Album der Woche mit den Red Hot Chili Peppers Kommt knuddeln!

Wie ein Happy Meal am Strand: Die Red Hot Chili Peppers veröffentlichen mit »Return of the Dream Canteen« das zweite Doppelalbum in diesem Jahr – und geben sich darauf eher mild als wild. Und: Neues von Bill Callahan.
Red Hot Chili Peppers: Die dunkle Seite des kalifornischen Glamour-Lebensstils

Red Hot Chili Peppers: Die dunkle Seite des kalifornischen Glamour-Lebensstils

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Warner Music

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Album der Woche:

Red Hot Chili Peppers – »Return of the Dream Canteen«

Die schon wieder? Die Red Hot Chili Peppers sind der vielleicht längste Running Gag der Rockgeschichte. 1983 in Los Angeles gegründet und wundersamerweise immer noch da, sind sie die vom Funk, nicht vom Blues inspirierten Rolling Stones der Generation X, die »dystopischen Beach Boys«, wie es die »Washington Post« einmal formulierte. Um die Jahrtausendwende, als ihr Album »Californication« erschien, hätte man sie die »beste Band der Welt« nennen können, ohne ausgelacht zu werden.

Ein bisschen ist das heute auch noch so. Die »Chili Peppers«, wie sie zärtlich verkürzt genannt werden, sind zu Popmaskottchen geworden. Sie haben (bis jetzt) die #MeToo-Bewegung überlebt und stehen jetzt, kurz vor dem Eintritt ins Rentenalter immer noch für die dunkle Seite des kalifornischen Glamour-Lebensstils, die Todessehnsucht, die Exzesse, das Testosteron und die Vulgarität der vergangenen Rock’n’Roll-Ära. Andere Bands dieser Statur würden sich vielleicht darauf beschränken, den eigenen Mythos und die Greatest Hits auf ausgedehnten Tourneen zu zelebrieren, ohne sich noch die Mühe zu machen, neue Musik zu veröffentlichen. Die Red Hot Chili Peppers aber vollbringen den Kraftakt, inmitten einer globalen Stadiontournee gleich zwei Doppelalben herauszubringen. Auf das im April veröffentlichte »Unlimited Love« (17 Songs) folgt nun »Return of the Dream Canteen« mit 17 weiteren Songs. Alle Tracks stammen aus derselben, offenbar sehr ergiebigen Session, die erneut von Rock’n’Roller-Guru Rick Rubin beaufsichtigt wurde.

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Die Surfershorts saßen allerdings schon bei »Unlimited Love« nicht mehr so knackig und tight, wie sie sollten; oftmals sorgten allein die explosiv in den Vordergrund gemischten Licks, Riffs und Soli des unlängst in die Band zurückgekehrten Gitarristen John Frusciante für Faszination und Spannkraft. Und nun das Ganze nach nur sechs Monaten Erholungsphase noch mal? Dazu noch eine schlechte Nachricht für Anhänger der Rockband Red Hot Chili Peppers: Frusciantes Gitarrenfuror steht in der »Dream Canteen« nicht so sehr im Fokus. Was wiederum aber eine gute Nachricht für frühe Fans der Band ist, denn das neue Album ist über weite Strecken ein Funk-Album, auf dem sich vor allem Bassist Flea austoben durfte.

Allerdings ist es ein sehr domestiziertes Funk-Album. Zuletzt stand hier ja die Frage im Raum, wie man sich eigentlich ein Alterswerk dieser ewig hibbeligen Gruppe Berufsjugendlicher vorstellen müsse. Vielleicht so wie dieses. Sänger Anthony Kiedis tut am Anfang noch so, als wäre er das virile Sextier von früher, das einst nur mit einer über den Penis gezogenen Socke auf der Bühne stand. »Well, I’m an animal / Something like a cannibal / I’m very flammable / And partially programmable«, abzählreimt der gerade noch 59-Jährige in »Tippa My Tongue«, erkennt aber gleichzeitig an, dass die Exzesse der Vergangenheit angehören: »Centuries of overuse / Now I wear it nice and loose«. Gemeint ist hier wohl vor allem das kleine Löschpapier mit LSD, das er auf seine Zungenspitze für den nächsten Microdosing-Trip in die Traumkantine legt. Aber in seinen Visionen wird er nun, im Zuge des Albums, milder und milder, nicht wilder.

Gegen Ende, in einem Song, der für die prototypische L.A.-Band nicht adäquater betitelt sein könnte (»La La La La La La La La«) träumt er, reumütig über alte Sünden, vom trauten Romantik-Date am Strand mit Fast Food und der Liebsten, die am besten für immer bei ihm bleiben soll: »I wanna spin my wheels with you / Win and lose some beers with you / Tell me how it feels for you / To order Happy Meals for two«, croont Superdude Kiedis in der wohl ersten Powerballade der Chili Peppers. Niedlich!

