Zur Ausgabe
Artikel 50 / 66
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Ton-Steine-Scherben-Sänger Rio Reiser wurde von der Stasi beobachtet

Verdächtiges Verhalten beim Schnitzelessen: Die Staatssicherheit wurde schon in den Siebzigerjahren auf den Musiker Rio Reiser aufmerksam. Sie beobachtete ihn fast zehn Jahre lang.
aus DER SPIEGEL 7/2021
Fiel den Beamten durch angebliche Nervosität auf: Rio Reiser geriet ins Visier der Stasi

Fiel den Beamten durch angebliche Nervosität auf: Rio Reiser geriet ins Visier der Stasi

Foto: imago images / Votos-Roland Owsnitzki

Vor den Spitzeln der Stasi war niemand sicher, auch der Musiker Rio Reiser (»König von Deutschland«) nicht. Knapp sieben Jahre lang wurde der Texter und Sänger der Anarcho-Rockgruppe Ton Steine Scherben vom Ministerium für Staatssicherheit überwacht.

Das belegen Geheimdienstakten, die dem SPIEGEL vorliegen. Reiser, 1950 als Ralph Möbius geboren, erweckte das Interesse der Stasi erstmals am 24. April 1976, als er auf der Transitstrecke von West-Berlin nach Lauenburg unterwegs war. Als der junge Musiker aus dem Westen mit einem Bekannten in dessen rotbraunem Ford Taunus an der Grenzübergangsstelle Staaken ausreiste, fiel das Duo bei der DDR-Grenzkontrolle durch »nervöses Verhalten« auf.

Die beiden gerieten in den Verdacht, als Fluchthelfer unterwegs zu sein. Ein Beobachter fuhr ihnen hinterher, stellte fest, dass sie in Ludwigslust Pause machten und »je ein Kännchen Kaffee und ein Hamburger Schnitzel« verzehrten. Die beiden hätten verdächtig leise gesprochen. Die Stasiprosa über Reisers Begleiter: »Das Verhalten der gesprächsführenden Person kann als sehr nervös eingeschätzt werden.«

Ein MfS-Hauptmann namens Trelewska ordnete eine »Beobachtung« an, die sei »notwendig«. Ein Mitarbeiter wurde nach Kreuzberg geschickt, um Reiser auszukundschaften, doch der Spion hatte die falsche Hausnummer. Ohnehin lebte der Sänger zu der Zeit bereits vor allem in Nordfriesland. Erst 1983 war Schluss. Bis dahin hatte die Stasi das Umfeld des Musikers abgeklärt, einen »breiten Personenkreis«. Kurz nach der Wende trat Reiser übrigens der damals PDS genannten Linken bei.

Der 1996 verstorbene Sänger soll in diesem Jahr, so Corona will, in Berlin-Kreuzberg geehrt werden. Der Heinrichplatz wird in Rio-Reiser-Platz umbenannt.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 50 / 66
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel