Rockband The Strokes Nach dem Goldrausch

Was tun, wenn die 15 Minuten Ruhm schon abgelaufen sind? Die New Yorker Rockband The Strokes will sich mit ihrem hervorragenden dritten Album neu positionieren. Fragt sich nur, ob sich die Öffentlichkeit noch dafür interessiert.

Na gut, allein die Tatsache, dass dieser Text erscheint, beweist, dass man sich durchaus noch für die Strokes interessiert - trotz Epigonen wie Franz Ferdinand, Maxïmo Park, Bloc Party und Konsorten. Aber in Wahrheit ist der Hype vorbei, die Luft ist raus.

Vorige Woche, als die New Yorker Jungs zu einem sogenannten Geheimkonzert in der Berliner "Maria am Ufer" antraten, war ein Hauch von Ennui zu spüren. Klar, die jungen Mädchen mit den kecken Pferdeschwänzen waren da, sogar viele von ihnen, und sie tanzten, waren ausgelassen und tranken Schnäpse aus kleinen Plastikbechern. Und natürlich waren auch wir da, die Kritiker, weil die Strokes ja nun mal wichtig waren, damals, Ende 2001, als die Rockmusik plötzlich wieder etwas galt.

Mit ihrem Debüt-Album hatten die fünf Burschen aus dem Big Apple ein Fanal gesetzt: Kraft überlegener Lässigkeit und mit schroffen kurzen Songs, die den großstädtischen Nihilismus der späten Sechziger, sprich: Velvet Underground, zitierten, schleuderten sie den Casting-Stars und R&B-Püppchen in den Charts eine rohe, maskuline Rock'n'Roll-Nummer entgegen und badeten im Lob der Presse. Das schwarzweiße Cover der CD schmückt ein nackter Frauenhintern, auf den sich mokant eine in schwarzes Leder verpackte Hand stützt.

Viel zu sagen hatten die Strokes auf ihrer ersten Platte nicht, aber vielleicht war das auch gar nicht wichtig, weil nach dem 11. September ohnehin alles bedeutungsschwanger war. Die Strokes rockten das Haus und hämmerten so lange auf den Weltschmerz ein, bis er sich in Wohlgefallen aufgelöst hatte. Noch dazu sehen die Jungs gut aus und sind sogar zum Teil prominent: Gitarrist Albert Hammond Jr. ist der Sohn des großen Folkrockers, der uns den Evergreen "It Never Rains in Southern California" bescherte; Sänger Julian Casablancas stammt vom Gründer der legendären Model-Agentur Elite ab. Die Dekadenz gutsituierter Kinder, gepaart mit der coolen Antihaltung des Punkrocks - eine unschlagbare Mischung, die gleich haufenweise gutbürgerliche Bands zum Anlass nahmen, ebenfalls mal wieder die Gitarren krachen zu lassen: The Hives, The Vines, Interpol, The White Stripes - wohl keine der neuen "The"-Bands hätte ohne die Strokes einen Vertrag bekommen.

Doch zurück in die "Maria am Ufer", wo die fünf Mittzwanziger ihr inzwischen drittes Album vorstellten. "First Impressions Of Earth" heißt es und erscheint am 30. Dezember. Schon der Titel lässt erahnen, dass es der Band um einen Neuanfang geht: Klang das 2003 veröffentlichte zweite Album "Room On Fire" noch wie ein Klon des Debüts und wurde von der nach Neuigkeiten hungernden Presse weitgehend links liegen gelassen, geben sich die Strokes nun musikalisch reifer und fügen ihrem ungehobelten Sound eine neue Geschliffenheit und Tiefe hinzu. Man könnte es auch den Willen nennen, etwas von Bestand zu erschaffen, um nicht mehr nur Projektionsfläche für die Medien zu sein.

Beim Konzert war davon zunächst nicht viel zu merken. Zwar spielten die für ihre Kurz-Auftritte berühmten New Yorker einen Set, der erst nach über einer Stunde mit einigen Zugaben endete, die Qualität der neuen Lieder ging jedoch im gleichförmigen Sägen der Gitarren und Wummern der Basstrommel unter. Das Publikum jubelte pflichtgemäß, geriet aber erst in Wallung, als die Band ein paar wiedererkennbare Gassenhauer vom ersten Album spielte.