Zum Schluss, im Blues »Carry Me Home«, gesteht er seine Einsamkeit und gibt sich universell versöhnlich mit allen Andersdenkenden im Angesicht der Umweltapokalypse: »You’ve got your way and I guess I have mine / Both gonna die at the very same time.« Deeper als das wird Surf-Philosophie nicht mehr in diesem Leben.

Dazwischen gibt’s – leider unvermeidlich – Rockprotz-Grausamkeiten wie »Bag of Grins«, »Copperbelly« oder auch die leider allzu grobe Fake-News-Verdammung »Fake as Fuck«, die musikalisch als James-Brown-Bromance mit funky Horns beginnt und dann in einer klotzigen Hendrix-Hommage endet: The wind cries mercy… oder so. Für unterhaltsamen Nonsens und Fingerübungen wie »My Cigarette« (das Saxofon!) oder »The Drummer« (die Achtziger!) ist natürlich auch noch Platz. Und für ein Bass-Solo (!) am Schluss von »Roulette« auch.

Umso schöner die Popexkursionen, in denen das Talent der Band, immer wieder ein paar Hooks für die Ewigkeit aus der großen Band-Bong zu saugen, tröstlich zutage tritt: »Afterlife« swingt locker in der Hüfte, bis Frusciante am Ende des Songs ein langes, disziplinierendes Solo spielen darf. Auch die rührende Eddie-Van-Halen-Verbeugung »Eddie« ist ein Spielplatz zum Rumtollen für den Gitarristen. »Handful« aber ist der heimliche Hit des Albums, ein angedeuteter Reggae mit Mariachi-Bläsern, der in der Gesangsphrasierung schon ganz altväterlich an Bob Dylans salbungsvolles Siebziger-Epos »One More Cup of Coffee« erinnert. Auch hier sehnt sich Kiedis bescheiden nach einer liebevollen Umarmung im Alter (oder schlicht der nächsten Blunt-Rolle): »Someone roll me right over / Handful of love when it’s time to get older«. Ja ja, schon gut, kommt knuddeln! (7.7)

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Kurz abgehört:

Dillon – »6abotage«

Manchmal müssen Dinge erst zerfallen, damit sie neu wieder zusammengesetzt werden können. Vielleicht hatte die in Berlin lebende Musikerin Dominique Dillon de Byington mit ihrem zum Schluss immer gediegener gewordenen Kammerpop eine kreative Sackgasse erreicht. Als Dillon war sie mit Ende Zwanzig zu einer gefeierten Indie-Szenegröße geworden, doch was nun? Fünf Jahre nach ihrer letzten Veröffentlichung kehrt die jetzt 34-Jährige mit ihrem traurigen, aber auch trotzigen Album »6abotage« zurück. Es eröffnet ihrer Musik neue Dimensionen, enthält vielleicht sogar ihren ersten Pophit. Verantwortlich für ihren jetzt entschlossen urbanen und elektronischen Sound ist vor allem der aus dem Hip-Hop kommende Produzent Alexis Troy, der zuvor harte Rapper wie Kollegah mit Beats versorgte, aber auch den soften Trap-R&B des Bietigheimer Popstars Rin ausstattete. Die Zusammenarbeit mit Troy war für Dillon ein Erweckungserlebnis: »Ich fand so viel Trost in seiner Arbeit, dass ich mich völlig fallen lassen konnte«, sagte sie kürzlich in einem Interview. Getragen wird die Musik der Brasilianerin aber noch immer von der Singstimme, mit der sie tiefsten Kummer und Verletzungen auslotet. In ihren Texten arbeitet Dillon eine offenbar toxische Beziehung auf, an der sie beinahe zerbrochen wäre. »<3core« nennt sie das in der gleichnamigen Songoperette: Hardcore-Liebe. (7.8)

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Bill Callahan – »Reality«

Wenn ausgerechnet der wohl größte Schlechte-Laune-Schlumpf der Americana-Szene in einem Statement behauptet, er wolle die Menschen mit ermutigender Musik aus der Pandemielethargie reißen, sollte Ironiealarm losschrillen. Einerseits hatte sich Callahan, beseelt vom privaten Familienglück, bereits auf seinen letzten beiden Alben von einer versöhnlichen Seite gezeigt, also wird’s auch hier wieder schön und rührselig, wenn er die solidarisch verschränkten Händchen seiner Kinder betrachtet oder über den Geist seiner verstorbenen Mutter sinniert. Andererseits schlägt sein grundsätzlich säuerliches Naturell trotz viel musikalischer Akustik-Sweetness und bunter Vöglein auf dem Cover natürlich schnell wieder durch. Gleich im zweiten Song seines 19. Albums, eines der besten seit »Apocalypse« von 2011, ist der Sarkasmus wieder da: »I feel something coming on«, singt er, wie immer im sinnierenden Bariton, »a disease or a song«. »Everyway« erzählt dann die Geschichte schiffbrüchiger Seemänner, die ihre klammen Hände in den Innereien eines Pferdekadavers wärmen – »at least we’re all in this horse together«, ist die trockene Pointe. Callahan gilt vielen als eher den Naturgewalten, nicht so sehr Gott verbundener Erbe Leonard Cohens, eine Zumutung, die er zu Beginn des Hillbilly-Blues »Bowevil« lakonisch kommentiert, wenn er ein tiefes »Everybody knows« in den Äther brummelt. Ha! Die Band macht dann im weiteren Verlauf des Albums mit Donnerpauken und Nebelhörnern und ausufernder Krautrock-Psychedelik Ernst mit dem allgemeinen Wachrütteln. Fröhlicher wird’s nicht im Callahan-Country. (8.0)

