Aktivistin Rihanna Emanzipation eines Popstars

Rihanna begann ihre Karriere als systemkonforme Sängerin - und wurde zur politischen Künstlerin, die sich gegen die weiße Übermacht in den USA positioniert.

Von Janto Rößner


Rihanna im Februar 2016
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Rihanna im Februar 2016

Als Rihanna 2008 ihren ersten Grammy für "Umbrella" gewinnt, widmet ihr die Zeitung "Barbados Nation" ein Gedicht. Darin wird sie stolz als "hübsches, kleines barbadisches Inselmädchen" bezeichnet, deren "Süße und Unschuld (...) Barbados an die Spitze der Welt" befördern solle.

Zu diesem Zeitpunkt bedient die Sängerin das Frauenbild eines Landes, dessen Oberhaupt immer noch die Königin von England ist. Und das in der westlichen Welt nicht als ehemaliges Epizentrum britischer Sklaverei wahrgenommen wird, sondern Assoziationen an Disney-Kreuzfahrtschiffe und romantische Karibikträume weckt.

Ihre Musik weist in keiner Weise auf eine Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Zuständen hin, doch ihr Privatleben ist schon von Kindheit an geprägt von postkolonialen Traumata und institutionellem Rassismus.

Ihre Mutter ist afroguyanischer Abstammung, ihr Vater barbadisch-irischer. Die irischen Vorfahren ihres Vaters sind von den Engländern als Schuldknechte, "Redlegs" genannt, in die Kolonie gebracht worden, bevor diese von der Sklaverei abgelöst wurden - die Sklaverei wiederum brachte die Vorfahren ihrer Mutter nach Südamerika.

In der Schule wird Rihanna für ihre helle Hautfarbe gemobbt, daheim ist der Alltag geprägt von Armut, der Gewalt und dem Alkohol- und Drogenmissbrauch des Vaters.

Das Bewusstsein für die eigenen Lebensumstände fließt erst ab dem Moment in Rihannas Musik ein, in dem sie sich mit den meist männlichen und weißen Akteuren der amerikanischen Musikindustrie auseinandersetzen muss: Mit 16 Jahren zieht Rihanna zusammen mit ihrer Mutter nach Amerika, um ihr erstes Demotape aufzunehmen.

Sie betritt eine Welt, die in den Neunzigern von eben diesen Männern geschaffen wurde. Der internationale Popstar-Typ, der mit Britney Spears oder Christina Aguilera dominiert, ist jung, blond, unschuldig und lasziv zugleich. Viele dieser Künstlerinnen rebellieren irgendwann gegen diese Rolle, doch die Auflehnung geht oft einher mit Symptomen einer gestohlenen Kindheit, psychischen Zusammenbrüchen und Drogenkonsum.

Bei Rihanna aber läuft etwas anders - sie zeigt sich unbeeindruckt von patriarchalen Strukturen. Als eines ihrer größten Vorbilder nennt sie Madonna, die zu ihrer Zeit Fragen zu Sexualität, Geschlechtsidentität und Hautfarbe in den Kontext von Macht, Kontrolle und Unterwerfung setzte und so - aber eben als weiße Frau - vorherrschende Verhältnisse infrage stellte. Rihanna lässt die Welt sehr früh öffentlich wissen, dass sie sich wünscht, die "schwarze Madonna" zu werden.

"Kommerzialisierung und Objektifizierung weiblicher Körper und ihrer Sexualität"

Konkret wird diese Haltung erstmals bei ihrer Single "Pour It Up" aus dem Jahr 2013: Im zugehörigen Musikvideo, bei dem Rihanna selbst Regie führte, sitzt sie auf einem Thron. Frauen tanzen in Bikinis an Stangen, dazwischen: viel nackte Haut und Dollarnoten. Der Clip sorgt für einen öffentlichen Aufschrei - so spricht die britische Aktivistin Miranda Suit, die sich mit ihrer Organisation Safermedia gegen Gewalt, Sex und unanständige Sprache in den Medien einsetzt, von einer "Kommerzialisierung und Objektifizierung weiblicher Körper und ihrer Sexualität". Die Pädagogin Helen Wright sagt in einem Interview, das Video "erniedrige Frauen, indem es sie in der Rolle von Huren zeigt".

Der provokative Humor, der einer Madonna und ihrem Spiel mit Tabus bescheinigt wird, kommt in der Diskussion kaum vor. Niemand scheint in dem Video eine Parodie auf die Stereotype zu sehen, die Rihannas männliche Counterparts im Rap bedienen und die einem System entspringen, das schwarzen Frauen seit der Sklaverei eine animalische, unanständige und unersättliche Sexualität andichtet. Auch bemerkt kaum einer die Abwesenheit von Männern im Video oder spricht gar mit den Tänzerinnen selbst - ihnen keine Stimme zu geben macht sie unmündiger als jedes Bild von Nacktheit.

