Ukrainische Rapperin Alyona Alyona »Ich habe keine Zeit, wütend auf Putin zu sein«

Alyona Alyona ist einer der größten Popstars der Ukraine. Vor dem Krieg rappte sie über Selbstliebe und Feminismus, jetzt kämpft sie in sozialen Medien um Aufmerksamkeit für den Krieg und für die Freiheit ihrer Heimat.
Musikerin Alyona Alyona: »Ich muss hier bei meinen Leuten in meinem Land sein«

Musikerin Alyona Alyona: »Ich muss hier bei meinen Leuten in meinem Land sein«

Foto: Alexander Dobrev

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Alyona Olehivna Sawranenko entschuldigt sich dafür, dass es so dunkel ist. Sie könne Licht anmachen, aber eigentlich versuche sie gerade, Beleuchtung in der Wohnung zu vermeiden, sagt sie und hält beim Videogespräch eine Kerze in einem kleinen Leuchter in die Kamera. Noch brennt sie nicht, noch reicht das Tageslicht.

Es ist 17 Uhr am Dienstagnachmittag dort, wo Sawranenko sich gerade aufhält, »rund 40 Kilometer von Kiew in der Nähe meiner Eltern«. Wenn die russischen Soldaten durch den Ort rollen, sollen erleuchtete Fenster keine Zielscheibe bieten. Noch sei es hier ruhig, sagt sie. »Manchmal hört man eine Sirene, aber es ist okay«.

Vor dem Krieg genoss Sawranenko die Freiheiten, die sich nach dem Euromaidan für junge ukrainische Popkünstler und -künstlerinnen eröffnet hatten. Geboren wurde sie 1991 in einem Dorf namens Kapitanivka in der Zentral-Ukraine. Sie studierte zunächst Pädagogik und arbeitete als Erzieherin im Kindergarten. Ihr erstes Musikvideo »Rybky« (»Fisch«) wurde 2018 ein Hit auf YouTube, dann ging alles ganz schnell. Mit Texten über Selbstliebe, Body Positivity, aber auch über Armut auf dem Land, Heimatverbundenheit und soziale Missstände wurde die Rapperin in der Ukraine zum gefeierten Star einer frischen, diversen Hip-Hop- und Popszene.

Wie viele andere ukrainische Künstler, die auf ein großes Publikum zielen, rappte sie zunächst auf Russisch, doch mit dem Erstarken des Patriotismus nach der Revolution fühlte auch Sawranenko den Drang, sich in ihrer Muttersprache auszudrücken. »Ich will über mein tägliches Leben rappen, in meiner eigenen Sprache«, sagte sie mal der »New York Times«.

2019 erschien ihr Debütalbum, mit dem sie auch internationale Bekanntheit erlangte. 2020 wählte das US-Magazin »Forbes« sie in seine Liste der 30 wichtigsten Persönlichkeiten unter 30. Auf ihrem Album »Galas« (»Hype«) von 2021 arbeitete sie mit Künstlerinnen und Künstlern aus Kanada, Mexiko und Australien zusammen, es gab auch Kollaborationen mit der israelischen Sängerin Noga Erez und dem ukrainischstämmigen Berliner Rapper Olexesh. Die Welt schien weit offen für die Rapperin, die sich den Künstlernamen Alyona Alyona gab. Jetzt, im Krieg, ist sie auf den Bildschirm ihres Mobiltelefons zusammengeschrumpft.

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Seit Tagen postet die 30-Jährige zusammen mit einem kleinen Team aus Freunden und Mitarbeitern unermüdlich Botschaften auf ihren Social-Media-Kanälen, auf Instagram hat sie mehr als 350.000 Follower, bei YouTube folgen Ihr rund 260.000. Sie ist zu einer wichtigen Schnittstelle im Internet geworden. Die meisten ihrer Postings sind auf Ukrainisch, sie enthalten Kontonummern und Adressen für Hilfsgüter. Doch Sawranenko schreibt auch englische Aufrufe an ihr internationales Publikum und Netzwerk: »Während ihr dieses Video guckt, sterben ukrainische Menschen durch die russischen Attacken«, postete sie in ihrer Instagram-Story auf grellem Gelb und Blau: »Stop It!«

»Als der Krieg begann, dachte ich, dass meine Aufgabe nur darin bestehen würde, in der Ukraine zu helfen«, sagt sie. »Jetzt verstehe ich, dass ich der Ukraine nur mit humanitärer Arbeit oder Geld helfen kann. Die Informationen über den Krieg, die ich verbreite, sind eigentlich nicht mehr nur für die Ukraine gedacht, sondern für das Ausland, vielleicht ein wenig auch für Russland, weil ich dort auch Follower habe.«

Viele internationale Freunde hätten sie in den vergangenen Tagen gefragt, wie es ihr gehe und ob sie zu ihnen ins Ausland kommen wolle. »Das ist sehr nett«, sagt sie mit fester Stimme, »aber ich muss hier bei meinen Leuten in meinem Land sein.« Inzwischen hat sie einen Appell an Streamingdienste wie Apple Music und Spotify verbreitet, Künstlern zu gestatten, ihre Plattencover mit selbst gestalteten Bildern, ukrainischen Flaggen oder politischen Aufrufen zu versehen. Bis jetzt hat sie noch keine Reaktion erhalten. »Vielleicht ist es nicht die beste Idee«, sagt Sawranenko, »aber nur so können wir beim russischen Volk anklopfen, damit sie verstehen, dass sie ihre Regierung ändern müssen.«

