Riesenprojekt über gregorianische Gesänge Ihr Heiligstes

Die Nonnen eines französischen Klosters in der Provence rangen sieben Jahre mit sich, ehe sie einwilligten, ihre Gebete auf Tonträger zu bannen. Die gregorianischen Gesänge entsprechen mehr als 7000 CDs.
Benediktinerinnen: "Die Nonnen waren besorgt über die Unvollkommenheiten der Tonaufnahmen"

Benediktinerinnen: "Die Nonnen waren besorgt über die Unvollkommenheiten der Tonaufnahmen"

Foto: Waiche Ilan/ Abbaye de Notre-Dame de Fidélité

Die Liebe zu Europa und seiner Geschichte hat John Anderson von seinen Eltern, sagt er. Schon in seiner Kindheit erzählten sie ihm von der Kunst Italiens und Frankreichs, den gotischen Kathedralen und romanischen Klosteranlagen. "Das mittelalterliche Europa hatte sich für mich immer wie ein sagenumwobenes Land der Vorfahren angefühlt", erzählt der 38-jährige Amerikaner im Interview mit dem SPIEGEL.

Musikwissenschaftler John Anderson: "Das Kloster ist für die Frauen sehr privat"

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Foto: Tommaso Tuzj

Zu den vielen Geschichten der Eltern gehörte auch die über "eine mysteriöse Tante, die 1980 nach der Hochzeit meiner Eltern in einem Kloster verschwand". Seine Eltern, beide Katholiken, heirateten in Frankreich in der Abtei von Fontgombault, in der seit Ende des 11. Jahrhunderts Mönche leben. "Am Morgen nach der Trauung sprach meine Tante Becky mit dem Abt, reiste nach Jouques und wurde Nonne."

Bei aller Liebe zu Europa überraschte das die Familie dann doch, so Anderson. In Jouques, etwas mehr als eine halbe Autostunde von Aix-en-Provence entfernt, befindet sich die erst 1967 gegründete Benediktinerinnen-Abtei Notre Dame de Fidélité. Dort wurde aus Tante Becky Schwester Maria Dolores. 

8760 unterschiedliche Hymnen, Psalme und Messgesänge

Nachdem Anderson sein Studium der Musikgeschichte in Oxford aufgenommen hatte, besuchte er 2001 die "mysteriöse Tante". Sie ist eine von 45 Nonnen zwischen Mitte 20 und Mitte 80, die in dem streng festgelegten Tagesrhythmus aus Beten und Arbeiten leben, wie er in Klöstern seit Jahrhunderten Tradition ist.

Die Messen und Stundengebete in lateinischer Sprache sind der innigste und spirituellste Ausdruck ihrer Gemeinschaft. Der Allgemeinheit sind die vertonten Gebete als gregorianische Gesänge bekannt. Sie wurden unter Papst Gregor im 6. Jahrhundert zu einem liturgischen Werk zusammengefügt und werden heute textlich sowie musikalisch genauso vorgetragen wie vor 1000 Jahren.

Benediktinerinnen-Abtei Notre Dame de Fidélité: strenger Tagesablauf

Benediktinerinnen-Abtei Notre Dame de Fidélité: strenger Tagesablauf

Foto: Fabrice Veigas/ Abbaye de Notre-Dame de Fidélité

Anderson mochte schon als kleines Kind die mittelalterliche Klostermusik, sagt er. Aber so richtig entflammte sein Herz dafür erst, als er seine Tante kennenlernte. In ihm entwickelte sich die Idee, sämtliche gregorianischen Gesänge, wie sie die Nonnen in Jouques noch immer zelebrieren, aufzunehmen und im Internet zu veröffentlichen. "Ich hoffe, es erweitert das Bewusstsein der Menschen für die Liturgie, ihre Tradition und ihre Schönheit."

Aus diesem Gedanken entstand ein riesiges Musikprojekt: Es umfasst eine Zeitspanne von drei Jahren und das gesamte gregorianische Repertoire mit 8760 unterschiedlichen Hymnen, Psalmen, Messgesängen und anderen Chorälen des liturgischen Kalenders der römisch-katholischen Kirche.

Doch bis die ersten Aufnahmen im Frühjahr 2019 starteten, musste sich Anderson gedulden. Man kann sich vorstellen, wie schwer es für die Nonnen war, ihre Stimmen und so auch ihre Intimität jeden Tag ein Stück mehr aufzugeben. "Das Kloster ist für die Frauen sehr privat, der Gesang ist ihnen überaus heilig. Sie haben sieben Jahre lang mit sich gerungen, bevor sie einwilligten", erzählt der Musikwissenschaftler, der in Rom lebt, wo er mit seinem Label "Odradek Records" bereits schon länger das Ungewöhnliche in den Fokus nimmt: Die Plattenfirma für Klassik, Jazz und Weltmusik entscheidet über Veröffentlichungen aufgrund digital und anonym eingereichter Mitschnitte.

Alles Niesen und Rascheln ist zu hören

Dass die Nonnen doch einwilligten, ihre Gebete der Allgemeinheit unter dem Namen "Neumz" – Neumen sind ein oder mehrere Laute in gregorianischer Notation – zugänglich zu machen, führt Anderson auf ihre Lebenshaltung zurück. "Sie betrachten die Choräle nicht als Gebete für sich oder die Kirche, sondern widmen sie der Menschheit insgesamt."

Mehr als 2000 Stunden gregorianische Choräle sind inzwischen aufgenommen, mehr als 5000 sollen noch folgen. Im Herbst gehen die mobilen Apps für iOS und Android an den Start – alles jeweils inklusive Texte und Partituren. Einzelne Abrufe bleiben kostenfrei. Wer den gesamten Zyklus Tag für Tag bis zum Abschluss im Jahr 2022 hören will, muss ein Abo abschließen. Eine Veröffentlichung auf CD – es wären weit über 7000 Einzelausgaben – kam für Anderson "schon wegen der schieren Masse" nicht infrage.

Benediktinerinnen-Abtei Notre Dame de Fidélité: 1967 gegründet

Benediktinerinnen-Abtei Notre Dame de Fidélité: 1967 gegründet

Foto: JR Malénon/ Abbaye de Notre-Dame de Fidélité

Wer gesangstechnisch perfekte, digital aufgemotzte Aufnahmen erwartet, wird enttäuscht sein. Es singen hörbar keine ausgebildeten Profisängerinnen, sondern Amateurinnen. Alles Husten, Niesen, Rascheln, Bewegen der Notenblätter und vieles mehr ist zu hören. "Die Nonnen waren besorgt über die Unvollkommenheiten der Tonaufnahmen", so Anderson. Techniker hätten die Geräusche wegretuschieren können. Der Amerikaner entschied sich ausdrücklich dagegen, wie er sagt – und tat gut daran. Es macht die Choräle zu einem authentischen und wahrhaft menschlichen Dokument eines Rituals längst vergangener Zeiten.

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