Reggae-Rebellin Terry Lynn Lied vom nackten Überleben

Kiffen, Coolness, Abhängen im Sonnenuntergang - Reggae zeigt das relaxte Leben im Karibik-Idyll? Quatsch, sagt Sängerin Terry Lynn. Auf ihrem kämpferischen Debütalbum "Kingstonlogic 2.0" berichtet sie von Gewaltherrschaft in den jamaikanischen Ghettos. Zum Hinhören!
Von Thomas Winkler

In Südafrika sagen sie Township, in Peru Barriada. Die Haitianer nennen es Bidonville, die Brasilianer Favela und die Argentinier Villa miseria. Viele verschiedene Namen, marginale Unterschiede. Hier wie dort regieren Armut, Gewalt und Drogen, Tod, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung. Auf Jamaika heißt es schlicht Ghetto. "Dort wurde ich geboren", erzählt Terry Lynn, "meine Mutter hat es nicht mal ins Krankenhaus geschafft."

Das Ghetto von Terry Lynn heißt Olympic Gardens, wird Waterhouse genannt und liegt in Kingston. Sie war das neunte von neun Kindern. Heute, gut drei Jahrzehnte später, lebt sie immer noch bei ihrer Mutter in Waterhouse. Und singt davon auf "Kingstonlogic 2.0", ihrem ersten Album. "Worüber soll ich sonst singen", sagt sie, "damit kenne ich mich aus."

Durch ihre Songs hallt das Echo von Schüssen, heulen die Sirenen der Polizei. Sie beschreibt, wie das Blut durch die Straßen von Kingston fließt, wie Korruption und Polizeiübergriffe das Leben bestimmen, wie die Perspektivlosigkeit die jungen Männer in die Gangster-Banden drängt.

Natürlich sind diese Themen längst Allgemeingut im jamaikanischen Pop. Ob über dem sanften Schaukeln des Roots Reggae, dem verhallten Zögern des Dub oder über den hart knallenden Beats des Dancehall: Seit Jimmy Cliff 1972 im Film "The Harder They Come" dem Gesetzlosen ein popkulturell verwertbares Gesicht gegeben hat, ist der Gangster in der jamaikanischen Popmusik zum geradezu mythischen Helden gewachsen. Zum Offbeat erzählen die jamaikanischen Rapper und Sänger immer wieder neu ihre Rebellengeschichten. Wie ihre Rap-Kollegen aus den USA stilisieren sie den Lebensentwurf als Zuhälter und Drogendealer zur einzigen Fluchtmöglichkeit aus der Endstation Ghetto.

Terry Lynn dagegen geht einen Schritt zurück. Sie erzählt von dem Leben, aus dem diese Mystifizierung entspringt, erzählt vom Kampf ums nackte Überleben im Ghetto. Sie berichtet davon, was hinter der Heldenverehrung des kleinkriminellen Gangsters verborgen zu drohen bleibt. "Diese Themen müssen endlich einmal angesprochen werden", sagt sie, eine schmale, sanfte Frau, die dennoch im Videoclip zu "Kingston Logic", das in schneller Folge Standbilder von den Straßen Jamaikas, aus Kirchen und Elendsvierteln kompiliert, mit Pistolen und Messern posiert: "Ich propagiere keine Gewalt, aber ich stelle sie dar, denn es muss endlich mal darüber geredet werden."

Der Heroisierung die Realität entgegensetzen

Terry Lynn setzt der Heroisierung die Realität entgegen. Sie spricht von gewaltbereiten Gesetzeshütern, von korrupten Politikern, von einem kranken System. Sie spricht aber auch von den Opfern, von denen, die in einer verrohten Gesellschaft, die eine der höchsten Mordquoten der Welt produziert, auf der Strecke bleiben. Von den Frauen, denen als einzige Erwerbsmöglichkeit die Prostitution bleibt. Von einsamen Müttern und vaterlosen Kindern. Sie hofft, dass der Reggae so nicht mehr nur zum Eskapismus dienen könnte, sondern wieder einmal die Rolle einnehmen möge, die der Rap einmal in den USA spielte, als Chuck D. von Public Enemy den HipHop zum CNN des schwarzen Mannes erklärte. "Ich hoffe, sagt sie, "dass meine Musik genau diese Funktion erfüllen kann."

Mit dieser Dringlichkeit steht sie bislang allerdings recht einsam da. Entsprechend hat ihre erste Platte eine lange und verworrene Produktionsgeschichte hinter sich. Das Veröffentlichungsdatum wurde immer wieder nach hinten verlegt, Monate, ja sogar Jahre. Denn es gibt einen gut funktionierenden Markt für schläfrigen Reggae, der die altbekannten Sommer-Sonne-Marihuana-Klischees bestätigt, und auch einen Markt für den tanzbodentauglichen Dancehall und seine von einem archaischen Männerbild geprägten Posen. Einen Markt für den ungleich politischeren Entwurf von Terry Lynn gibt es nicht.

Noch nicht, sagt Lynn. "Es geht darum, diese Themen auf den Tisch zu bringen, denn darüber zu reden ist der erste Schritt zur Veränderung." Ein womöglich naiver Ansatz, der aber immerhin von kraftvoller Musik getragen wird.

Denn so wenig Lynn inhaltlich die üblichen Reggae-Stanzen reproduziert, so wenig tut sie das auch musikalisch. Das hat durchaus strukturelle Gründe: Es ist nicht einfach, in der vom Machismo geprägten jamaikanischen Musikszene eigene Vorstellungen umzusetzen. In den Studios von Kingston ist für Frauen gemeinhin kaum mehr vorgesehen als ein Job als Background-Sängerin oder willfähriges Vorzeigepüppchen für diktatorisch veranlagte Produzenten. "Aus diesen Rollenvorgaben auszubrechen, war schwierig", sagt Lynn, "ich kämpfe auch für das Recht von Frauen, über Politik sprechen zu dürfen". So blieb ihr nur der Weg ins Ausland.

Daher hört man, dass große Teile von "Kingstonlogic 2.0" außerhalb von Jamaika, in Toronto oder Bordeaux, produziert wurden. Nicht nur weil Lynn darauf verzichtet, im jamaikanischen Dialekt Patois zu singen, denn "meine Texte soll die ganze Welt verstehen". Auch die strukturellen Vorgaben des modernen Offbeats sollten so weit wie möglich ausgedehnt werden. Elemente aus Industrial und House finden sich ebenso wie Zitate moderner Pop-Musik. Mal stören die Synkopierungen des amerikanischen Star-Produzenten Timbaland die Idylle, mal fahren harsche Geräusche durch die Tracks. Sogar dem alten Gassenhauer "Rivers of Babylon" kann Lynn Neues abgewinnen.

Das Ergebnis ist eine Auseinandersetzung mit jamaikanischen Stereotypen, die den stromlinienförmigen Vorstellungen von der Sonneninsel Jamaika eine sperrige Wirklichkeit entgegensetzt. "Denn man muss Stellung beziehen", wird Lynn kämpferisch, "sonst wird sich niemals etwas ändern." Aber wird sich etwas ändern können? Durch Musik? "Ich möchte die Stimme dieses Wandels sein", sagt Terry Lynn.


Terry Lynn: "Kingstonlogic 2.0" (Phree Music/Grooveattack)
Terry Lynn auf Tournee:
1.5. Darmstadt, Schlosskeller
2.5. Köln, Studio 672
3.5. Berlin, Zapata

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