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Dass Russland inzwischen vom Eurovision Song Contest ausgeschlossen wurde, will sie nicht bewerten, auch in der Frage, ob es richtig sei, prorussische Künstler im Westen zu boykottieren, bleibt sie lieber neutral. »Das passiert ja nicht nur beim Eurovision Song Contest, sondern auch bei Fußballturnieren oder bei der Formel 1, weil die Russen verstehen müssen, dass die ganze Welt auf den Krieg in der Ukraine aufmerksam geworden ist. Und wenn die Leute nichts tun, können sie in Zukunft nicht Teil von etwas Großem sein. Denn das ist man nicht, wenn man still dasitzt.«

»Wir sind europäischer als Russland, wir haben eine andere Mentalität.«

Erwartet sie auch von westlichen Künstlern und Künstlerinnen mehr Engagement? »Wissen Sie, westliche Künstler haben diesen Krieg nicht angefangen, also erwarte ich nichts Spezielles von ihnen. Aber ich erwarte etwas von Russland«. Nur dort, sagt sie, könne wirklich etwas bewegt werden. Sie habe sich jedoch sehr gefreut über die große Anteilnahme des Westens bei der Demonstration mit über 100.000 Menschen am vergangenen Sonntag in Berlin. Es sei viel wert, wenn westliche Künstler auf ihren Kanälen Informationen posten, »um ihrem Publikum zu zeigen, was in der Ukraine wirklich passiert, denn es ist nicht gut, es ist scheiße. Es wäre vielleicht auch cool, wenn sie ein großes Konzert geben würden, um ihre Aufmerksamkeit zu zeigen.«

Alyona Sawranenko lacht viel während unseres Gesprächs. Auch wenn die russischen Truppen kurz vor Kiew stehen und sich die ukrainische Bevölkerung auf die wohl härtesten Tage dieses Krieges vorbereiten muss, ist ihr Optimismus ungebrochen. Mehrfach betont sie, dass sie nicht glaubt, dass die Ukraine den Krieg verlieren wird. Auch mit ihrem Präsidenten Wolodymyr Selenskyj hat sie ihren Frieden gemacht, obwohl sie zuvor eigentlich »kein großer Fan« von ihm gewesen sei.

Das ganze Land habe früher über den Komiker Selenskyj gelacht, »aber als der Krieg anfing, hat er sein Bestes getan, um die Menschen zu retten.« Dankbar ist sie dem Präsidenten auch für seine Bestrebungen, die Ukraine in die EU zu führen. »Wir wollen schon seit vielen Jahren ein Teil der Europäischen Union sein, und jetzt, dank Wolodymyr, haben wir diese Chance.« In den Großstädten der Ukraine herrsche bereits viel mehr Weltoffenheit und Toleranz als noch vor einigen Jahren. »Es ist noch nicht alles gut, aber wir brauchen einfach Zeit«, sagt sie. »Wenn man nach Russland schaut, ist alles viel schlimmer. Ich habe schwule Freunde aus Russland, die in die Ukraine kommen, um hier zu heiraten, weil sie sich hier freier fühlen. Wir sind europäischer als Russland, wir haben eine andere Mentalität.«

Ob die Ukraine die Zeit bekommen wird, sich Europa noch mehr anzunähern, werden die kommenden Wochen zeigen. Die Gegenwart ist von einem Kriegsalltag bestimmt, den viele Beobachter noch vor wenigen Tagen für unmöglich in einem europäischen Land hielten. In dem Ort, in dem sie gerade lebt, würden Frauen Tarnnetze nähen, Molotowcocktails bauen oder nachts um die Häuser gehen, um russische Armee-Markierungen wieder zu entfernen, erzählt Sawranenko. Sie selbst findet ihre Rolle in diesem Krieg an der Informationsfront im Internet. »Ich könnte wohl nicht schnell genug rennen, um als Sanitäterin zu den Soldaten zu gelangen«, sagt sie mit Galgenhumor. Und würde sie versuchen, eine Bombe weit zu werfen, würde sie dabei wahrscheinlich eher ihre eigenen Freunde und sich selbst umbringen. »Ich versuche einfach zu tun, was ich tun kann.«

Ihre Rap-Texte zu schreiben, in denen sie sich in den vergangenen Jahren so kämpferisch und freiheitsverliebt gab, schafft Alyona Alyona gerade nicht. »Die letzten zwei Monate waren anders als mein gesamtes bisheriges Leben. Ich denke über so viele Dinge nach, und ich schreibe zurzeit auch etwas, aber es ist kein Rap. Ich glaube, es ist eher wie ein kleines Gedicht.«

Sie hält kurz inne und fragt, wie man es auf Englisch formuliert, wenn man eine Botschaft an Gott richtet, das Wort fällt ihr nicht ein. Ein Gebet? »Ja, es ist ein Gebet. Wenn ich wütend wäre, dann würde ich vielleicht einen Rap schreiben. Aber ich habe keine Zeit, wütend auf Putin zu sein. Ich muss meinem Volk helfen.« In einigen Tagen, sagt Sawranenko, will sie ihr Gedicht vielleicht auf Instagram veröffentlichen.

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