Sänger der Band Voltaire "Ich lebe mit Anfang 40 wie ein Student, der nicht aus einer reichen Familie kommt"

Die Band von Roland Meyer de Voltaire stand 2004 kurz vor dem Durchbruch. Doch der große Erfolg trat nie ein. Hier spricht er übers Scheitern, übers Freisein - und über Seelenstriptease vor der Kamera.
Ein Interview von Jurek Skrobala
Sänger Roland Meyer de Voltaire: "Sprung ins Ungewisse"

Sänger Roland Meyer de Voltaire: "Sprung ins Ungewisse"

Foto: mindjazz pictures

Was haben die Schlagersängerin Kerstin Ott, die Mittelalterrockgruppe Santiano und der Trap-Rapper Ufo361 gemeinsam? Sie alle haben den großen Durchbruch geschafft, wie man etwas unschön im Musikersprech sagt. Doch was geschieht mit den Musikern, die kurz davor stehen, ihn aber nicht schaffen?

Einer dieser Musiker ist Roland Meyer de Voltaire, heute 41 Jahre alt. 2004 erscheint die "Flut EP" seiner Band Voltaire, die Band wird eine Zeitlang als das nächste große Ding gehandelt, deutsche Radiohead oder so. Es folgen zwei Alben. Und dann: Stille.

Vor Kurzem ist die Dokumentarfilm-Serie "Wie ein Fremder - Eine deutsche Popmusik-Geschichte" erschienen (zum Beispiel über Amazon oder iTunes erhältlich), für die der Filmemacher Aljoscha Pause ("Being Mario Götze") Meyer de Voltaire nach dem verpassten Durchbruch sechs Jahre lang begleitet hat; nach dem Ende seiner alten Band, bis zu den Anfängen seines neuen Projekts, Schwarz. Entstanden ist eine Serie über das Scheitern und über das Hoffen - mit viel Pathos, aber auch viel Seelenstriptease.

SPIEGEL: Herr Meyer de Voltaire, in "Wie ein Fremder" entscheiden Sie sich, ohne festen Wohnsitz in Berlin zu leben. Sie verpfänden Ihr Klavier, wohnen bei Freunden und ziehen innerhalb eines Jahres sieben Mal innerhalb Berlins um. Hatten Sie damals Existenzängste?

Meyer de Voltaire: Die hatte ich schon vorher. Als ich nach Berlin zog, gesellte sich Euphorie zu den Ängsten. Ich hatte den Sprung ins Ungewisse gemacht, kriegte aber auf einmal Hilfe von allen möglichen Seiten, in der Art: "Roland, mir wär's ganz lieb, wenn du auf meine Wohnung aufpasst, wenn ich im Urlaub bin." Das hat mir so ein Urvertrauen gegeben. Ich dachte: Ich bin auf einem Weg und gehe jetzt mal weiter. Und irgendwas wird schon passieren.

SPIEGEL: Das klingt nach dem Gegenteil von Angst.

Meyer de Voltaire: Manchmal denk ich, wir wären alle etwas besser dran, wenn wir weniger Ängste hätten. Vor allem die Angst, über unsere Misserfolge zu reden. Die Zahl der Dinge, die nicht klappen, ist viel größer als die, die klappen. Selbst Menschen, die sehr erfolgreich sind, fallen mal auf die Fresse.

SPIEGEL: 30.000 Euro Vorschuss, ein Vertrag bei einem Major Label, wohlwollende Kritiken. Wieso hat es mit Ihrer alten Band Voltaire eigentlich nicht geklappt?

Meyer de Voltaire: Als uns der Plattenvertrag angeboten wurde, kam das wie aus dem Nichts. Wir haben dann alles andere hinten angestellt: andere berufliche Perspektiven, Geld, Familie. Dadurch konnten Voltaire so werden, wie sie waren. Gleichzeitig wurde der Druck größer, dass wir auch erfolgreich sind, wenn wir ein Album bei unserer damaligen Plattenfirma Universal rausbringen. Als sich dann aber auch das zweite Album bei PIAS schlecht verkaufte und wir innerhalb weniger Jahre zweimal ohne Plattenvertrag dastanden, war bei mir die Luft raus. Am Ende hat das dazu geführt, dass das, was uns angetrieben hatte, uns daran hinderte, weiterzumachen. Ich habe dann diese Band, in die wir über Jahre so viel investiert hatten, auf Eis gelegt.

