Rapper und Soulsänger Plan B "Ich bin der Tarantino des Pop"

Die britische Pop-Sensation des Jahres heißt Ben Drew, bisher bekannt als wüster Rapper Plan B. Jetzt hat sich der Bad Boy in einen Soul Man verwandelt und stürmt die Charts. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht er über gierige Plattenfirmen, engstirnige Fans und einen Volkssport namens Arroganz.

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SPIEGEL ONLINE: Mr. Drew, unter dem Namen Plan B wurden Sie als wüster Rapper berühmt. Nun haben Sie überraschend ein herrliches Soulalbum eingespielt, das wie ein verlorener Motown-Klassiker klingt und in England der Überraschungshit der Saison ist. Trotzdem wollen Sie keine weiteren Soul-Platten machen. Warum?

Drew: Manchmal muss man radikal sein. Ich will, dass die Leute verstehen, dass Plan B nicht für Soul steht, sondern für erzählte Geschichten. Soul-Musiker ist nur eine Rolle, die ich hier spiele. Ich habe das Konzeptalbum "The Defamation Of Strickland Banks" aufgenommen, in dem ein Charakter namens Strickland Banks die Hauptrolle hat und Plan B als Regisseur fungiert. Wenn Sie so wollen, bin ich der Tarantino des Pop, und Soul habe ich nun abgehakt.

SPIEGEL ONLINE: Ihre neuen Songs klingen so perfekt, als hätten Sie ein Leben lang Soul gespielt. Wie haben Sie das gemacht?

Drew: Ich bin halt mit dem Talent gesegnet, Musikstile zu verstehen und perfekt zu absorbieren. Als Teenager habe ich Soul entdeckt, aber dann kam HipHop dazwischen. Vor allem erzähle ich gern Geschichten, und Musik liefert mir dazu den Hintergrund, das muss eben nicht unbedingt Soul sein. Ein Reggae-Album habe ich zum Beispiel auch geplant, und ich weiß, dass ich Reggae super gut kann.

SPIEGEL ONLINE: Überfordern Sie mit Ihren erzählerischen Texten viele Fans?

Drew: Die sollen sich verdammt noch mal Zeit nehmen, dann werden sie auch ihren Spaß haben. Dass manche alte HipHop-Fans nun so sauer auf mich sind, kapiere ich nicht. Man wirft mir Verrat vor, weil ich eine Soul-Platte gemacht habe. Was ist, bitte schön, das verdammte Problem? Das Drama ist doch, dass sich zu viele Menschen mit anspruchslosem Schrott zufriedengeben und ausflippen, wenn sie gefordert werden. Aber wissen Sie was? Es ist mir verdammt egal, ob sich diese Platte überhaupt verkauft, denn von dem Geld sehe ich sowieso nichts.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Album hat sich in England bereits mehrere hunderttausend Mal verkauft. Warum sollten Sie daran nichts verdienen?

Drew: Weil die Plattenfirma so viel Geld in die Produktion des Albums und der Videoclips gesteckt hat, dass ich denen ein Vermögen schulde. Ich verdiene nur an meinen Konzerten und dem Merchandising. Aber das ist okay! Immer mehr Plattenfirmen wollen an Konzerteinnahmen und T-Shirts beteiligt werden, und das werde ich nie mitmachen.

SPIEGEL ONLINE: Stimmt es, dass die Platte eigentlich als Doppelalbum geplant war?

Drew: Korrekt. Ich hatte eine HipHop-Version der Geschichte aufgenommen und wollte die Soul- und die HipHop-Version zusammen veröffentlichen. Meine Plattenfirma war von der Idee, sagen wir es mal diplomatisch, nicht begeistert. Sie wollten die Soul-Hälfte, aber nicht den HipHop-Teil. Sie baten mich, nicht zu laut darauf hinzuweisen, dass es ein Konzeptalbum sei, denn das sei ein Begriff, der Konsumenten verschreckt. Sie gaben mir die Rechte am HipHop-Album und wir vermarkten nun die Soul-Songs. Meine HipHop-Version folgt später.

SPIEGEL ONLINE: Woher kommen die wilden Geschichten Ihrer Songs, über Geschlechtskrankheiten und Raubüberfälle - Biografie oder Phantasie?

Drew: Auf meiner ersten Platte war fast alles persönlich. Auf dieser wenig. Die Wut, die mich lange antrieb, habe ich im Griff, seit ich einen "Anger Management"-Kurs besuchte. Ich war ein sehr wütender Junge, trank zu viel, prügelte mich zu viel und wurde gern mal verhaftet. Wer mir sagte, dass meine erste Platte ein Flop ist, riskierte eine Abreibung.

