"Rosenkavalier"-DVD Frag' zum Abschied leise Kupfer

Das Strauss-Jubeljahr zum 150. Geburtstag endet erfreulich. Zur Krönung der Veröffentlichungsflut gibt es den Salzburger "Rosenkavalier" von Harry Kupfer auf DVD. Auch notorische Anti-Kavalieristen können mit dieser Version leben.

Roman Zach-Kiesling/ ORF

Mal ehrlich, so ein ganz kleines bisschen kann der "Rosenkavalier" auch nerven. "Nein, nein, nein, nein! I trink' kein' Wein!" - die bescheidene und übermäßig ausgereizte Intrige im dritten Akt der Großoper von Richard Strauss, bis der alterswilde Macho Ochs auf Lerchenau endlich zur Strecke gebracht ist, zerrt an den Nerven. Die Moral: Geilheit gehört bestraft, junge Leute sollen bittschön Gleichaltrige heiraten und Damen ab 40 Jahren müssen sich früher oder später auf den Verlust ihres jugendlichen Liebhabers einstellen. Viel opulent brausender Orchesterklang um milde stimmende Erkenntnisse.

Die musikalisch füllige und mindestens dreieinhalb Stunden lange Oper - das Opus magnum von Richard Strauss - muss sich regelmäßig Kritik gefallen lassen, trotz des Librettos von Hugo von Hofmannsthal. Der hatte eine Menge an Ironie, Melancholie und Schmerz hineingedichtet. Inklusive einer silbernen Rose zur Brautwerbung, auf welche er das Patent besitzt. Davor kannte das nämlich niemand, zumindest in Österreich.

Wenn es um Abschiede wie im "Rosenkavalier" geht, fragt man gern altgediente Könner. Mit Recht: Dass dies Strauss-Schaustück 2014 zum 150. Geburtstag des Komponisten bei den Salzburger Festspielen zu einem rasanten Erfolg wurde, verdankt das Werk der durchdachten und frischen Regie von Harry Kupfer. Der tappte nicht in die Aktualisierungsfalle und verbrachte die Handlung aus dem Österreich von Kaiserin Maria Theresia in die Gründerzeit ungefähr zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als die Industriellen wie der Sophie-Vater Faninal die neue Ära zu bestimmen begannen. Dennoch wirkt alles Ambiente und Gepose der Protagonisten irritierend zeitlos - denn die DVD-Bildregie präsentiert das Bühnengeschehen wie im Fernsehspiel aus verschiedenen Kamerablickwinkeln und bricht damit die Theaterwirkung effizient auf und steigert ihre Intensität.

Sanfte Reise in erotische Zukunft

Regisseur Kupfer und sein nicht minder kreatives Team Yan Tax (Kostüme) und Hans Schavernoch (Bühne) gestalten die "Rosenkavalier"-Geschichte von der Vergänglichkeit, dem Älterwerden, der romantischen Liebe und der Melancholie des Verzichts zu einer idyllischen und gleichzeitig bedrohten Schnitzler-/Joseph-Roth-Welt vor dem Ersten Weltkrieg. Sie bezirzen den Zuschauer mittels künstlich und gleichwohl künstlerisch anmutenden Fotoprojektionen, die sanfte Ironie ebenso wie empathische Draufsicht ermöglichen und dadurch wahrhaftiger wirken als schillerndes Rokoko oder alle ätzende Jetztzeit-Imagination es könnte.

Peter Konwitschny bürstete 2002 in seiner Hamburger Version die Schlussszene mit dem erkenntnismilden "Hab's mir gelobt"-Trio als Gespräch zwischen Schaufensterpuppen, als Reise in eine kalte Nacht grausam gegen den Strich - und trieb dem Stück damit die Hoffnung aus. Keine Rede von so etwas bei Kupfer: Die Marschallin Gräfin Werdenberg entschwindet mit dem reichen Faninal in standesgemäßer Rolls-Royce-Karosse, lässt ihren jugendlichen Ex-Liebhaber mit seiner frischen Rose Sophie in eine erotische Zukunft. Dazu bricht in einer dunstigen Waldlichtung - selbstverständlich auch die ein monumentales Foto ohne irgendwelche Realitätssimulation! - langsam der neue Morgen hervor. Nein, das ist nicht kitschig, sondern wie schon während der ganzen Inszenierung eine deutliche Metaebene, die die Idylle nicht erträglich macht, sondern berauschend.

Große Solisten, penibler Welser-Möst

Das Ensemble dazu überzeugte nahezu ohne Schwachstelle. Der robuste Günther Groissböck als lustgesteuerter Westentaschen-Don-Juan spielt mit Schmäh und singt souverän bassmächtig: Er beherrscht die Bühne selbst noch, wenn ihm sein Toupet vom Schädel geflogen ist. Sophie Koch als Octavian hält kraftvoll dagegen. Kein Wunder, sie glüht förmlich als Idealbesetzung in der androgyn angelegten Rolle, überzeugt mit Komik ebenso wie mit subtiler Stimmkontrolle. Fast ein wenig zu filigran und schüchtern nett dagegen Mojca Erdmanns Sophie, die wirklich alle Reserven mobilisieren muss, dies aber mit Anmut und Charme wettmacht.

Glänzend auch die Ausstrahlung und voluminös schimmernde Sopran-Pracht von Krassimira Stoyanova als Marschallin, die mit Macht und Autorität sogar noch den Sex-Hooligan Ochs überstrahlt. Beim krönenden Schluss-Trio, das den drei Damen überirdisch und nahezu perfekt gelang, in diesen Gänsehautminuten weiß man dann, weshalb "Der Rosenkavalier" von manchen Menschen doch als beste aller Opern gefeiert wird.

Die Wiener Philharmoniker könnte man allesamt wahrscheinlich nachts um drei wecken, und sie würden auf Wunsch einen achtbaren "Rosenkavalier" herunterspielen können. Dass es sich eben nicht nach Routine und Schmäh anhört, geht auf das Konto des peniblen Dirigenten Franz Welser-Möst, der die süffige Fülle der Noten in schäumenden Fluss überführte und die Sache dabei doch nicht leichtnahm. Disziplin, Details und Gasgeben zur rechten Zeit: Die Wiener Staatsoper wird sich noch nach ihren Welser-Möst-Zeiten zurücksehen, denn der Maestro hat ja vor Kurzem den Bettel hingeworfen.


DVD-Angaben:
Richard Strauss: Der Rosenkavalier. Salzburger Festspiele 2014. Wiener Philharmoniker, Leitung Franz Welser-Möst, Krassimira Stoyanova, Günter Groissböck, Sophie Koch, Mojca Erdmann u.a.; 2 DVDs, Cmajor/Unitel Classica; 35,99 Euro.



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Hornblower, 28.12.2014
1. Ich kann
es nun mal nicht nachvollziehen und sehe es wie Mozart. Will sagen bei der Gräfin ist es einfach das Defizit durch die Umtriebigkeit des Grafen und die Erinnerung an das Sehnen in der Jugend. Nur in einer höfischen Gesellschaft müssen sich junge Menschen durch die Betten hochdienen? Nichts gegen Verehrung oder Seelenverwandtschaft aber als credo eher untauglich. Dorothee Sehrt-Irrek
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