Rockstar Nick Cave "Musik ist meine Mission"

Er rockt auch mit 50 noch, als gäbe es kein Morgen: Nick Cave hat in den vergangenen 12 Monaten gleich drei Platten veröffentlicht. Mit SPIEGEL ONLINE sprach er über seine Arbeitsmoral, musikalische Revolutionen und den frauenfeindlichen Liebling seines Sohnes.


SPIEGEL ONLINE: Zwei Alben und ein Soundtrack innerhalb eines Jahres – das ist ein respektabler Output. Haben Sie zurzeit ein gesteigertes Mitteilungsbedürfnis?

Cave: Ich sehe das nicht so. Sie vergleichen meinen Output mit dem eines normalen Musikers, der diesen Beruf hauptsächlich ergriffen hat, um nicht arbeiten zu müssen. Ich hingegen habe ein etwas ungesundes Verhältnis zu Arbeit: Ich kann einfach nicht ohne sie leben. Wenn ich ein Album fertig habe, fange ich gleich mit dem nächsten an. Es sieht also nur so aus, als wäre da so viel von dem Zeug, dabei arbeite ich nur härter als der Durchschnittsmusiker. Man muss mich wahrscheinlich eher mit einem Schriftsteller vergleichen, wenn es um Disziplin geht.

SPIEGEL ONLINE: Befinden Sie sich gerade in einer besonders kreativen Phase Ihrer Karriere? Sie haben ja nicht schon immer drei Alben pro Jahr herausgebracht.

Cave: Sagen wir, ich bin ein bisschen besser organisiert als früher. Aber in Wahrheit ist das alles ein Wahrnehmungsproblem: Früher, bis in die Siebziger hinein, war es selbstverständlich, dass Künstler mehrmals pro Jahr Platten veröffentlichen. Heute will die Musikindustrie gar nicht, dass man so viel arbeitet.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht?

Cave: Da steckt ein System dahinter. Es gibt nur einen begrenzten Raum für Musiker, weil es so viele von uns da draußen gibt. Also entstehen Marketing-Probleme: Da will mich dann dieses oder jenes Magazin nicht aufs Cover nehmen, weil ich letztes Jahr schon drauf war, und so weiter. Und das ist der Grund dafür, dass mir ständig eingetrichtert wird, ich sollte doch bitte langsamer sein und nicht so viel veröffentlichen.

SPIEGEL ONLINE: Und was antworten Sie dann?

Cave: Ich sage "Verpisst Euch". Musik zu machen ist für mich so eine Art Mission, ich kann nicht einfach herumsitzen, um darauf zu warten, dass sich der Markt erholt und mich ein Magazin wieder auf dem Titelblatt zeigen kann. Scheiß drauf!

SPIEGEL ONLINE: Sie sind unlängst 50 geworden, inzwischen tummeln sich auf Ihren Konzerten Leute in einer Altersspanne zwischen 18 und 60. Hat sich die Rockmusik dadurch verändert, dass sie nicht mehr nur die jeweils junge Generation begeistert?

Cave: Ja, ganz bestimmt. Neulich kam eine Großmutter bei einem Konzert auf mich zu und sagte, sie liebe das Grinderman-Album. Und ich dachte: Fuck, diese alte Schachtel steht auf meine Musik!?". Und dann sah ich sie mir näher an und stellte fest, dass sie in meinem Alter ist. Das war ziemlich schockierend! Auf der anderen Seite kommen tatsächlich Kinder zu unseren Konzerten, und 13-jährige Mädchen machen dir schöne Augen – bis es dir wirklich unangenehm ist. Aber es ist alles in Ordnung so, wissen Sie. Gerade die Älteren haben jetzt eine ganze Historie mit mir und meiner Musik, das finde ich sehr rührend.

SPIEGEL ONLINE: Aber verliert die Rockmusik nicht ihren rebellischen Charakter, wenn sie generationenübergreifend funktioniert und die Kids mit ihren Eltern zu ihren Konzerten kommen?

Cave: Klar, Rockmusik als Abgrenzung, das funktioniert nicht mehr. Es kommt ja auch nicht von ungefähr, dass die jungen Punkbands von heute so harmlos sind: Sie haben keine großen Plattenfirmen mehr, gegen die sie sich auflehnen können, entweder gibt es sie nicht mehr oder sie spielen keine Rolle mehr. Und sich gegen die Eltern aufzulehnen macht auch keinen Sinn, weil die in ihrer besten Zeit viel mehr Drogen genommen haben als ihre Kinder. Vielen dieser Bands wurden die Eier abgeschnitten, bevor sie überhaupt den ersten Ton gespielt haben – und so hören die sich auch an.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt im Umkehrschluss, dass das Banner des Rock’n’Rolls von einer kleinen Gruppe Über-50-jähriger hochgehalten wird, zu denen Sie, die Rolling Stones, Tom Waits und Bob Dylan zählen?

Cave: Haha. Nein, ich glaube, das ist nur eine vorübergehende Phase. Irgendwann in naher Zukunft wird es eine enorme Eruption geben, die das alles wieder über den Haufen schmeißt. Ich habe nach wie vor großes Vertrauen in die umstürzlerische Macht der Rockmusik.

SPIEGEL ONLINE: Wird es denn die Rockmusik sein, die die nächste musikalische Revolution auslöst?

Cave: Oh, es kann auch etwas komplett Neues sein, wer weiß? Das wäre fast besser, als immer nur das wieder aufzubereiten, was andere schon tausendmal gespielt haben. Das ist auch etwas, was mir Sorgen bereitet: Alles, was im Radio läuft, hast du schon mal gehört. Und die Bands geben sich noch nicht mal Mühe, das zu verbergen: Die finden The Clash geil und spielen das einfach nach.

SPIEGEL ONLINE: Ihre beiden Söhne aus erster Ehe müssten jetzt im Teenager-Alter sein. Hören die Ihre Musik? Oder gibt es da Absetz-Bewegungen?

Cave: Der eine von ihnen, Jethro, lebt in Australien und spielt in einer Band. Die machen Gore Rap. Falls Sie nicht wissen, was das ist: Googlen Sie es, ich wusste es auch nicht. Gore Rap ist der brutalste und frauenfeindlichste HipHop, den Sie je gehört haben. Man kann also im Hinblick auf den Generationenkonflikt sagen, dass er es tatsächlich geschafft hat, etwas zu finden, dass mich in Verlegenheit bringt.

SPIEGEL ONLINE: Das ist bekanntlich nicht so einfach.

Cave: Nein, ich bin nicht zimperlich, aber dieses Zeug, das er rappt, ist wirklich unfassbar gewalttätig – und er tritt bei Konzerten mit einer blutigen Schlachterschürze auf.

SPIEGEL ONLINE: Fühlen Sie sich da nicht an sich selbst vor 30 Jahren erinnert, an die ersten Auftritte als wilder Mann mit den Bad Seeds in London?

Cave: Oh ja, ich sehe da eine Menge von mir selbst – ob das nun gut ist oder nicht.

Das Interview führte Andreas Borcholte


Nick Caves neues Album "Dig, Lazarus, Dig!!!" ist am 29. Februar bei Mute/EMI erschienen. Außerdem erhältlich: der Soundtrack zu "Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford" (gemeinsam mit Warren Ellis) und das Album "Grinderman" (beide 2007, ebenfalls Mute/EMI)



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