SPIEGEL: Sind Sie damals gescheitert?

Meyer de Voltaire: Ja und nein. Ich wollte von der Musik leben können. Dahingehend bin ich gescheitert. Aber wir haben zwei Platten gemacht, zu denen ich bis heute stehe.

SPIEGEL: Würden Sie die Zeit für die Band mit dem Wissen von heute in etwas Anderes stecken?

Meyer de Voltaire: Ich kenne so viele Menschen, die irgendwie irgendwas machen, womit sie überhaupt nicht glücklich sind. Klar habe ich mir manche Dinge anders vorgestellt. Aber wer hat das nicht? Ich kann heute das machen, was mir Spaß macht. Ich habe beim zweiten Voltaire-Album mangels Hilfe gelernt, wie man selbst produziert und bin seitdem immer weniger auf andere Menschen angewiesen. Das ist Luxus für mich.

SPIEGEL: Ist "Wie ein Fremder" eine Promo-Aktion für Ihr erstes Album unter Ihrem neuen Künstlernamen, Schwarz?

Meyer de Voltaire: Ich hoffe nicht, das wäre mir peinlich. Ich bin kein aggressiver Selbstvermarkter. Wenn's um Promo gegangen wäre, dann hätte ich den Fokus auf andere Aspekte meines Lebens oder meines musikalischen Schaffens gerichtet. Für mich war total klar: Ich muss komplett loslassen.

SPIEGEL: Sie werden in der Serie nicht nur beim Musikmachen, sondern auch beim Zähneputzen und mit Ihrer Familie gezeigt. Sie erzählen offen von Ihren Problemen. War es Ihnen stellenweise unangenehm, Ihr Umfeld und Ihre Probleme so ausgestellt zu wissen?

Meyer de Voltaire: Ich hatte keine Skrupel damit, über mich und meine Probleme zu reden, mich offen auf das Projekt einzulassen, weil ich Aljoscha, den Regisseur, schon lange kenne. Jemand Wildfremdes hätte ich wahrscheinlich nicht zu meinen Eltern nach Hause eingeladen. Aber dass andere Menschen sich das angucken, ist mir eigentlich erst jetzt bewusst geworden, als die Serie rausgekommen ist. Letztens hat mir der ehemalige Fußballspieler Thomas Broich, über den Aljoscha seinen ersten Film gemacht hat, beschrieben, wie ihm erst bei der Premiere des Films im Kino zwischen 500 Menschen bewusst wurde: Hier und jetzt sehen das all diese Menschen. Das ist eine Situation, die mir dank Corona komplett erspart geblieben ist.

SPIEGEL: Wenn – wie in der Dokuserie zu sehen – ein Rapper wie Megaloh noch für einen Paketlieferanten arbeiten muss oder der Gitarrist der Band Selig, Christian Neander, sagt, von Selig allein zu leben, wäre knapp, was sagt das über die Musikindustrie aus?

Meyer de Voltaire: Seit ich in der Musikindustrie eingestiegen bin, Anfang der Nullerjahre, werden die Gürtel enger geschnallt. Es wird weniger Geld ausgegeben als früher, es kommt auch weniger Geld rein, und perspektivisch wird sich das nicht ändern. Mittlerweile ist Musik sehr billig geworden: Man zahlt heute zehn Euro im Monat und kann sich anhören, was man will. Da bleibt für den Einzelnen nicht mehr viel kleben. Und aus Labelsicht ist es sauschwer geworden, heute Künstler zu etablieren: Man muss viel Geld reinbuttern, ohne Garantie, dass man das je wieder reinkriegt.

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SPIEGEL: Können Sie heute von Ihrer Musik leben?

Meyer de Voltaire: Ja. Allerdings lebe ich mit Anfang 40 wie ein Student, der nicht aus einer reichen Familie kommt. (lacht) Ich muss immer wieder gucken, woher das Geld kommt: Mal sind es Filmprojekte, mal Produktionsjobs. Ich bin sehr froh, dass ich weiß, wovon ich nächsten Monat meine Miete zahle. Das empfinde ich als sehr komfortabel.

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