Rockband The Fratellis "Unsere Fans sind wahnsinnig"

Massenhafte Vorab-Verkäufe übers Internet? Besonders auffällige MySpace-Präsenz? Presse-Hype? Fehlanzeige: Die britische Rockband The Fratellis setzt auf altbewährte Rock'n'Roll-Tugenden und spielt mit Glamrock-Zitaten. Konzerte der Schotten sind feuchtfröhliche Exzesse.
Von Jan Wigger

Wir befinden uns im "Barrowland Ballroom", einem Club mit dem Fassungsvermögen von knapp 2000 Menschen. Das schottische Trio, das sich The Fratellis nennt, tritt an diesem Abend vor beflissenen Lesern der Pop-Postille "NME", deren Freundinnen, zahllosen Enthusiasten und einer Handvoll Rock-Journalisten zum Heimspiel an. In rekordverdächtigen sieben Minuten sollen Jon, Mince und Barry Fratelli die turnhallenähnliche Konzertstätte gleich zwei mal ausverkauft haben, und tatsächlich erinnern die Schlachtgesänge, die zwanglose Stimmung und der beträchtliche Alkoholkonsum an ein Konzert von Oasis, irgendwann Mitte der neunziger Jahre.

Der Schlagzeuger der Fratellis, ein klassischer Kiffer-Typ mit Bärtchen, heißt Mince (auf Deutsch etwa: Gehacktes) und scheint während des Auftritts an sein Schlagzeug gekettet worden zu sein wie Animal, der Drummer aus der "Muppet Show". Obgleich der Sound im "Barrowland Ballroom" ungefähr so mies ist wie bei einem Jugendzentrums-Auftritt aus den Anfangstagen der Dimple Minds, lässt sich die Band aus Glasgow nicht beirren und schmettert Brecher wie "Henrietta", "Country Boys & City Girls" und "For The Girl" vom Debüt-Album "Costello Music" in den Raum, das nur wegen der in jener Woche übermächtigen "Futuresex/Lovesounds"-LP von Justin Timberlake nicht den ersten Platz der UK-Album-Charts erreichte.

Wenn man die Fratellis live sieht, bestätigt sich noch einmal, dass außer den sich beinahe virtuos ineinander verschlingenden Gitarren im von der Band ungeliebten Hit "Creepin Up The Backstairs" kaum etwas an die Libertines erinnert, obwohl gerade der Vergleich mit der Ex-Band des notorischen Pete Doherty von englischen Medien immer wieder gezogen wird. Die besoffenen Pubrock-Songs und die rasant-krachigen Gitarren-Explosionen vermitteln viel mehr eine Nähe zu T.Rex und Slade, ja sogar zu den Pogues.

"2000 Menschen, alle mit einem Bier in der Hand"

Nach einem einstündigen Gig und dem Rausschmeißer und Volkshit "Sweet Caroline" vom Band, torkelt die Menge zum nächsten Bierstand oder gleich nach Hause. Der sehr leise sprechende Sänger und Texter Jon Fratelli, physiognomisch eine Schnittmenge aus Syd Barrett, Marc Bolan und dem Bob Dylan aus D.A Pennebakers Dokumentation "Don't Look Back" von 1967, ist kaum erstaunt: "Unsere Fans sind komplett wahnsinnig. 2000 Menschen, alle mit einem Bier in der Hand. Und wenn es auf die vier, fünf letzten Songs zugeht, rasten sie total aus. Gerade hier in Glasgow, wo wir herkommen. Auch wenn ich selbst nicht wirklich trinkfest bin und auch keine Drogen nehmen muss, um ordentliche Songs zu schreiben, verstehe ich langsam, was damit gemeint ist, wenn gesagt wird, dass man unsere Musik auch sehr gut betrunken genießen kann."

Jon behauptet, keinen einzigen Song von Pete Doherty zu kennen, nur die Klatschgeschichten aus der "Sun". Er sagt, dass er nicht nur Texte darüber schreiben wolle, wie es ist, aus einem Club hinausgeworfen zu werden oder nicht in einen Club hinein zu kommen. Er hört sich weder die Arctic Monkeys (die 2006 in England das am schnellsten verkaufte Debüt-Album aller Zeiten veröffentlichten) an, noch Babyshambles, Bloc Party oder Maximo Park. Wie Kooks-Sänger Luke Pritchard hat auch er bereits im jungen Alter Skiffle, Ska und Folk gehört, hat Bob Dylan und David Bowie verehrt und die meiste Zeit unter dem Kopfhörer in seinem Schlafzimmer verbracht.

