Cicero singt Sinatra Ein Riecher für Jazz

Er löste die erste Massen-Ekstase der Popgeschichte aus, begeisterte Generationen als Crooner: Frank Sinatra. Der Entertainer wäre im Dezember 100 Jahre alt geworden; Roger Cicero wagt ein Hommage-Album - hier vorab zu hören!

DPA

"Was zum Teufel ist das?", stammelte Benny Goodman am 30. Dezember 1942 ins Mikrofon des Paramount Theaters am New Yorker Broadway. Den King of Swing irritierte das wilde Gekreisch von mehreren Hundert Teenagern; Mädchen gerieten außer Rand und Band, als Goodmans Orchester zum Ende der Matinee einen sichtlich nervösen, schlaksigen Gastsänger begleitete: Francis Albert "Frank" Sinatra, den Shootingstar aus Hoboken/New Jersey.

War die Hysterie der weiblichen Fans ein Vorbote von Beatlemania? "Vorher kamen die Leute, um die Band zu hören", fand der Tenorsaxofonist Ted Nash, "aber als Frank dieser schreienden Menge von Kindern gegenüberstand, trat die Bigband sofort in den Hintergrund." Tatsächlich markiert die Szene einen Wendepunkt in der Rezeption von Musik. Hysterischer Fan-Kult wurde ein Teil davon. 1944 löste ein Konzert am Columbus-Feiertag am Broadway die erste Massen-Ekstase der Popgeschichte aus - es war eine Show von Frank Sinatra.

Der 1915 geborene Sohn italienischer Einwanderer hatte sich als Barsänger mit gelegentlichen Radioauftritten durchgeschlagen, ehe er als Vokalist in den Bigbands von Harry James und Tommy Dorsey nach New York kam und dort sensationell gefeiert wurde. Das verwunderte manche, denn Sinatra war alles andere als ein Schönling. Der Jazzmusiker und -Autor Michael Naura beschrieb ihn als "singenden Italo-Pygmänen" und zitierte die Hollywood-Diva Ava Gardner, eine zeitweilige Ehefrau Sinatras: "Stimmt, er ist klein, aber die Hälfte davon ist Penis."

Zu Sinatras Charme und Stimme kam eine ungewöhnliche erotische Ausstrahlung. Doch anders als viele Erfolgsstarter mit schnell verglühendem Ruhm blieb der Entertainer bis zu seinem Tod 1998 weltweit populär. Alte und junge Musikfreunde hören bis heute Sinatra-Songs. "The Voice", wie der Sänger genannt wird, spricht Arbeiter wie Intellektuelle an.

Der Mann swingt wie die Count Basie Band

"Jedes Stück, das er singt, ist verständlich und - was noch mehr bedeutet - ist glaubhaft", sagte Duke Ellington. Die Jazz-Elite verehrte Sinatra. Miles Davis hielt den Sänger - neben Nat King Cole und dem Schauspieler (!) Orson Welles - für "einfach unschlagbar in der Art, wie er mit der Stimme eine musikalische Linie, einen Satz oder eine Phrase formt".

Sinatra hat selbst keinen einzigen Song geschrieben. Aber etliche Stücke wurden allein durch seine Darbietung zu Welthits. Wer kennt nicht "Strangers In The Night" oder "My Way"? Weil er gern sentimentale Kompositionen (Balladen) interpretierte, galt Sinatra als der Inbegriff des "Crooners" (Schnulzensängers).

Dabei verkörpert er eher die Gegenfigur; denn während viele Crooner das Vibrato pflegen, entwickelte er eine sublime Legato-Technik. Dazu hatte Sinatra einen Riecher für Jazz, ein Swing-Feeling, das mit dem der Count Basie Band verglichen wurde. Der Sänger betonte eine gleichmäßige Vierteltonrhythmik.

