch ein Zeichen, wie sich die Ruhrpott-Rapper von den Szene-Gepflogenheiten abgrenzen.

Das gilt auch für den Umgang mit eher unrühmlichen Kapiteln ihrer Karriere. Ende Oktober etwa trat Snaga ohne seinen Kumpel Pillath in Ingolstadt auf. Dabei hörte er ständig einen Fan "Hurensohn" in seine Richtung grölen. Irgendwann sei er "kurzschlussmäßig von der Bühne gesprungen" und habe dem eine "zugegeben wohl ziemlich hart - gedonnert". Danach machte ihm jemand klar, dass der Fan ihn gar nicht beleidigt, sondern nur "Ruhrpott" gerufen hatte. Eine Entgleisung, über die Snaga ungern spricht: "Ich habe mich bei dem Jungen entschuldigt, und er hat das akzeptiert. Aber es war eine Esel-Aktion, so was kann ich echt nicht machen."

Rein PR-strategisch verwundert diese Haltung ein wenig. Immerhin könnte er sich mit dieser Aktion als richtig harter Rapper inszenieren, wie es die Aggro Berliner einst vorexerziert haben. Doch allein den Gedanken, mit dem Ausraster zu protzen, finde er abwegig, sagt Snaga: "So will ich keine Platten verkaufen."

Das überlassen die Pütt-Jungs dann doch lieber den Berlinern.

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