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Daphni – »Cherry«

Na gut, jetzt zu dem Album, das wirklich das Potenzial besitzt, einen kurz und heftig aus dem Covid-Kater zu reißen (bevor es in den wahrscheinlich wieder lähmenden Winter geht): Daphni ist das Experimentierprojekt des kanadischen Musikers, DJs und Produzenten Dan Snaith, der hauptberuflich unter dem Namen Caribou schönen, elaborierten Elektronik-Pop herausbringt, der sehr populär ist. Daphni ist sein Spielplatz der lässig hingeworfenen, manchmal auch unfertig wirkenden Skizzen, mit denen er bereits mehrere, extrem unterhaltsame Alben füllte. »Cherry« ist also sozusagen die Kirsche auf dem Caribou-Kuchen. Die Tracks sind kurze, effektive Zuckerschocks, zumeist ohne viel Firlefanz um einen Loop oder ein Sample herumgebaut – oder einen Ping-Pong-Sequenzer-Sound, der in ein verlässlich ratternden House-Rhythmus geworfen wird (und dort schönstes Chaos anrichtet). Egal ob osteuropäische Folklore (»Always There«), Disco-Fundstücke (»Take Two«), Moog-Spielereien (»Clavicle«) oder Minimal-Techno – das Tempo der Tracks ist – pardon – atemberaubend und fordert den Hörer heraus, die kompletten 48 Minuten manisch durchzuzappeln. Geht auch im Wohnzimmerklub, klar. (7.5)

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Tove Lo – »Dirt Femme«

Die Frau, die noch Mitte des letzten Jahrzehnts »the saddest girl in Sweden« genannt wurde, muss man sich heute als glückliche Person vorstellen: »Dirt Femme« ist das sechste Album der 34-jährigen Popsängerin Ebba Tove Elsa Nilsson, die als Tove Lo auftritt – und es ist ihr erstes, dass nicht mehr bei einem Industrieriesen erscheint. Wahrscheinlich gingen dem Major-Label die Empowerment-Aktivitäten der demonstrativ unangepassten Künstlerin allmählich eh zu weit. Denn Tove Lo schrieb nicht nur Hits für Ellie Goulding oder Kylie Minogue, sondern fällt in ihrer eigenen Performance oft durch ständiges Vorzeigen ihrer Brüste auf, skandalös bis hin zur YouTube-Sperrung 2016 mit ihrem Kurzfilm »Fairy Dust«, in dem sie masturbiert. »Ich möchte erreichen, dass Frauen genauso nackt sein können wie Männer – lustig nackt oder nackt, nur um nackt zu sein«, sagte sie damals. Jetzt hat sie also nicht nur ihren Körper befreit, sondern auch ihre Musik. »Dirt Femme« ist trotzdem kein »Indie«-Album, sondern ein funkelnder, an Giorgio Moroder geschulter Disco-Sound – mit vielleicht etwas mehr Edge als bei vergleichbaren Kolleg:innen. Etwa in Hi-NRG-Dance-Nummern wie »Pineapple Slice« (mit SG Lewis, über orale Befriedigung), im durchaus selbstkritischen Disco-Groove von »Attention Whore«, in der Problemzonenbetrachtung »Grapefruit« oder im Deep-Funk von »Kick in the Head«, einer Aufforderung, die morgenmuffelige Protagonistin des Songs kopfüber aus dem Bett zu treten. Danach verspricht sie allerdings, abzugehen wie Puffmais – darauf deutet jedenfalls die Verwendung des frühen Elektronik-Klassikers »Popcorn« in »2 Die 4« hin: »Look alive and come with me«, singt sie über den aufgekratzten Beat. Hot and bothered, äh buttered! (7.3)

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Wertung: Von »0« (absolutes Desaster) bis »10« (absoluter Klassiker)

Abgehört im Radio

Mittwochs um Mitternacht (0.00 Uhr) gibt es beim Hamburger Webradio ByteFM  ein »Abgehört«-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte. Seit 1. Januar 2022 sendet ByteFM in Hamburg auch auf UKW (91,7 und 104,0 MHz).

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Die Wiedergabe wurde unterbrochen.