SPIEGEL ONLINE: Stimmt es, dass Sie auf Bewährung sind?

Drew: Stimmt. Ein Jahr. Aber ich bin friedlich geworden. Meine Wunden sind verheilt.

SPIEGEL ONLINE: In England taucht in Zeitungen im Zusammenhang mit Ihren Texten über Teenagerabtreibungen und Jugendgewalt der Begriff "Broken Britain" auf. Was bedeutet der?

Drew: Der ist auf dem Mist unseres neuen Premierministers David Cameron gewachsen. Ein Konservativer aus der Oberschicht, der mit diesem Begriff die Menschen beschreibt, die seiner Ansicht nach zur Unterschicht gehören: Generationen, die im sozialen Wohnungsbau aufwachsen. Kinder, die ihre Tage vor dem Fernseher verbringen. Arbeitslose Eltern, die den Tag schon mit Alkohol beginnen. Alles Menschen, die das Gefühl haben, nicht geliebt zu werden. "Broken Britain" meint, dass England nach dem Krieg verkommen ist, die gute alte Zeit vorüber ist und alles, was wir Briten Tolles hatten, zerbrochen sei.

SPIEGEL ONLINE: Und, kommt das hin?

Drew: Selbst wenn es so wäre, was weiß David Cameron davon? Er hat vom Leben dieser Menschen nicht den Hauch einer Ahnung. Und er strahlt aus, dass es ihn auch nicht im entferntesten interessiert. Das englische Klassensystem ist so snobistisch wie eh und je. Es ist für viele cool, auf andere herabzublicken. Arroganz ist ein Volkssport bei uns.

SPIEGEL ONLINE: Wurden Sie herablassend behandelt?

Drew: Selbstverständlich. Weil ich mich so anziehe, weil ich so spreche wie einer aus der Working Class, bin ich immer wieder verhöhnt worden. Dabei bin ich nicht mal wirklich aus der Arbeiterschicht. Meine Eltern konnten mir keine tolle Schulausbildung bezahlen, dafür weiß ich, wo ich herkomme, und das ist eine Menge wert. Ich bin nicht auf der Suche nach einer Identität, wie so viele Kids der Mittelschicht in England. Ich bin im Londoner Osten in Leytonstone aufgewachsen, war auf einer Schule mit vielen Immigranten, das hat meine Sprache, mein Auftreten geprägt. Da war es nicht immer angenehm, man musste sich mit vielen unangenehmen Typen auseinandersetzen, die Dampf ablassen wollten.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie dort gelernt?

Drew: Mich zur Wehr zu setzen. Nicht einschüchtern zu lassen. Und wenn der Chef meiner Plattenfirma nun sagt, dass er meine Platte nicht mag, weiß ich, wie ich damit umzugehen habe. Und ich glaube, dass ich das vielen Menschen mit privilegierterem Hintergrund voraus habe.

SPIEGEL ONLINE: War England unter Labour besser dran?

Drew: Nein, und das ist das Problem. Die Labour-Regierung war einfach zu schlaff, zu sanft, zu lieb. Wenn ein 16-jähriges Mädchen aus der Unterschicht weiß, dass sie problemlos und kostenfrei eine Abtreibung finanziert kriegt, nimmt sie mit, was geht. Nur um Aufklärung kümmert sich keiner. Und so funktioniert das Leben eben nicht.

SPIEGEL ONLINE: Was würden Sie tun, wenn Sie keine Musik machen würden?

Drew: Drogendealer. Aber ich wusste immer, dass ich musikalisches Talent habe. Ich hörte als Kind den Schrott der Spice Girls und dachte mir: Das kannst du besser! Wenn ich keinen Hit gelandet hätte, würde ich immer noch Hasch verkaufen und eben privat Musik machen.

Das Interview führte Christoph Dallach



insgesamt 3 Beiträge
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Sebastian | Aachen 09.06.2010
1. Ehrlichkeit ist was unvorstellbar kostabres
Der Typ ist mal ehrlich! Das erste Interview von wem auch immer, bei dem ich mir denke Schei** das war ehrlich, das war wirklich Er und nicht irgend eine Rolle die er spielt. Solch ehrliche und offene Menschen sollte es öfter geben.
ztre 09.06.2010
2. .
Seine Musik ist einfach gut. Die Filme die ich gesehen habe auch. Großes Talent!
respectable 19.06.2010
3. Auch wenn das Jahr noch nichr 'rum ist...
...so ist es meine Platte des Jahres. Ben Drew ist ja auch schauspielerisch tätig, so stand er zuletzt mit Micheal Caine für "Harry Brown" vor der Kamera: http://www.youtube.com/watch?v=OVOSfHFNlcI
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