Rick Rubin Suche nach der Ewigkeit

Der Produzent Rick Rubin macht aus Songs Welthits. Nun versucht er sich an einer noch größeren Aufgabe: die Zukunft der Musikindustrie zu finden.

Rick Rubin lässt sich ungern stören. Insbesondere Interviews hält er für Zeitverschwendung. Wenn es mal sein muss, gewährt er zwar eine Schnellaudienz am Telefon - aber mehr geht kaum. Wer ihm aber dann doch eine Verabredung abringt, muss Geduld mitbringen, nach Malibu reisen und darf sich nicht davon irritieren lassen, dass Zeit und Ort des Treffens sich stündlich ändern.

Diesen Zirkus kann der Mann sich erlauben, weil er eben Rick Rubin ist, der gegenwärtig wohl erfolgreichste Musikproduzent des Planeten und einer der wichtigsten Männer der Musikindustrie überhaupt. Bands und Künstler wie die Red Hot Chili Peppers, Johnny Cash, U2, Justin Timberlake, Neil Diamond, Beastie Boys, LL Cool J, Dixie Chicks oder Metallica haben ihm viele Millionen verkaufter Tonträger und mitunter ihre ganze Karriere zu verdanken.

Und weil alles, was er angeht, ein Hit zu werden scheint, hat ihn der Musikgigant Sony BMG vor anderthalb Jahren obendrein noch zum Co-Chef des ruhmreichen Labels Columbia gemacht. Denn die immer noch kriselnde Musikindustrie möchte mit seiner Hilfe, mit seinen Visionen für Absatzwege der Zukunft auch endlich wieder zum Hit werden. Dass Rubin lange zögerte, bis er dieses Amt akzeptierte, und - unter anderem - zur Bedingung machte, dass er nie eine Konferenz besuchen, nie ein Büro betreten, nie eine Dienstreise antreten und nie einen Anzug anziehen müsse, passt zur Aura der Unnahbarkeit, die dem 45-jährigen Amerikaner anhängt.

"Das sind keine Allüren, ich versuche einfach allen Dingen, die mich von meiner Beschäftigung mit Musik abhalten, aus dem Weg zu gehen", sagt er mit ruhiger Stimme. Rubin spricht bedächtig, aber auch eindringlich wie ein alter Prediger, was einerseits vielleicht daran liegt, dass er Meditation so liebt wie Rockmusik, andererseits wohl aber auch daran, dass es zu seinem Beruf gehört, dass er seinen Klienten stets erklärt, was richtig und was falsch ist.

Vom geräumigen Wohnzimmer seines Anwesens in Malibu auf einem Hügel bei Zuma Beach genießt man einen freien Panoramablick über den Pazifik. Ein Nachmittag im Herbst, draußen sind 35 Grad Celsius, Autolärm gibt es hier nicht, stattdessen nur ein entferntes Rauschen des Meeres, in dem tatsächlich die Delfine springen.

Finanzmarktdesaster, Rezessionsängste, Gedröhne um den neuen US-Präsidenten und all die anderen Turbulenzen einer gepeinigten Welt scheinen Lichtjahre entfernt. Hier herrscht mit viel Geld erkaufte Ruhe, die in der Nachbarschaft hinter hohen Mauern, gewaltigen Eingangstoren und Straßen, in denen das Parken verboten ist, auch Anthony Hopkins, Barbra Streisand und Owen Wilson genießen. Dass ein paar Anwesen weiter Bob Dylan residiert, weiß Rubin von dessen Sohn Jakob, mit dem er neulich ein Album aufgenommen hat und der in dieser Hügeloase Jahre seiner Kindheit verbrachte.

Rubin verlässt dieses Paradies eigentlich nur, wenn er frühmorgens auf seinem schwarzen Motorroller an den Strand runterfährt, um die "spirituelle Stille" zu genießen. Wer etwas von Rubin will, muss zu ihm kommen - vorausgesetzt, man erfährt die Gunst einer Einladung. Der massiv gebaute Musikmeister, der stets weite Khakihosen und ein zeltartiges weißes T-Shirt zu eindrucksvollem Weihnachtsmannbart und nackten Füßen trägt, arbeitet überwiegend von diesem Wohnzimmer aus. Hier auf dem großen cremefarbenen Sofa vor zwei turmhohen Lautsprechern, einem kleinen, schicken MP3-Player und Räucherstäbchen saßen schon Metallica, Neil Diamond, U2, Johnny Cash und Legionen anderer Stars, um Platten zu planen oder gemeinsam halbfertige Lieder zu hören und zu analysieren.

Bleibt die Frage, was dieser Mann mit dem Bart eigentlich zu bieten hat. Was sind seine Qualitäten, worin besteht seine Produzentenkunst? "Grundsätzlich bin ich ein Coach", sagt er und lehnt sich langsam auf seinem Sofa zurück. "Ich helfe Künstlern dabei, ihre Stärken zu finden oder wiederzuentdecken. Vor allem anderen bin ich ein Fan, und allein aus dieser Perspektive sage ich meinen Klienten, was ich von ihren Songs halte."

