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Roger Waters: Mann mit Bass und Botschaft

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Politrocker Roger Waters Wutbürger von Welt

Die Platte der Stunde: Auf seinem neuen Meisterwerk "Is This The Life We Really Want" wütet der Pink-Floyd-Bassist Roger Waters gegen sämtliche Zumutungen unserer Zeit.

Das lustigste Detail dieses an düsteren Details so reichen Albums ist der "Parental Advisory"-Sticker auf dem Cover. Obacht, "explizite Lyrik"! Eltern ist also geraten, ihren Kindern zu erklären, warum und worauf der Opa so verdammt wütend ist. Wütend ist er auf die Welt. Weil er Roger Waters ist.

"Is This The Life We Really Want" ist sein erstes reguläres Album seit einem Vierteljahrhundert. Es ist nicht nur ein künstlerischer Triumph, es ist die Platte der Stunde.

Nicht nur ein Manifest gegen die apokalyptische Reiterei aus Gier, Gewalt und Dummheit der Mächtigen. Sondern auch gegen die Gleichgültigkeit der angeblich Ohnmächtigen. Waters tut, was er immer tat und wofür er stets gerne verspottet wurde. Er wird explizit: "Fear, fear drives the mills of modern man". Geht's genauer?

Es geht ausführlicher, und er nimmt sich die Zeit. Wenn also ein Student von einem Panzer überrollt oder ein Volltrottel zum Präsidenten gewählt wird, wenn eine Drohne ein Dorf einäschert oder wieder ein Stück von Grönland ins Meer stürzt - dann deshalb, weil wir das so wollen: "Is this the life we really want? It surely must be so. For this is a democracy, and what we say goes".

Im Kampf vereint mit Kate Tempest und Sleaford Mods

Es ist schlimm, aber wir wollen das so. Wir alle wollen das, "Schauspieler, Sportler, Onkel, Tanten, Großeltern, Wäscherinnen, Kleriker, Fernfahrer, Nutten", wohin sein geflüsterter Bewusstseinsstrom ihn auch führt, bis "tramps" sich irgendwann auf "ants" reimt, und der alte Mann in seinem Selbstgespräch plötzlich stutzt: "Warum nicht Ameisen? Nun, weil es wahr ist. Der IQ von Ameisen ist nicht hoch genug, zu unterscheiden zwischen dem Schmerz anderer Menschen und, zum Beispiel, dem Zerschneiden von Blättern".

Kurioserweise steht der Prog-Rocker mit unveränderter Haltung plötzlich Seite an Seite mit Vertreten eines neuen Punk - dessen Urväter noch "I Hate Pink Floyd"-T-Shirts trugen und heute Werbung für Butter machen. Seine wahren Weggefährten heißen heute Kate Tempest, Sleaford Mods oder Idles, um nur einige Kinder des Brexit zu nennen, die aus anderen Gründen als Roger Waters nichts mehr zu verlieren haben. Und die seine Enkel sein könnten.

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Roger Waters: Mann mit Bass und Botschaft

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Während "politische" Kolleginnen wie M.I.A. inzwischen für einen Großkonzern leichte Sommerkleidchen verkaufen, linker Hardcore aus den USA neuerdings vom Unbehagen der Geschlechter handelt und es bei den deutschen Vorzeige-Punks gerade noch zu einem bierseligen "Unter den Wolken wird's mit der Freiheit langsam schwer" reicht, spuckt Waters dem Großen und Ganzen direkt ins Gesicht: "Picture a shithouse with no fucking drains! Picture a leader with no fucking brains!" Stellt euch ein Scheißhaus ohne Abflüsse vor, stellt euch einen Anführer ohne Gehirn vor.

Der Mann ist drei Jahre älter als Donald Trump. Wer will, kann sein neues Werk als erbittertes Fernduell der irren alten Säcke hören - zumal der US-Präsident mit einem gestammelten Sample auch persönlich auftritt: "CNN? I mean it's story, after story, after story is bad. I won. I won. And the other thing, chaos. There's zero chaos. We are running … this is a fine-tuned machi-…", bis Waters mitten im Satz den Fernseher abstellt.

Größtenteils kommen diese Botschaften ganz sanft daher, musikalisch. Es wehen die Streicher, es tupft das Piano, es zupft die Akustische, es gletschert das Keyboard. Viel Raum, viel Hall, viel Echo, wofür eine sehr junge Band und der Produzent Nigel Godrich (Radiohead, Air, Paul McCartney) gesorgt haben dürften. Stücke wie "Smell The Roses" oder "Picture That" haben einen Groove, wie Pink Floyd ihn zuletzt in den Siebzigerjahren hatten.

Der Chef selbst umwebt ein herrlich trocken vor sich hin tickendes Schlagzeug mit seinem weich federnden Bass. Käuze rufen, Hunde heulen und Herzen schlagen. Diese "field recordings" unserer physischen und medialen Umwelt dienen noch immer als konkrete Wirklichkeitssplitter im organischen Kontinuum der Musik. Geräusche als zusätzliches Instrument von eigenem Recht.

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Ästhetisch steht "Is This The Life You Really Want" zwischen "Animals" und "The Final Cut", mit Reminiszenzen an Klassiker wie "Have A Cigar", "Echoes" und "Sheep" und mutwilligen Neudeutungen: "Wish you were here in Guantanamo Bay". Leise Titel wie "Broken Bones" wurzeln hörbar auf den "Grantchester Meadows". Dissonante Experimente mit wie Geschütztürme bollernden Beats rufen Erinnerungen an "Ummagumma" wach.

Die finalen drei Stücke endlich bilden eine kontrapunktische Suite an die Liebe als einzige Lösung, in bester Pink-Floyd-Tradition, mit David-Gilmour-Gedenkgitarre und diesem typisch wuchtigen Akkordwechsel, drei Stufen hinab in die Tiefe. Was auch für Waters' verwitterte Stimme gilt. Je nachdem, ob er gerade zischt, brüllt oder laut über Ameisen nachdenkt, erinnert sie inzwischen angenehm an Leonard Cohen, David Bowie oder Bob Dylan.

Anders aber als Dylan oder auch die Rolling Stones, die es sich auf ihre alten Tage mit der eigenen Vergangenheit gemütlich machen, entfaltet Waters auf "Is This The Life We Really Want" das ganze Panorama der Scheiße, in der wir gerade stecken.

In "Déjà Vu" singt der Mann, dem immer wieder Antisemitismus vorgeworfen wird: "Wenn ich Gott gewesen wäre, ich hätte viele Söhne gezeugt - und den Römern nicht erlaubt, auch nur einen einzigen von ihnen zu töten". Den Römern wohlgemerkt - nicht den Juden.

Hier waltet eine aggressive Dringlichkeit und poetische Deutlichkeit, die Zeitgenossen gerne mit Zynismus oder Nihilismus verwechseln. Tatsächlich steht Waters 2017, wofür er schon seit spätestens 1977 unverändert steht: einen Humanismus, der sich warm angezogen hat. Ganz in Schwarz, wie es sich gehört. Agitprog.

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