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Record Store Day: "Die Kunden sind nicht doof"

Foto: Bernd Jonkmanns

Kehrseite des Vinyl-Booms "Viele Kunden fühlen sich verarscht"

Sie sollten vom Record Store Day profitieren: Unabhängige Plattenhändler wie Michelle Records in Hamburg. Nun überwiegt der Ärger - über fehlende Raritäten, gierige Kunden und Trittbrettfahrer.

SPIEGEL ONLINE: Herr Frahm, Herr Jessen, wie lang war die Schlange der Vinylsüchtigen vor Michelle Records am Record-Store-Day?

Jessen: Wir haben um neun Uhr aufgemacht. Ab sieben standen die ersten vorm Laden. Als die Tür aufging, war die Schlange sehr lang. Mehr als hundert Leute warteten.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie gestört?

Frahm: Es ist nicht so schön, diesen hundert Leuten zu erklären, warum die Platten, auf die sie lauern, nicht zu haben sind. An einige der raren Platten kommen wir ja auch kaum ran.

Jessen: Viele der beliebtesten Titel, also die Platten, die wirklich Unveröffentlichtes bieten und nicht nur Neuauflagen sind, bekommt man vielleicht nur zweimal - obwohl man 60 bestellt hat.

Frahm: Dave Grohl von den Foo Fighters war offizieller Botschafter des Record Store Days (RSD). Die Foo-Fighters Platte war aber so gut wie nicht zu haben. Das ist den Kunden kaum noch zu vermitteln. Wir müssen den Leuten dann ellenlang erklären, dass das nicht unsere Schuld ist. Selbst am Montag klingelte noch den ganzen Tag das Telefon. Leute aus der ganzen Republik fragten nach der Foo-Fighters-Platte.

SPIEGEL ONLINE: Dabei sind die Preise für einzelne limitierte Record-Store-Day-Platten sowieso absurd, oder?

Frahm: Bei manchen Platten denken die Verantwortlichen offensichtlich, dass sie den Fans das letzte Hemd ausziehen können. Da sind die kleinen Indie-Labels fast drastischer als die großen. Wenn wir schon 25 Euro im Einkauf für eine Single zahlen, ist der Endpreis den Kunden nicht mehr zu vermitteln. Oder: Eine Einzel-LP mit Auszügen von Bob Dylans "Basement Tapes" auf 200 Gramm Vinyl gepresst sollte uns im Einkauf ohne Mehrwertsteuer 78 Euro kosten. Das geht nicht.

Jessen: So was kaufen wir dann ganz bewusst nicht an. Dabei sind die Leute ja am Record Store Day sowieso bereit, mehr auszugeben, aber es gibt eine Grenze. Dass viele Kunden sich da verarscht fühlen, wurde diesmal deutlich zum Ausdruck gebracht. Reihenweise gab es hier Beschwerden. Die stehen dann hier und sagen: "Habt ihr ein Rad ab?" Die Kunden sind nicht doof!

SPIEGEL ONLINE: Und es gibt die Kunden, die eigentlich die RSD-Platten nur kaufen, um sie dann für ein Vielfaches im Internet zu verhökern. Stört Sie das?

Frahm: Ja, das ist auch sehr ärgerlich. Einige beschweren sich sogar im Laden, dass wir ihnen die großen Raritäten vorenthalten. Die uns dann damit abstrafen wollen, dass sie ihre Record-Store-Day-Bestellungen für Tausende von Euro woanders tätigen. Solche Leute schmeiße ich achtkantig raus, und die sollen auch nicht wieder kommen. Aber die sind alle schmerzbefreit.

SPIEGEL ONLINE: Der Record Store Day ist eine Aktion unabhängiger Plattenläden. In Hamburg hat sich das Elektro-Kaufhaus Saturn drangehängt und Vinyl mit massiven Rabatt angeboten. Ein Problem?

Frahm: Das ist in der Tendenz existenzbedrohend für uns. Als kleiner Laden, der in der Vinyl-Nische wieder ganz gut existiert, ist das schlimm, wenn so ein großer Konzern mit aggressiver Preispolitik hereindrängt.

Jessen: Obwohl Saturn am Record Store Day nicht teilnehmen darf, haben sie in ihrer Anzeige darauf verwiesen. Eine rechtliche Grauzone. Diese großen Ketten wie Müller im Süden der Republik und hier Saturn wollen mit brachialen Methoden da mitmachen. Aber klappen wird das nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann man das alles ändern?

Frahm: Indem man in Meetings mit Vertrieben und Labels all diese unangenehmen Dinge anspricht. Wenn da nicht gegengesteuert wird kippt das! Ein Fan, der zwei Jahre lang keine Platte abkriegt, kommt nicht wieder.

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