Bemerkenswert ist, dass sich vor allem weiße Frauen empört über das Video zeigen. Schwarze kritische Stimmen loben es häufig als feministisches Werk - und stoßen eine ganz andere Diskussion an: darüber, wie die Sexualität schwarzer Frauen wahrgenommen wird: "Für schwarze Frauen, deren Körper historisch unter Aberkennung ihrer Menschlichkeit dem gewaltsamen sexuellen Missbrauch dienten, ist die Wiedererlangung ihrer eigenen Sexualität ein revolutionärer Akt", schreibt die schwarze Feministin Cate Young.

Aus ihrer Perspektive ist das Video die künstlerische Umsetzung einer Selbstermächtigung - Rihanna dekonstruiert mit "Pour It Up" die Sexualisierung, Fetischisierung und vermeintliche Machtlosigkeit schwarzer Frauen. "Da ist nichts Erniedrigendes, wenn ich etwas Athletisches an einer Stange mache", sagt etwa Nicole "the Pole" Williams in einem Interview, die in "Pour It Up" als Tänzerin auftritt. "Ich mache das Gleiche, was ein Turner in einem Wettkampf macht. Ich trage das Outfit, das du mich auch am Strand tragen siehst." Die Tänzerinnen dienen in dem Video nicht als willenlose Deko, sondern bekommen eine Bühne für ihre Ausdrucksform. Und Rihanna ist mitten unter ihnen.

"Anklage: Pornografie, Anstiftung zu Gewalt und Rassenhass"

Zwei Jahre später nimmt Rihanna mit "Bitch Better Have My Money" die nächste Stufe - von der sexuellen Selbstbestimmung zur geschäftlichen Emanzipation: Im Musikvideo treibt Rihanna mit ihren Helferinnen ihr Geld ein, indem sie die reiche weiße Frau ihres Schuldners entführt, sie foltert, aber auch in ihre Welt einführt. Am Ende ist er es, der sterben muss; Rihanna triumphiert blutbedeckt zwischen Dollarnoten.

Rihanna 2015: Rachephantasie künstlerisch umgesetzt
Getty Images

Rihanna 2015: Rachephantasie künstlerisch umgesetzt

Die Idee zum Video knüpft an Rihannas eigenen Erfahrungen an: Ihr damaliger Buchhalter hatte sie bei Investitionen schlecht beraten, 2009 um 22 Prozent ihrer Toureinnahmen gebracht und sie beinahe in den finanziellen Ruin getrieben. Sie setzt das Erlebnis künstlerisch in eine Rachefantasie um. In einem Interview mit der Autorin und Filmemacherin Miranda July beschreibt Rihanna 2015 ihre Erfahrungen im Musikbusiness: "Jeder ist einverstanden mit einer jungen schwarzen Frau, die singt, tanzt, Party macht und gut aussieht. Aber wenn die Zeit zum Verhandeln kommt, wenn ein Geschäft abgeschlossen werden soll, dann wird sie plötzlich auf ihr Schwarzsein aufmerksam gemacht."

Plötzlich ist Rihanna eine "schwarze Künstlerin"

In der öffentlichen Diskussion folgt auf das Video zu "Bitch Better Have My Money" abermals eine Empörungswelle - und abermals stammt sie vor allem von weißen Frauen. So schreibt Sarah Vines in der "Daily Mail": "Als es zu Ende war, fragte ich mich, ob ich sie nicht anzeigen sollte. Anklage: Pornografie, Anstiftung zu Gewalt und Rassenhass." Weder Metaphorik noch Allegorie, geschweige denn düsterer Humor à la "Kill Bill" finden in der Diskussion als mögliche artistische Ausdrucksformen Erwähnung oder gar Würdigung. Als dürfte so etwas nur ein Quentin Tarantino - aber gerade, weil es vermeintlich nur ein Tarantino darf, zeigt sich Rihanna hier umso selbstbestimmter.

Die Popsängerin, die das Management bis dahin gut aus dem Diskurs um die scheinbar gewalt- und drogenverherrlichende sowie frauenfeindliche Rap-Kultur heraushalten hatte können, positioniert sich mit "Bitch Better Have My Money" mit aller Klarheit: lyrisch, musikalisch und visuell. Erstmals benutzt sie das N-Wort auf einer Veröffentlichung - viele Fans, die sich mit dem gesellschaftspolitischen Umfeld ihrer Lieblingskünstlerin bislang nicht auseinandersetzten, müssen sie neu einordnen: Rihanna ist eine "schwarze Künstlerin".

