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Popstar Rihanna: She shines bright like a diamond

Foto: Christopher Polk

Neues Rihanna-Album "Anti" Jetzt ist sie Königin

Auf ihrem neuen Album "Anti" erzählt Rihanna ein Popmärchen. Wer die Herrscherin in dieser Wunderwelt ist, stellt sie klar - und verschenkt das Album an ihre Untergebenen.

Wäre Pop eine Sprache, wäre das Wort für Konsens: Rihanna. Drei Silben, die sich im Laufe der vergangenen zehn Jahre so unlöschbar ins kollektive Gedächtnis eingeschrieben haben, dass Teenager sie auf ihren Smartphones eintippen, während sie ihren Eltern im Autoradio angezeigt werden, wo Moderatoren sprechen, die sie just im Feuilleton ihrer Zeitung gelesen oder im Fahrstuhl ihres Einkaufszentrums gehört haben. Jeder kennt Rihanna. Fast jeder mag Rihanna. Irgendwie.

Weil sie von allem etwas hat, aber nie zu viel. Sie ist elegant, aber nicht so wie Adele. Sie provoziert, aber nicht so wie Miley Cyrus. Sie testet Moden aus, aber nicht so wie Lady Gaga. Sie tanzt gut, aber nicht so wie FKA Twigs. Sie wagt sich raus, aber nicht so wie M.I.A. Sie ist sexy, aber nicht so porno wie Nicki Minaj. Und bei all dem wirkt Rihanna nie so, als verstelle sie sich. Sie ist so Popstar, dass man es ihr abkauft.

Robyn Rihanna Fenty, geboren auf der kleinen Insel Barbados, mit 16 entdeckt von Jay Z, ist heute 27 und um sieben Alben, acht Grammys, 32 Millionen Instagram-Follower und Hunderte Millionen Dollar schwerer als noch als Kind in der Karibik. Eine Gestalt der Popkultur, die es geschafft hat, gleichsam nahbar und unerreichbar zu wirken: Rihanna macht sich rar, postet aber Fotos von ihrer Familie. Sie wirkt tough, fühlte sich aber lange zu ihrem prügelnden Ex-Freund hingezogen. Rihanna ist vielleicht auch Konsens, weil sich jeder in ihr spiegeln kann; je nach Sicht, je nach Lage.

Über drei Jahre liegt Rihannas letztes Album "Unapologetic" zurück, eine gefühlte Ewigkeit ihre Ansage, ein neues Album rauszubringen. Wochen liegen zwischen den vorab veröffentlichten Songs, die so unvermittelt kamen und so unterschiedlich klangen, dass man sich "Anti" nicht ausmalen konnte: der Kampf-Track "Bitch Better Have My Money", der Lagerfeuer-Soul "FourFiveSeconds", der Chill-Schlepper "Work" - das einzige Stück, das jetzt wirklich auf "Anti" ist. Ihre Kollaborateure kamen aus dem Hofstaat des Pop: Sir Paul McCartney und die ungleichen, doch gleich bedeutsamen Rap-Aristokraten Kanye West und Drake.

Jetzt, spät, plötzlich, ist "Anti" da. Über Nacht geleakt , dann offiziell auf Tidal veröffentlicht , Jay Zs Streaming-Dienst, an dem Rihanna Anteile besitzt, wo es kostenlos zum Download bereitsteht.  Das Erste, was man macht, wenn "Anti" läuft: schauen, ob die Boxen nicht durchgebrannt sind. Ein Drumcomputer klingt schön kaputt, ein Bass schleicht heimtückisch. "I Come Fluttering in from Neverland", so Rihannas erste Zeile ("Consideration"); eine Anspielung auf Peter Pans fantastischen Wohnort, an dem man nicht altert, und auf die Ranch von Michael Jackson, der nicht altern wollte. "I Come in Riding on a Pale White Horse." Ein verträumter Einstieg, schnell ist klar: Hier steht die Zeit still. Das ist nicht die Wirklichkeit. Das ist ein Versprechen. Ein Märchenwald, der im Nebel liegt.

"Anti" hat so viele Gesichter wie Rihanna selbst: Mal Jazz und Funk, man sieht Stevie Wonder neben Flying Lotus wippen ("James Joint"). Mal Dubstep und Doubletime-Vocals, man sieht Haftbefehl neidisch werden ("Needed Me"). Mal schlicht guter Soul, man sieht die Welt kurz durch Solomon Burkes Augen ("Love on the Brain").

Oder das großartige Tame-Impala-Cover "Same Ol' Mistakes", das klingt, als hätte Rihanna sich zusammen mit den Gorillaz, Todd Rundgren und Ray Manzarek einen durchgezogen. Immer wieder zerstörte Samples und verzerrte Stimmen, die seit Kanye Wests "My Beautiful Dark Twisted Fantasy" zum guten Ton gehören.

Und EDM? Nein, danke. Ist ja so erste Hälfte Zehnerjahre, Mann. Von dem Sound, der ihr halbes letztes Album prägte, hat sich Rihanna mit "Anti" emanzipiert. Jetzt versteht man Rihannas Tweet auch besser: "Anti" ist kein Album für die Tanzfläche, sondern für den Kopfhörer.

Hier ist vieles kaputt, vieles pathetisch, vieles schön. Vieles verneigt sich vor der schwarzen Musik des vergangenen halben Jahrhunderts. All das, aber eben nie zu viel. Großer Pop, der sich nicht anstrengen muss, groß zu wirken. Der sich nicht so unangenehm an Trends anbiedert wie etwa Madonnas letztes Album "Rebel Heart" , sondern sich überall da ein bisschen bedient, wo es etwas Gutes gibt.

Und, klar, das Thema für ein großes Popalbum muss das große Thema des Pop sein, Liebe. Die Nähe. Die Lust. Der Streit. Die Reue. Die Küsse. Die Fehler. Die alte Flamme. Der Herzschmerz. Die Einsamkeit.

"Anti" ist so etwas wie ein postmodernes Märchen. Eines, das nicht bloß einen Pfad mit Hindernissen beschreibt, sondern unzählige Wege aufzeigt. Und am Ende steht keine Moral. Am Ende steht Rihanna, eine neue Königin des Pop. So nah und doch nicht zu fassen.