Der Job des Popmusik-Produzenten ist geheimnisumwittert, angesiedelt in einer nebligen Grauzone irgendwo zwischen Scharlatanerie und Genie. Eine Tätigkeit, die man nicht lernen kann, wie auch Rubin bestätigt, und die vor allem darin besteht, dass man Musikern im Studio mit Rat und Tat dabei hilft, tolle Lieder zu zaubern. Voraussetzung ist eher ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein als ein Musikstudium, und auch Meister Rubin sagt, dass er bei seiner Arbeit nicht weniger als "die Ewigkeit" im Visier habe, "das muss der Anspruch sein".

Lange waren Produzenten die Strippenzieher hinter den Kulissen, deren Namen nur Fachleuten geläufig waren. Dass Meister des Fachs wie Brian Eno, Pharrell Williams, Timbaland oder eben Rick Rubin selber als Stars gelten, ist relativ neu. Rubin glaubt man, dass er von dem Wirbel um seine Person wirklich nichts hält. Er sei immer ein Außenseiter gewesen und habe sich in dieser Rolle wohl gefühlt, sagt er. Dazu passt, dass Rubin Aufnahmestudios nicht ausstehen kann und so weit wie möglich meidet, was einem Zahnarzt entspricht, der keine Praxen mag und seine Patienten lieber zu Hause behandelt.

"Was wollen Sie hören?"

Er wisse mit den ganzen Knöpfen und Reglern an den Mischpulten ohnehin kaum etwas anzufangen, sagt Rubin. "Das Instrument, das mich für diese Aufgabe qualifiziert, ist allein mein Gehör." Er lauscht konzentriert neuen Liedern und sagt dann, was er von ihnen hält, ob ihm die Melodie gefällt, die Gitarre zu laut oder der Text zu plump ist. Er schließt gern die Augen, wenn er sich auf die Musik konzentriert, und wenn ihn etwas wirklich beeindruckt, kann es passieren, dass ihm die Tränen kommen. Manchmal kann er auch gar nicht so genau begründen, warum ihm etwas zusagt oder eben nicht, aber er ist sich in seinem Urteil immer ganz sicher.

Und er ist immer ehrlich. Nicht gut umgehen mit Rubins Urteilen konnte Mick Jagger, dessen Soloalbum "Wandering Spirit" (1993) er betreute. Der Rolling Stone, der ehrliche Worte offenbar nicht gewohnt war, reagierte empört, als ihm der Produzent riet, einige seiner Nummern noch mal zu überarbeiten. Lars Ulrich dagegen, Schlagzeuger und Chef der Rockband Metallica, deren aktuellen globalen Bestseller "Death Magnetic" Rubin auch verantwortet, spielte ihm mal zwei verschiedene Trommelvarianten eines Liedes vor. Die eine fand Rubins Zustimmung, die andere gefiel ihm gar nicht. "Lars vertraute mir, aber er hörte den Unterschied nicht. Ich spüre in meinem Bauch, was gut ist und was nicht. Nennen Sie es Magie, intellektuell ist es jedenfalls nicht greifbar."

Zaubertricks hat Rubin tatsächlich mal praktiziert. Als einsames Einzelkind war er von Magie schwer beeindruckt. In Lido Beach, einer öden Mittelklassegegend bei New York, belebte er die Tristesse endloser Nachmittage mit dem Studium von Zaubertricks. Heute hat er keine Zeit mehr dafür, aber er verfolgt noch immer "aufmerksam, was in der Zaubererszene so passiert".

An der New York University, wo er Anfang der achtziger Jahre lustlos Film studierte, lärmte er zeitweilig als Gitarrist in einer Punkband. Was ihn wirklich beeindruckte, waren die DJs in den Clubs der Bronx, die allerlei Platten zusammenmischten, während sie zum Rhythmus über Gott und die Welt plauderten. Rap hieß das Spektakel, und der junge Rubin war so angetan, dass er von seiner Studentenbude aus begann, Rap-Platten zu veröffentlichen. Def Jam nannte er seine Zimmerfirma, und als sich "I Need a Beat" von LL Cool J 100.000 Mal verkaufte und ein großer Konzern ihm viel Geld für eine Zusammenarbeit bot, wurde die Sache ernst. Seinen besorgten Eltern schickte er eine Fotokopie des ersten großen Schecks und hakte das Studium ab.