Statt ins Studio live auf die Bühne

Zum 100. Geburtstag von Frank Sinatra im Dezember wird eine Flut von Artikeln über den Jahrhundert-Entertainer erscheinen. Eine musikalische Hommage bringt Roger Cicero. Der 45-Jährige bewundert den Amerikaner, seit ihm ein Kommilitone während des Studiums in Hilversum das Album "Live At Sands" vorspielte. Wie sein Idol bewegt sich der Deutsche im Spannungsfeld von Jazz und Pop; und wie Sinatra liebt Cicero die Arbeit mit Bigbands.

Für die CD/DVD/LP "Cicero Sings Sinatra" wurden 20 Stücke aus Sinatras 1000-Titel-Repertoire neu arrangiert. Cicero geht es nicht darum "Sinatra zu imitieren", heißt es im Informationsmaterial zu dem Projekt. Vielmehr will er dem Publikum "losgelöst von den Originalen seinen ganz persönlichen Blick auf Sinatra gewähren".

Wesentlich geholfen hat dabei Ciceros musikalischer Direktor und Bandleader Uwe Granitza. "Im Oktober 2014 begannen wir mit der Arbeit und hörten uns immer wieder Sinatra-Aufnahmen an", erzählt der 54-jährige Routinier, dessen Hauptinstrument die Posaune ist. Besonders inspirierten Cicero und ihn Sinatras Einspielungen mit den Orchestern von Count Basie und Quincy Jones.

Granitza schaffte das Kunststück, der kleineren Cicero-Bigband den Sound einer vollen Standardbesetzung zu verpassen. So fügte er zu den zwei Posaunen eine Bass-Posaune (der klassische Satz hat vier Posaunen); er erzielte den satten Klang einer fünfköpfigen Saxofon-Section, indem er die vier Saxofone der Cicero-Band durch eine Posaunen-Stimme verstärkte.

Statt ins Studio zu gehen, präsentierten Cicero/Granitza ihr neues Werk "Live in Hamburg". Die Sinatra-Titel wurden bei zwei Konzerten am 7. und 8. September im "Mehr! Theater" am Großmarkt in Ton und Bild aufgezeichnet. Bei dem "Heimspiel vor ausverkauftem Haus" ("Die Welt") waren als Gäste Yvonne Catterfeld, Sasha und Xavier Naidoo dabei. Der Gassenhauer "New York, New York", dargeboten im Duo von Cicero und Naidoo, riss das Publikum von den Sitzen.

Auf den Tonträgern, die am Freitag auf den Markt kommen, wurde die Konzertatmosphäre eingefangen. Die Band klingt stark, und der Protagonist hat seinen Ton gefunden. Roger Ciceros Frank-Sinatra-Hommage ist gelungen.

Hören Sie "Cicero sings Sinatra - Live in Hamburg" hier vorab im Albumstream:

Roger Cicero: Cicero Sings Sinatra - Live in Hamburg auf tape.tv.


Cicero Sings Sinatra-Tournee 2016
7. April, Frankfurt; 8. April, Düsseldorf; 10. April, Berlin;
12. April, Hamburg; 14. April, München; 15. April, Wien;
17. April, Zürich; 18. April, Stuttgart.

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insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
chaps 22.11.2015
1. Ich würde Sinatra und Cicero
doch eher in die Swing-Kategorie einordnen. Mit gefällt Sinatra und auch Cicero ab und an. Allerdings fehlt mir die Improvisation.
Michael-Tuta 22.11.2015
2. Früher Al Jerreau heute Cicero :-(
https://www.youtube.com/watch?v=3F4f7YUzxd4
hwdtrier 22.11.2015
3. Sowas!!
Ein Artikel mit einem Lob auf Xavier Naido
hanatol 22.11.2015
4. ganz subjektiv,
das nasal-nölige in Ciceros Stimme nervt mich einfach nur. Deswegen werde ich als Sinatra-Fan mir das nicht antun.
hanatol 22.11.2015
5. @3. wo
ist in dem Artikel ein Lob versteckt? Dort ist lediglich eine Beschreibung der Situation vorhanden.. Da steht nicht, dass das Publikum zu Recht begeistert war ;-)
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