Retro-Phänomen Rockabilly Kamm in der Hose

Rock'n'Roll ist mehr als Musik, es ist ein Lebensgefühl. Wenigstens für echte Fans, die man hierzulande vor allem im Ruhrgebiet findet. Der jetzt auf DVD veröffentlichte Dokumentarfilm "Rockabilly Ruhrpott" porträtiert das subkulturelle Biotop mit viel Liebe zum Detail.

thevissenfilm

Im Ruhrpott lebt Elvis an vielen Orten: In Bottrop, Gelsenkirchen, Herne oder Oberhausen tragen Jungs aller Altersklassen gerne mal ausladende Haartollen, enge, unten umgeschlagene Jeans und ein Lebensgefühl namens Rockabilly zur Schau, und wenn ihnen auf der Straße oder im Bus einer "Elvis" nachruft, sind sie eher stolz als beleidigt.

Rockabilly ist der Name einer Subkultur, die seit mehr als einem halben Jahrhundert jenseits aller Moden weltweit gepflegt wird und die hierzulande besonders im Ruhrgebiet floriert. In dem bemerkenswerten Dokumentarfilm "Rockabilly Ruhrpott", der gerade auf DVD erschienen ist, wird dieses subkulturelle Biotop mit viel Liebe zum Detail ausgeleuchtet. "Unsere Religion ist der Rock'n'Roll", sagt gleich zu Beginn ein vergnügter Ruhrpott-Rocker, und über diesen Glauben plaudern da vor der Kamera viele Rockabilly-Menschen mit freudiger Euphorie und erläutern, was so anziehend an ihrer Kultur ist.

Der Zuschauer lernt, dass es bei Rockabilly selbstverständlich ausgiebig um Musik, genauer gesagt Rock'n'Roll geht, aber darüber hinaus geht es eben tatsächlich auch um eine Haltung zum Leben, um ein gepflegtes, etwas altmodisches "Anderssein" und letztlich um eine charmante Rebellion gegen die Tristesse des grauen, modernen Alltags, egal ob in Memphis, Tokio oder eben Gelsenkirchen.

Dick Brave ist uncool - aber alle gehen hin

Dass Rockabilly eine mit Country und Rythm'n'Blues angereicherte Spielart des Rock'n'Roll ist, deren goldene Ära die fünfziger Jahre waren und deren Ursprung in den Südstaaten der USA liegt, ist schnell bei Wikipedia nachzulesen. Aber eine Idee davon, wie es sich in diesem Jahrtausend anfühlen muss, mit üppig gegelten Haaren und Kamm in der Hose durch deutsche Fußgängerzonen zu spazieren, vermittelt aufs Wunderbarste dieser Film. Vor allem Männer, aber auch einige Frauen berichten da von ihrer Leidenschaft für eine Musik, die nicht im Radio läuft, für Mobiliar von Großmutter, Tattoos und gute Manieren: "Wir halten Frauen die Türen auf."

Das Erstaunliche ist, dass das Phänomen Rockabilly nie wirklich verschwunden war; für eine treue Anhängerschar blieb es immer zeitgemäß, was sicherlich vor allem der Musik zu verdanken ist, die einst Elvis, Buddy Holly und Johnny Cash populär machten und die seit Jahrzehnten konstant weltweit ein treues Publikum euphorisiert. In den Achtzigern führten Stray Cats und Shakin' Stevens Rockabilly-Klänge sogar wieder in die Charts und sorgten so für eine Revitalisierung im Rockabilly-Universum.

In diesem Jahrtausend füllt hierzulande der Schlagersänger Sasha alias Dick Brave mit Rock'n'Roll große Hallen: "Das ist natürlich uncool, aber dann gehen doch alle hin", verrät ein Rockabilly-Vertreter vor der Kamera und weist darauf hin, dass auch auf diesem Weg eine frische Zielgruppe auf die Retro-Kultur aufmerksam wird. Das ist ein dankenswerter Nebeneffekt, denn wer "Rockabilly Ruhrpott" gesehen hat, wünscht sich mehr dieser leidenschaftlichen Traditionalisten in der modernen Welt.

Mehr zum Thema


insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
DeeDeeBee 13.01.2012
1. Angenehm...
Zitat von sysopRock'n'Roll ist mehr als Musik, es ist ein Lebensgefühl. Wenigstens für echte Fans, die man hierzulande vor allem im Ruhrgebiet findet. Der jetzt auf DVD*veröffentlichte Dokumentarfilm "Rockabilly Ruhrpott" porträtiert das subkulturelle Biotop mit viel Liebe zum Detail. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,808724,00.html
Angenehm bekloppt. Leider beschäftigen sich viel zu wenig Schaffende (Musiker) mit diesem herrlichen Stil. Und dass der Sasha den Dick Brave macht, übrigens mit hervorragenden Musikern, ist erfrischend genial. Als Guitarrist beschäftigt man sich zwangsläufig irgendwann `mal mit den Stray Cats und muss feststellen, wie gut dieser Brain Setzer wirklich ist. Ich kann, obwohl ich nicht mit gegelter Tolle und Kamm in der Hose rumlaufe, sehr wohl nachvollziehen, warum Mädels und Jungs diesen Stil des alten Rock´n Roll leben, meine Zeit war der moderne Rock´n Roll mit langer Mähne, s/w Streifenhose, Buffalo´s und Van Halen im Gepäck. Da haben die Mädels uns die Türen aufgehalten...;o)
nordmatiker 13.01.2012
2. nicht zu vergessen
Queens "Crazy Little Thing Called Love". Höre ich immer wieder gern.
bohemienhd 13.01.2012
3. Wenn ...
Zitat von sysopRock'n'Roll ist mehr als Musik, es ist ein Lebensgefühl. Wenigstens für echte Fans, die man hierzulande vor allem im Ruhrgebiet findet. Der jetzt auf DVD*veröffentlichte Dokumentarfilm "Rockabilly Ruhrpott" porträtiert das subkulturelle Biotop mit viel Liebe zum Detail. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,808724,00.html
... Sie schon für eine Artikel-Recherche nicht über Wikipedia hinauskommen, dann geben Sie es bitte wenigstens korrekt wieder: Rockabilly ist nicht mit Country und R'n'B *angereichert*, sondern aus der Kombination beider entstanden.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.