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Bruce Springsteen: Der unnahbare Kumpel

Foto: Frank Gunn/ AP

Rare Springsteen-Audienz Am Tisch mit dem Boss

Er war da! Er hat gesprochen! Er hat Hände geschüttelt! In Toronto stellte Bruce Springsteen einen Dokumentarfilm und ein Doppelalbum mit bisher unveröffentlichten Songs vor. Es war eine der seltenen Gelegenheiten für Normalsterbliche, den unnahbarsten Kumpel der Welt aus der Nähe zu betrachten.

Die Popularität eines Künstlers lässt sich auch daran bestimmen, für wie viele Gerüchte, Märchen und Vermutungen er gut ist. Im September diesen Jahres stattete Bruce Springsteen dem Filmfest in Toronto einen Besuch ab. Ein Mangel an Stars herrschte dort nicht, Eva Mendes und Keira Knightley waren angetanzt und viele andere schöne begehrte Menschen aus dem Filmgeschäft. Aber für besonders viel Aufregung sorgte die Anwesenheit des 61-jährigen Rockers aus New Jersey, den sie "The Boss" nennen. Der war mit Gattin Patti Scialfa und seinem Manager Jon Landau eingeflogen, um der Welt die Film-Dokumentation "The Promise: The Making of Darkness On The Edge Of Town" vorzustellen - und mit ihnen kamen die Gerüchte: Hat der Boss seine E Street Band dabei? Wird es ein unangekündigtes Konzert in Toronto geben? In einem Kino? Einem Club? Wie soll man da rein kommen? Hat schon jemand Tickets?

Fest stand nur, das Springsteen am Nachmittag vor der Filmpremiere mit dem Schauspieler Edward Norton ("Fight Club") auftreten und ihm in einem kleinen Kinosaal Rede und Antwort stehen würde. Die Tickets dafür waren nach wenigen Minuten vergriffen und wurden für mehr als das Zehnfache des ursprünglichen Preises (15 Kanadische Dollar) im Internet versteigert. Gekommen war der Boss, um Werbung für Musik zu machen, die er vor mehr als drei Jahrzehnten eingespielt hatte und die seitdem ungenutzt in den Archiven Staub fing. "The Promise" heißt das Doppelalbum mit 21 restaurierten Songs aus der Springsteen-Rumpelkammer. Wer etwas mehr ausgeben mag, kann sich die sogenannte "Limited Edition Deluxe Collection" zulegen, die noch drei DVDs (Dokumentation plus alte und neue Live Aufnahmen) sowie das aufpolierte Album "Darkness on the Edge of Town" enthält.

Nicht unfreundlich, nur unnahbar

Wohl auch um klarzustellen, dass es sich bei dem bislang unveröffentlichten Material nicht um Halbgares von der Resterampe handelt, sondern um erstklassige Songs, machte sich Springsteen auf die Reise nach Toronto. Was bereits an sich ein Ereignis war, denn der "Boss" mag sich volksnah geben, ist es tatsächlich aber keineswegs. Sein virtuos inszeniertes Kumpel-von-Nebenan-Image ist reines Schauspiel.

Was aber nicht bedeutet, dass der Künstler unfreundlich wäre. Er ist nur unnahbar. Interviews zum Beispiel gewährt Bruce Springsteen nur sehr selten, selbst Pressekonferenzen gibt er nur alle paar Jahrzehnte. Im Vergleich zu ihm sind Kollegen wie Paul McCartney, Bono oder Keith Richards Plaudertaschen. Trotzdem malen sich viele seiner Verehrer aus, dass sie, wenn es mal brennt, beim "Boss" daheim in New Jersey anklopfen und ihm bei einem Bierchen ihr Herz ausschütten könnten.

Diese tolle Illusion von Authentizität und Nähe hat Springsteen seinem langjährigen Manager, Produzenten und Förderer Jon Landau zu verdanken. Er ist es auch, der seinen Klienten rigoros abschirmt gegen die Fragesteller dieser Welt.

Der Auftritt in Toronto ist eine Ausnahme von der Regel, eine Art Kompromiss. Springsteen gewährte Medienvertretern auch hier keine individuellen Audienzen. Dafür wurde etwa ein Dutzend Journalisten aus aller Welt nach Kanada verfrachtet, damit sie Springsteen aus nächster Nähe bestaunen konnten.

Nervosität auf zwei Barhockern

Edward Norton scheint nervös zu sein bei seiner Fragestunde mit Bruce Springsteen. Das mag auch an der merkwürdig angespannten Stimmung im Saal liegen, wo ernst dreinblickende Security-Männer tatsächlich mit Detektoren die Reihen nach Menschen absuchen, die auf das strenge Aufnahmeverbot pfeifen.