Wie auch bei "Pour It Up" gilt: Die dargestellten Phantasien können nur diejenigen wundern, die nicht in der Lage sind, sie als Kunstwerk in den Kontext kollektiver Erfahrungswerte schwarzer Frauen in den USA und anderswo zu setzen - zugleich lässt sich die Kritik als psychologische Abwehrreaktion auf ein unbewusstes, weißes Schuldgefühl lesen; als Symptom einer "weißen Fragilität", wie sie die Wissenschaftlerin und Pädagogin Robin DiAngelo beschrieben hat: Es handele sich dabei um eine "Befindlichkeit, in der selbst ein minimales Maß an ethnischer Auseinandersetzung untragbar wird und eine Reihe von defensiven Verhaltensmustern hervorruft". Emotionale Reaktionen wie Wut, Angst und Schuld sowie Argumentation oder Stillschweigen nennt DiAngelo als Symptome.

Die schwarze Aktivistin Mia McKenzie zielt in ihrem Kommentar zu den Rassismusvorwürfen gegen Rihanna genau auf diesen blinden Fleck: "Weiße Frauen sind seit Jahrhunderten unmissverständlich gewaltsam gegen schwarze Frauen vorgegangen. Sie nutzten die Staatsmacht, die Polizei, die Gerichte, die Medien und die Macht einzelner weißer Männer, um schwarzen Menschen inklusive schwarzer Frauen Leid zuzufügen, immer und immer wieder."

Rihanna 2016: endgültig als gesellschaftspolitische Aktivistin positioniert
REUTERS

Rihanna 2016: endgültig als gesellschaftspolitische Aktivistin positioniert

Kurz nach "Bitch Better Have My Money" veröffentlicht Rihanna das Video zur Single "American Oxygen". Damit positioniert sie sich endgültig als gesellschaftspolitische Aktivistin im Kampf gegen das weiße Patriarchat in einer Zeit, in der ihr die von Polizeigewalt gegen Schwarze geprägte US-Realität aufs Bitterste recht gibt: "We are the new America", singt Rihanna im Video, das den Bürgerrechtskampf mit historischen Aufnahmen visualisiert - sie changiert hier zwischen Abrechnung, Bestandsaufnahme und Aufruf zur Revolution.

"What A Wonderful World", sang Louis Armstrong einst für ein weißes Publikum. Seine Wut und seine Enttäuschung über Rassismus und Diskriminierung hielt er lediglich auf Band und auf seiner Schreibmaschine fest, machte sie nicht öffentlich.

Auch Rihanna sind die alten Mechanismen bewusst, die die weiße amerikanische Bevölkerung ihr zuteilte, und die noch immer fortwirken. Aber sie hat sich heute eine andere Position erarbeitet - eine, die es ihr möglich macht, das Armstrong-Lächeln abzulegen.


Rihanna tourt derzeit mit ihrer "Anti World Tour" in Deutschland. Am 28.07. tritt sie in Köln auf, am 07.08. in München, am 16.08. in Berlin. Lesen Sie hier eine Rezension zu ihrem Konzert in Hamburg.



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Seite 1
arrache-coeur 25.07.2016
1.
"Rihanna begann ihre Karriere als systemkonforme Sängerin - und wurde zur politischen Künstlerin, die sich gegen die weiße Übermacht in den USA positioniert." - Sie wurde mithilfe des Systems reich und bekannt, und konnte ihre persönlichen Defizite (siehe Chris Brown) medienwirksam ausleben. So: Who cares?
notbehelf 25.07.2016
2. Na,na
Man muss ss ja nicht gleich übertreiben. Rihanna hat sich nicht mehr oder weniger "engagiert" als andere Künster auch, die aufgrund ihrer Tätigkeit eine hohe Medienpräsenz haben.
HerrStahl 25.07.2016
3. Die letzten Musikvideos
von ihr waren allesamt mehr Softporno als Musik oder Video. Wenn das Emanzipation ist dann bitteschön.
Amadablam 25.07.2016
4. So viel Geld...
...und dann so hässliche Handschuhe!
Karbonator 25.07.2016
5. @arrache-coeur & @HerrStahl
Haben Sie beide den Artikel gelesen oder gleich nach paar Zeilen kommentiert? Zur Frage "Who cares?": Wie im Artikel steht, kümmert das Ganze eben vor allem schwarze Frauen, die sich durch dadurch in gewisser Weise repräsentiert fühlen. Das mag Sie natürlich nicht weiter betreffen, weil ich nicht glaube, daß Sie eine schwarze Frau sind, aber zum Glück gibt es auf der Welt ja nicht nur das, was alle interessieren muß. Was das Reichwerden durch das System angeht: Geld ist leider weiterhin Macht. Ohne Bekanntheit und finanzielle Unabhängigkeit kann man kaum etwas erreichen, wenn man sich politisch und/oder sozial positionieren möchte. Insofern es ist höchst legitim, daß die Frau das System, das sie kritisiert, auch ausnutzt. @HerrStahl: Auch Ihnen würde ich empfehlen, den Artikel einmal zu lesen. Denn genau auf Ihren Eindruck, daß es sich um Softporno handelt, wird eingegangen. Was dem einen ein Porno ist, ist dem anderen Kunst. Und umgekehrt.
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