Damals begründete Rubin eine Multi-Millionen-Dollar-Industrie, indem er Rap und HipHop für die Hitparaden aufbereitete. "Mir ging es um Songs, um Melodien und Refrains. Rap war eine Kunst ohne Strukturen, und die nötigen Strukturen habe ich der Musik verpasst." Das erste Rap-Album, das jemals die Spitze der US-Charts erreichte, war "Licensed to Ill", das legendäre, wüste Debüt der Beastie Boys, und der Produzent hieß - logisch - Rick Rubin. Seitdem ist er verantwortlich für HipHop-Klassiker von Run-DMC bis Public Enemy. Weil er als "Kind der Vorstadt" auch brachialen Rock liebt, lieferte er Bestseller für Slayer, AC/DC, Metallica und die Red Hot Chili Peppers. Und weil er obendrein ein großes Herz für alte Meister hat, verschaffte er Neil Diamond, Donovan und vor allem Johnny Cash eine würdevolle Rückkehr ins Geschäft.

"Bei allem, was ich produziere, richte ich mich ausschließlich nach meinem Geschmack. Dass der massenkompatibel ist, ist ein Glück, das ich immer wieder bestaune", sagt Rubin nachdenklich, setzt sich aufrecht hin und lässt einige Augenblicke schweigend den Blick über den Ozean schweifen, wo die Wellen rauschen und Seevögel ihre Kreise ziehen.

Die Villa von Rubin ist so reduziert möbliert wie ein Zen-Kloster. Ein paar unauffällige Bilder an den Wänden, Bücher über Architektur auf dezenten Beistelltischen, aber von Tonträgern aller Art keine Spur im Haus des Musikmoguls. Er habe das Interesse an Platten und CDs schon lange verloren, sagt er. Radikale Haltung für jemanden, der einen Entertainmentkonzern in die Zukunft führen soll und von dem nicht wenige erhoffen, dass er die ganze Musikindustrie aus der Krise zaubert. "Das Problem dieser Industrie ist doch, dass die Plattenfirmen sich immer nur den Kopf darüber zerbrechen, was für sie am besten ist, anstatt sich Gedanken zu machen, was am besten für ihre Kunden ist", doziert Rubin.

Sein Rettungsmodell hat er bereits vor einem guten Jahr vorgestellt: Musik im Abo, was, genauer gesagt, bedeutet, dass man künftig eine monatliche Gebühr von vielleicht 15 Euro zahlt und dafür uneingeschränkten Zugriff auf jedwede Musik erhält. "Die Zukunft sieht so aus", sagt Rubin, erhebt sich und greift nach einem kleinen, schmucklosen Apparat, der wie eine TV-Fernbedienung aussieht. Ein Prototyp, mit dem man das Repertoire aller großen Online-Musikanbieter abrufen kann. "Was wollen Sie hören?", fragt er. "Talking Heads? ,Remain in Light'?" Vergnügt wie ein großes Kind gibt er die Anfrage in seine Fernbedienung ein, und kurz darauf erklingen die Talking Heads aus Rubins Edellautsprechern. "Wer braucht da noch Tonträger?", fragt er.

In einem Kurzvortrag erläutert er dann noch, dass das Konzept eines Albums ohnehin überholt sei, dass es eben viele Möglichkeiten geben werde, wie neue Lieder angeboten werden. "Vielleicht wird sich ein normaler Fan später mal 14 neue Red-Hot-Chili-Peppers-Songs runterladen, wie ein Album. Und ein Super-Fan besorgt sich dagegen 40 neue Chili-Peppers-Lieder, alles, was sie im Proberaum so eingespielt haben. Dann sind da noch all die Menschen, denen einfach nur die neue Single reicht." Es werde weiterhin Vinylplatten geben, aufwendige Deluxe-Editionen und vielleicht einfach nur USB-Sticks mit Musik. Alles, was der Konsument eben will. Auf jeden Fall laufe es darauf hinaus, dass Menschen weiterhin Geld für Musik ausgeben werden, sagt Rubin und spielt immer noch so fasziniert mit seiner Musikfernbedienung, als hätte er sie gerade erst bekommen.

Er sei vor allem Fan geblieben, das sei seine Stärke, betont er. Und, als wolle er das beweisen, schwärmt er von Neil Young als dem größten aller lebenden Musiker. Aber wie lange kann man sich als Profi die Faszination und das Staunen des Fanseins bewahren? Wenn er sich heute zum Beispiel seine frühen Aufnahmen mit den Beastie Boys anhöre, entdecke er da eine Euphorie, die ihm mit den Jahren abhanden gekommen sei, sagt er. "Dafür bin ich viel weiser. Aber manchmal vermisse ich die Aufregung."

Die zwei Stunden Besuchszeit sind um. Rubin muss sich nun auf den nächsten Besucher vorbereiten. Billy Gibbons von ZZ Top hat sich angekündigt, um neue Lieder vorzuspielen, hier im Wohnzimmer. Rubin steht auf und schaut aus dem Fenster wieder auf das Meer: "Wenn man Glück hat, sieht man auch mal Wale!"


Zuletzt von Rick Rubin produzierte CDs: Jakob Dylan: "Seeing Things"; Metallica: "Death Magnetic"; Neil Diamond: "Home Before Dark"; Weezer: "Weezer".