Fotostrecke

Deutscher Retro-Pop: Durch Raum und Zeit

Foto: Tapete Records

Deutscher Indie-Pop der Achtziger Für immer Mod

Wild, beschwingt und zur falschen Zeit am falschen Ort: Jenseits der Neuen Deutschen Welle glänzten in den Achtzigern Bands wie Huah! und Die Antwort - mit stilbewusstem Pop, der in Deutschland eine Seltenheit ist.

Erfolg im Pop ist auch eine Frage des Timings. Wer zu früh oder zu spät kommt, hat in der Regel Pech gehabt. Kein Wunder also, dass fast alle Bands auf dem treffend betitelten Sampler "Falscher Ort Falsche Zeit" nur wenigen bekannt sind.

Jenseits der Neuen Deutschen Welle und der sogenannten Hamburger Schule produzierte in den Achtzigerjahren eine Riege junger Bands so beschwingte wie unbeschwerte Popmusik, was in Deutschland ja nur äußerst selten vorkam.

Einige dieser jungen Wilden wurden etwas bekannt; wie die Antwort, eine Hamburger Band um den Singer-Songwriter Bernd Begemann, die hier mit "Die Nacht, die niemand haben wollte" vertreten ist, der ersten Nummer, die sie jemals einspielte. Auch an Family 5, Merricks oder Huah! könnten sich ein paar Interessierte erinnern. Aber die Tanzenden Herzen? Raumpatrouille Rimini? Der böse Bub Eugen?

Die Antwort: Die jungen Wilden um Bernd Begemann

Die Antwort: Die jungen Wilden um Bernd Begemann

Foto: Tapete Records

Es ist faszinierend, dass die Platte, obwohl hier 19 verschiedene Bands zu hören sind, wie aus einem Guss durchläuft. Andererseits passt das, denn all diese Musiker eint der Geist der rumpligen Harmonie. Vielleicht sollte noch erwähnt werden, dass die Bands alle aus der Indie-Szene kamen. Doch allein die Idee, alle unter einen Hut zu bringen, ist schon ein Coup.

Detektivarbeit in alten Kinderzimmern

Den Plan zu der kühnen Zusammenstellung "Falscher Ort Falsche Zeit" hatte der Hamburger Carsten Friedrichs, der als Musiker mit Superpunk und derzeit der Liga der gewöhnlichen Gentlemen selbst einige bemerkenswerte Platten zu verantworten hat. Zuletzt ging er Andreas Dorau mit gewitzten Texten zur Hand. "Es waren die Leute auf dieser Platte", sagt Friedrichs, "die mich überhaupt mal dazu gebracht haben, auf Deutsch zu texten."

Die Wucht und der Hauch von Retro-Sixties-Beat-Melodien der von ihm gesammelten Bands erinnert immer wieder an britische Vorbilder des Mod-Revivals der späten Siebziger - also an Klassiker wie Paul Wellers The Jam. In den USA und England werden solche Platten als "Power Pop" in Plattenläden einsortiert. Ein Genre, das in Deutschland nie wirklich ankam.

Eine Sammlung deutscher Mod-Bands hatte Carsten Friedrichs jedenfalls ursprünglich im Sinn. Dann fasste er den Rahmen doch enger und beschloss, sich ausschließlich auf "deutschsprachige gitarrenlastige harmonische Musik" zu beschränken. "Nichts für Puristen", sagt er.

Was folgte, war Detektivarbeit. Aus Deutschland, Österreich und der Schweiz sammelte Friedrichs die Beiträge: aus Hamburg die Mobylettes oder Hermann's Orgie, aus Berlin die Tanzenden Herzen, aus München die Merricks, aus Wien The Venue, aus Darmstadt Painting by Numbers. Einige der Musiker gruben dafür in ihren alten Kinderzimmern verstaubte Kassetten aus mit Songs, die nun klangtechnisch aufpoliert wurden. Der Aufwand hat sich gelohnt: "Falscher Ort Falsche Zeit" bietet ungewöhnlich aufgekratzt wirkende deutsche Songs.

Dass die Beteiligten zur falschen Zeit am falschen Ort waren, zeigt sich auch daran, dass die meisten der hier vertretenen Bands längst Geschichte sind. Doch in diesem Jahrtausend sind sie immerhin eine herrliche Wiederentdeckung.

Anzeige

Various:
Falscher Ort Falsche Zeit

Tapete (Indigo); 14,99 Euro.

CD bei Amazon: Various Falscher Ort,Falsche Zeit! 

Mehr lesen über