Rapper Ufuk Sahin "Den fickten wir einfach"

Gangster-Rap aus Berlin galt lange als musikalische Ghetto-Romantik. Jetzt hat die Realität das Genre eingeholt. Den Rütli-Abgänger Ufuk Sahin lässt der Skandal kalt: Ein Leben jenseits der Gewalt kennt der Neuköllner HipHopper nicht.

Von Daniel Haas


In Ufuk Sahins Welt gibt es nur zwei Sorten von Menschen, und oft entscheidet eine Sekunde, zu welcher man gehört. Ist man ein Opfer, das man abziehen und "ficken" kann? Oder ein Jäger, einer, der sich durchsetzt auf der Straße. "Irgendwann schaute mein Vater in meine Schultasche und fand ein Messer, eine Axt und einen Revolver", erzählt er. "Da war klar, dass etwas nicht stimmt."



Es stimmte vieles nicht im Leben des türkischen Jungen der zweiten Migrantengeneration, aber solange er als Jäger und nicht als Opfer galt, war er zufrieden. Zwar kam er mit 14 zum ersten Mal auf die Anklagebank und wurde mit 17 wegen schwerer Körperverletzung eingesperrt, aber problematisch fand er das nicht. Auch dass er seinen 25. Geburtstag im Gefängnis verbringen musste, war für den Neuköllner keine Niederlage, sondern der natürliche Lauf der Dinge. "Für uns war Gewalt normal", sagt er. "Wenn einer ein Problem hatte, dann fickten wir den einfach."

Armuts-Zeugnis für die Schule

Die Aufregung über die Rütli-Schule, die er nach zwei anderen Neuköllner Hauptschulen besuchte, versteht er nicht: "Du musst so werden wie das System, und du kannst das System nicht ändern." Das System, das ist für Sahin eine Gesellschaft, in der Jungs wie er nie eine Chance kriegen. Als er mit 16 auf die Rütli-Schule kam, las ihm die Rektorin als erstes die Namen stadtteilbekannter Schläger vor: "Um zu zeigen, dass sie Bescheid weiß."

Ob die Begrüßung ihn gekränkt hat? Nein, die Schule war ihm egal. "Gute Zeugnisse haben mich nie interessiert. Die Leute mit Realschulabschluss saßen hinterher genauso auf der Straße oder im Knast wie ich." Viel eher hat ihn genervt, dass man ihn in eine Berufsschule abschob im Ostteil der Stadt. "Da waren nur Rechte, Ende 20 und ich der einzige Türke mit 16", erklärt er mit traurigem Lächeln. Laufend gab es Schlägereien, aber auf dem Arbeitsamt hätte man nur gesagt: Herr Sahin, Sie übertreiben. Die Lösung wusste sein Vater: "Wenn dich einer stresst, wehr dich. Entleer dein Magazin in seinem Mund." Nein, Ufuk sollte kein Opfer werden, auch nicht eines von Nazi-Schlägern aus dem Osten.

Heute ist er Rapper; das Weddinger Label Shokmuzik hat ihn unter Vertrag genommen. In einem Land, in dem Kinder aus der Oberschicht eine viermal so hohe Chance haben, ein Abitur zu machen wie der Nachwuchs eines Arbeiters, versteht man sich bei Shokmuzik als Sozialstation mit Ghetto-Glaubwürdigkeit. "Wir machen Integration", sagt Firmenchef Bülent Akil, 29, der auch der Breakdance-Truppe Flying Steps vorsteht. "Früher sind die Kids losgezogen, um andere abzuziehen, heute bringen sie ihre selbst gebrannten CDs mit eigenen Songs."

Real und fatal

Dass in deren Texten Gewalt und Kriminalität den Ton angeben, findet Bülant nur konsequent. Die Jugendlichen gäben wieder, was ihrem Lebensgefühl entspricht. Wenn man Vorbilder suche, solle man sich an die Eltern wenden. Für Sozialutopien ist in den Songs der Shokmuzik-Rapper kein Platz. "Ich frage nicht, warum es so ist. Ich sage, dass es so ist", fasst Sahin das Stilprinzip zusammen. Rap als Diagnose ohne Hoffnung auf Besserung.

Wenn nur Haft oder Hartz IV warten, wenn soziale Spielregeln außer Kraft gesetzt sind und lediglich das Recht des Stärkeren gilt, dann ist die Brachial-Rhetorik von Sahin tatsächlich kaum mehr als die Bestätigung der Verhältnisse. Kritische oder gar visionäre Perspektiven, wie sie sich der Bildungsbürger vom Pop immer noch erhofft, sind hier nicht zu haben. Gangster-Rap aus Neukölln oder Wedding ist in hohem Maße konservativ: Er bewahrt den Status quo der gescheiterten Bildungs- und Integrationspolitik in drei Minuten langen Songs - Miniaturen des sozialen Elends, aufgemotzt mit Testosteron-Phantasien vom großen Geld und schnellen Sex.

Man kann mit dieser Ästhetik viel Erfolg haben, Stars wie Sido und Bushido beweisen es. Es droht aber auch die Gefahr, sich in der Falle der Parallelgesellschaft endgültig einzurichten: Man bleibt unter sich, sucht Halt in der Herkunftskultur und lässt sich die Rolle des Buhmanns von jenen kaufkräftigen Mittelschichtskids versilbern, die man auf der Straße früher abgezogen hätte.

Kreativer Kurs

Bestenfalls entstehen Projekte wie die Workshops, die Shokmuzik regelmäßig in Problembezirken veranstaltet. Im Wedding überrannten 50 Kinder das Jugendhaus am Nauener Platz, weil Produzent Big Sal einen Rap- und DJ-Kurs anbot. "Vorher haben die Fahrräder geklaut, dann stehen sie am Mic", sagt der 30-jährige Deutschamerikaner stolz. Der Leiter der Einrichtung war dennoch nicht begeistert: Die Texte der Jung-MCs seien gewaltverherrlichend, Folgeveranstaltungen wurden abgesagt. "Klar, dass die nicht gerappt haben: Ich finde die Schule so geil", sagt Big Sal. Jetzt betreut das Haus Nachwuchs im Kindergartenalter: "Die sind pflegeleichter."

Natürlich ist es gut, wenn Migrantenkinder und Kinder aus deutschen Familien, bevor das selektive deutsche Schulsystem sie distanziert, so früh als möglich zusammenkommen. Doch die Probleme der heute 10- bis 25-Jährigen sind damit nicht gelöst. Die Zeit lässt sich für Sahin nicht zurückdrehen, die patriarchale Gewalt, wie sie für sein Milieu bestimmend ist, bleibt virulent. "Ich will aber keine Scheiße mehr bauen, bei schrägen Aktionen halte ich mich raus", sagt er ernst. "Für Zeugen sehen außerdem hinterher immer alle Türken gleich aus."

Sich unterscheiden, das will er jetzt am Mikro. Die Jagd findet mit Beats und Reimen statt. Dann fließt kein Blut, sondern womöglich Geld. Immerhin.



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