Der Boss und der Hollywood Star sitzen auf zwei Barhockern auf der Bühne. Nach einem als Einstimmung gedachten, aber komplett missglückten Scherz über Springsteens Alter, den der Boss wortkarg zur Kenntniss nimmt, nestelt der aufgeregte Norton einen Zettel aus der Hosentasche - "für Notfälle" -, von dem er alle weiteren Fragen abliest. Dann berichtet Springsteen, der so vital aussieht, dass man ihm seine 60 Lebensjahre kaum abnehmen will, von seiner Kindheit in New Jersey, von der Hoffnung des kleinen Bruce, dass ihn der Rock'n'Roll dereinst aus der Provinz in die weite Welt hinaustragen würde: "Als wir die Band starteten, kannten wir niemanden, der jemals in einem Flugzeug gesessen hatte."

Er berichtet von jenen Tagen Anfang der siebziger Jahre, als ein Plattenvertrag in unerreichbarer Ferne schien, die Band bei ihren Konzerten aber regelmäßig ausverkaufte Hallen mit bis zu zweitausend Fans durchdrehen ließ. Und von dem Drama, das auf den hart erarbeiteten ersten großen Erfolg mit dem Album "Born to Run" (1975) folgte: ein hässlicher Rechtsstreit mit seinem ersten Manager, der Springsteen fast drei Jahre daran hinderte, neue Musik zu veröffentlichen.

Also musizierte sich der geknebelte Künstler den Frust von der Seele und produzierte mehr als siebzig Lieder auf Halde - von denen er später nur zehn für sein nächstes Album "Darkness on the Edge of Town" (1978) nutzte: "Ich nahm nur Songs auf, die meiner düsteren Stimmung entsprachen. Alles, was nach Euphorie oder Liebe klang, entsprach nicht meiner Laune." Nach gut einer Stunde bedankt sich Norton bei Springsteen. Die Audienz ist beendet.

Springsteen tut, als würde er sich erinnern

Am nächsten Tag sitzen die eingeflogenen Journalisten in einem kleinen Kino, hören Auszüge aus "The Promise", betrachten Filmclips mit historischen Konzertausschnitten und bekommen von Manager Jon Landau einen Vortrag über die Bedeutsamkeit dieser Ausgrabungen zu hören.

Als am Ende das Licht wieder angeht, sitzen im Kino auch Springsteen und seine Gemahlin Patti Scialfa. Es werden herzlich Medienvertreterhände geschüttelt und Springsteen gibt vor, sich an ewig zurück liegende Treffen zu erinnern: "Good to see you again", "I would love to come back to Sweden".

Danach geht es zum Mittagessen beim Italiener nebenan. Die Gäste werden in Grüppchen zu hübsch eingedeckten Tischen geleitet, und etwas abseits, nahe der Tür, hält das Ehepaar Springsteen Hof. Bei Aqua Minerale, Vino, Pasta und anderen mediterranen Herrlichkeiten dürfen dann reihum alle kurz Platz am Boss-Tisch nehmen. Und Springsteen tut lässig so, als ob ihm das alles große Freude bereiten würde.

Beeindruckt lauschen die Kritiker, als Springsteen sich erinnert: "Dass wir nach 'Born to Run' eine Zwangspause einlegen mussten, hat rückblickend betrachtet auch etwas Gutes. Wir kamen zur Besinnung, dachten über den Ruhm und das Leben nach." Ob er es jemals bereut habe, damals erstklassige Lieder wie "Because the Night" weitergereicht zu haben, fragt einer. Nein, so ein Liebeslied sei bei Patti Smith viel besser aufgehoben gewesen, behauptet Springsteen. Quatsch, wirft da überraschend der konzentriert lauschende Jon Landau aus dem Hintergrund ein, natürlich habe es sie später alle gewurmt, so einen Bestseller nicht selber genutzt zu haben. Springsteen schweigt und trinkt Wasser.

Springsteen verlässt das Gebäude

Ob die betagte E Street-Band nochmal auf Tournee gehen würde, wird gefragt. Das sei sehr gut vorstellbar, lautet die Antwort des Chefs. Dann plaudert Patti Scialfa, die ja auch in der Band musiziert, aus dem Nähkästchen: dass sie bei Bandproben daheim in New Jersey darauf bestehe, dass ihr Mann abends pünktlich zum Essen erscheine. Und dass er zu wenige Bücher lesen würde. Die tolle Dean-Martin-Biografie zum Beispiel, die seit Monaten auf seinem Nachttisch liege, habe er noch nicht angerührt. So verfliegt die Zeit. Nach gut zwei Stunden ist Schluss. Der Boss steht auf.

Die Journalisten zücken eilig ihre Smartphones und lassen sich mit Springsteen fotografieren. Der Star trägt sich noch schnell ins hurtig hingereiche Gästebuch des Restaurants ein. Und dann ist Springsteen auch schon wieder weg, zurück auf dem Weg nach New Jersey.

Weitere Interviews zu "The Promise" hat es nicht gegeben. Doch alles, was er in Toronto gesagt und getan hat, wird genug Stoff für die lange Zeit bieten, die verstreichen wird, bis der Boss sich wieder unters Volk begibt.

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