Dabei gaben sich die Strokes alle Mühe, da vorne auf der Bühne, in dieser engen, abgewrackten Kaschemme, zu glänzen. Wie erwachsene Rocker legten sich die Gitarristen ins Zeug, und Casablancas, trunken wankend, als schwimme er schiffbrüchig auf den Wellen der Musik, ließ immer wieder seine Frisur nach vorne ins Gesicht fallen, um Leidenschaft zu demonstrieren. Wacker, aber auch etwas wacklig, kämpfte man um die Daseinsberechtigung nach dem Über-Erfolg.

Am nächsten Tag beim Interview fiel dem Sänger dazu nicht viel ein. Man bombardierte ihn mit neugierigen Fragen: Was denn hinter dem Stilwechsel stecke? Warum denn plötzlich die perlenden Heavy-Metal-Soli auf der neuen Platte? Was soll der Quatsch mit den sprunghaften Arrangements und einem Pathos, das nach Radiohead riecht? Wollte man der Journaille mal zeigen, was man noch so alles drauf hat? Casablancas lächelte schüchtern und ließ seine Finger verlegen über die Stuhllehne tänzeln. Das sei eigentlich nicht das Kriterium gewesen, sagte er sanft, man versuche, sich nicht von den Meinungen der Presse beeinflussen zu lassen. Was immer man in die Songs hineininterpretieren wolle, nur zu. Das mit Radiohead, nun gut, das könne schon sein. Nach "OK Computer" sollte manches auf dem neuen Album klingen, sagte Casablancas, "vielleicht haben wir das geschafft, vielleicht aber auch nicht".

Weich wie ein Karamellbonbon wirkte der von den Mädchen vergötterte Schönling mit den großen Kulleraugen, als wolle er doch bloß in Ruhe seine Musik machen. Stimmt vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Fakt ist, dass die Band erstmals nicht mit ihrem Kumpel Gordon Raphael, sondern mit einem neuen Produzenten arbeitete. Wie man hört, scheuchte David Kahne, eigentlich ein Mainstream-Mann, der auch schon die Bangles, Paul McCartney und Cher betreute, die jungen Rocker im Studio ganz schön herum. Hingeschluderte Riffs und nachlässigen Gesang ließ er den coolen Jungs nicht durchgehen. Das Resultat ist das bisher beste Strokes-Album.

Mit für ihre Verhältnisse geradezu ausufernden Songs, fast alle länger als vier Minuten, vollführt die Band den Sprung von der Pose zur Haltung und zeigt Mut zur großen Geste, wenn nicht zum Pop. Neben den zahlreichen musikalischen Ausfeilungen gibt es großartige Momente der Selbstreflexion, etwa den Song "Ask Me Anything", in dem Casablancas nur von einem elektrischen Cello begleitet wird und dabei lamentiert: "I've got nothing to give / I've got no reason to live/ But I will fight to survive/ I've got nothing to hide/ Wish I wasn't so shy."

Oder das langsam torkelnde Stück "15 Minutes", vielleicht ein Verweis an Andy Warhols "15 Minutes of Fame", in dem der Sänger über das Irreale des ganzen Strokes-Hypes nachdenkt, aber zu keinem Ergebnis kommt: "If it was all just a dream/ Oh no/ Was it real?/ I don't know." In "Razorblade", dem vielleicht besten Song der Platte, singt Casablancas den Refrain auf die elegische Melodie von Barry Manilows "Mandy", um gleich darauf dem totalen Trotz anheim zu fallen: "My feelings are more important than yours", faucht er. Übersetzt: Ist mir doch egal, was ihr denkt, ich mache mein Ding.

Nun ist das alles nicht so aufregend, wie es klingt, was uns wieder zum Anfang dieser Geschichte bringt. Die Metamorphose einer Band vom glamourösen Rüpelhaufen zur Bande von Musikern, denen es um die Kunst und einen Platz in der Ewigkeit geht, ist so alt wie der Rock'n'Roll selbst. Pink Floyd, Radiohead, Nirvana, U2 - die Beispiele sind Legion. Manche Bands schaffen es, den Ruhm der frühen Tage zu überstehen, manche nicht. "Is This It" fragten die Strokes damals, auf dem Zenit ihres Erfolgs. Ja, vielleicht war's das schon. Wenn's auch jammerschade wäre.

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