Bachs Matthäuspassion Das Lamm blieb fromm

Der umstrittene Theaterregisseur Romeo Castellucci inszenierte in Hamburg Bachs Matthäuspassion wie erwartet ungewöhnlich, aber skandalfrei. Opernchef Kent Nagano dirigierte dezent an sperrigem Ort: Doch die Deichtorhallen spielten gut mit.

Bernd Uhlig

Es floss dann doch nur Kunstblut, als das Lamm Gottes angestochen wurde. Der Ruf, der dem italienischen Regisseur Romeo Castellucci vorauseilt , ließ für diese Hamburger Bach-Produktion unter dem Namen "La Passione" Schlimmeres befürchten: Fäkalien, Kadaver, menschliche Knochen und andere Provokationen sind bei dem 56-Jährigen keine Seltenheit. Seine Produktion "Über das Konzept des Angesichts bei Gottes Sohn" arbeitete mit (künstlichen) menschlichen Darmprodukten und entsprechenden Geruch, in Frankreich und Italien gab es Proteste und Polizeischutz, in Deutschland 2012 beim "Hebbel am Ufer" in Berlin dann doch nur Ekel und immerhin Schlussbeifall.

Die Spannung vor der Premiere seiner "Matthäuspassion" in den Hamburger Deichtorhallen wuchs enorm, schließlich fand hier auch der Startschuss zum neuen " Internationalen Musikfest Hamburg 2016 " statt. Doch diesmal blieb Castellucci brav.

Nagano wäscht sich die Hände

So viel Unschuld war selten: Der Orchesterraum und die flache Bühne in den extra umgebauten Kunst-Ausstellungsräumen wie auch die Gewänder aller Akteure schimmerten in reinstem Weiß, das in manchen asiatischen Ländern auch als Farbe der Trauer getragen wird.

Vor Beginn wusch sich Orchesterleiter Kent Nagano die Hände, was sicher nichts mit Pontius Pilatus zu tun haben sollte. Der kam erst später dran. Dennoch eine perfekte Einstimmung für die szenisch gedachte Bach-Passion, die von Anspielungen, Querverweisen, Assoziationen und scheinbar themenfremden Denkanstößen nur so strotzte.

Castellucci hatte an alles gedacht: Auf jedem Sitz lag ein "Index"-Heft für das Publikum, das ausdrücklich und vor allem während der Performance gelesen werden sollte. Dafür blieb das - natürlich grellweiße - Saallicht während der knapp dreistündigen, pausenlosen Aufführung an.

Ohne diese Anleitung hätte man beispielsweise kaum verstanden, dass der bärtige ältere Herr in Torwächterpose mit Stab jener Klaus Zapp aus Finkenwerder war, der 1993 einen fatalen Arbeitsunfall erlitt, der ihn beide Unterschenkel kostete. Zeige deine Wunde: Zapp montiert zum Chorgesang nach der Grablegung Christi seine Prothesen ab und geht sehr langsam auf seinen Beinstümpfen von der Bühne. Sein Leiden wird drastisch erlebt.

Das hat Würde, denn es ist authentisch. Und es illustriert besser als manches andere Bild den Zugriff Castelluccis auf den Stoff: Leiden als das "Anstößige" (Skandalon), als existentielle, individuelle Erfahrung, die nur im Ritus - vielleicht - nachvollziehbar gestaltet werden kann.

Leiden wird drastisch erlebt

Andere Bilder arbeiten mit wissenschaftlichen Experimenten, präsentieren menschliche Überbleibsel wie Schädel, technische Wracks wie einen veritablen Reisebus und natürlich ein ausgestopftes Lamm Gottes, aus dem das besagte Kunstblut in großer Menge fließt. Eine tiefrote Verwundung trifft die nun nicht mehr reine Bühne, auch wenn ein Team von "Tatortreinigern" vergeblich versucht, den Urzustand wieder herzustellen. Die fromme Unschuld bleibt verloren.

Verbal beschreibt Castellucci in seinem "Index" die Vorgänge bei einer Kreuzigung, doch eine naturalistische Nachschöpfung der barbarischen Hinrichtungsart erspart er dem Publikum. Immerhin marschieren nacheinander 14 Darsteller auf die Bühne, weiblich wie männlich, von neun Jahren bis 83 Jahren, die sich an einer - natürlich metallisch weißen - Reckstange in die Höhe ziehen lassen, und sich so lange hängen lassen, wie sie es aushalten: Eines der Bilder, die irritieren, aber nicht packen. Doch auch das gehört offenbar zum Prinzip - der Gang in die Irre ist im Leben verankert, erst in der Draufsicht auf die Phänomene entscheidet sich der Anteil für den Betrachter. Ende offen.

Der Bahnhof spielt mit

Die Musik freilich blieb unangetastet. Kent Nagano dirigierte seinen Bach fast ein wenig zu cool und respektvoll, es klang alles so reinweiß wie es drumherum aussah. Manchmal ließ er auch das engagiert spielende Philharmonische Staatsorchester frei von allen Zügeln, was zu einem locker-luftigen Spiel ohne enge Leitung führte.

Nagano konnte sich auch auf den perfekt eingestimmten Audi Jugendchor (Leitung: Martin Steidler) verlassen, der die geforderte Dramatik zu jedem Zeitpunkt fast anstrengungslos aufbieten konnte. Hin und wieder drangen von außen - der Bahnhofnähe geschuldet - Zuggeräusche in die Halle, aber in diesem Kontext wirkte der Reality Check geradezu mitkomponiert: Auch die Deichtorhallen spielen ihren Part.

Star des Abends war der englische Tenor Ian Bostridge als Evangelist, der sich nach Kräften um dramatische Zeichnung seines Parts bemühte und eine wenig vokales Feuer in all der Dezenz entfachen wollte. Dass er dabei hin und wieder übers Ziel hinausschoss, glich mit eleganter Noblesse der Jesus-Sänger Philipp Sly aus, der zum Schluss fast mehr Beifall als Bostridge erhielt. Sämtliche drei weiblichen Stimmen überzeugten völlig: die Sopranistinnen Hayoung Lee und Christina Gansch ebenso wie Altistin Dorottya Láng. Tenor Bernard Richter flankierte gleichfalls sicher und ausdrucksstark.

Wenn trotz aller Erläuterungen diese "Matthäuspassion" einen doch über Strecken einen sehr kryptischen Eindruck bot, so verließ man das stille Spektakel berührt und nachdenklich. Nicht das schlechteste Ergebnis nach einer Aufführung des Leidens Christi.

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