"Die meisten dieser jungen, neuen Bands sind mir ein bisschen zu schmalspurig", setzt Jon an. "Die Rockmusik der letzten 50 Jahre hat doch so unglaublich viel mehr zu bieten, als das, was gerade so auf Platte erscheint. Ich denke, diese ganzen Gruppen kommen von einem anderen Ort als wir. Ich laufe auch nicht rum und erzähle jedem, der es hören will, dass ich die Libertines nicht gut finde. Ich höre sie mir nur einfach nicht an. Es ist doch so: Der 'NME' fragt einen, wie wir diese oder jene Band finden. Wenn wir sagen, wir mögen sie nicht, zetteln sie einen dieser lächerlichen Bandkriege an, um ihr Heft zu verkaufen. Wenn wir gar nichts antworten, denken sie sich eben eine Antwort aus. So läuft das hier. Wir halten uns am besten aus allem raus."

Fakten über die Fratellis

Auch eine freundschaftliche Verbundenheit zu den größeren, namhafteren Gruppen aus Glasgow wie Belle & Sebastian, Franz Ferdinand, Teenage Fanclub oder Mogwai wird verneint. Stattdessen hier mal ein paar wissenswerte Fakten über die Fratellis: Im Gegensatz zu vielen anderen rabaukigen UK-Bands betonen Jon, Barry und Mince nicht, dass sie schon zusammen spielen, seit sie 16 Jahre alt sind. Die Fratellis, im Schnitt erstaunlich reife 25 Jahre alt, gibt es erst seit Anfang 2005. Der Bandname (auf Italienisch: Gebrüder) ist eben nicht auf die Schurkenbande in Richard Donners "The Goonies" zurückzuführen, sondern auf den Bassisten Barry, der vorgeblich als einziger tatsächlich "Fratelli" heißen soll und aussieht wie ein Finanzbeamter (aber in Wirklichkeit jahrelang professioneller Croupier war).

Der Titel des Albums "Costello Music" bezieht sich nicht auf Elvis Costello (dessen Songs man angeblich sehr nahe kommt, wenn man die Fratellis-Platte rückwärts abspielt), sondern auf den "Spinal Tap"-ähnlichen britischen Film "Still Crazy", in dem der Keyboarder einer Gruppe, die für einen letzten gemeinsamen Auftritt noch einmal zusammen kommt, Tony Costello heißt und sich bei Telefonanrufen für gewöhnlich mit "Costello Music?" meldet. Der Song "Chelsea Dagger" handelt von Jon Fratellis Frau und "Costello Music" wurde – bizarr genug – ausgerechnet in Los Angeles aufgenommen, wo Tony Hoffer (Air, Badly Drawn Boy, Beck) darauf achtete, dass die dreizehn Songs zwar schludrig genug blieben, aber nun trotzdem hervorragend klingen.

Massenhafte Vorab-Verkäufe übers Internet? Besonders auffällige MySpace-Präsenz? Presse-Hype? Fehlanzeige. Jon Fratelli bewegt sich in ganz anderen Dimensionen und greift zur Erklärung noch einmal auf Bob Dylan zurück: "Das erste, was ich in meinem Leben von Dylan hörte, war 'Subterranean Homesick Blues'. Ich fühlte mich wie vom Blitz getroffen: Die Art, wie er die Rhythmen setzte und virtuos die Worte in die Songstruktur hineinquetschte – so etwas hatte ich vorher noch nie gehört." Ganz unironisch: Die Fratellis haben mit "Costello Music" etwas sehr Beachtliches geschafft: Sie haben sechs, sieben umwerfende Stücke geschrieben – auf einem einzigen Album.

Das Tollste aber verrät Jon Fratelli ganz zum Schluss: Mince, der Name des Schlagzeugers also, soll die Kurzform von "Mincent" sein. Aberwitziger geht's nicht.

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