"Rotes Album" von Tocotronic Über Sex kann man auch auf Deutsch singen

Oha! Ausgerechnet Tocotronic, die Mustermucker des deutschen Denkpops, haben ihr neues Album der Liebe und der Romantik gewidmet. Ein Meisterwerk, wieder einmal. Hören Sie das "rote Album" hier komplett vorab!

Michael Petersohn/ universal music

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"Keine Meisterwerke mehr, die Zeit ist längst schon reif dafür", sang Dirk von Lowtzow schon vor fünf Jahren auf dem Album "Schall und Wahn". Es ist einer dieser typischen, in sich verdrehten Tocotronic-Witze aus Kunst-Zitat (angeblich eine Hommage an Performance-Künstler Jack Smith) und Selbstreferenz. Ein Spiel mit dem eigenen Status als ewige "Einserschüler des Pop" (Moritz von Uslar), als gefeierte, unantastbare Richtigmacher, die - eben - ein Meisterwerk nach dem anderen abliefern.

Nach "Kapitulation", das den politischen Diskurs mit provokanter Geste abhakte und ihn jüngeren Bands wie Messer oder Trümmer überließ, war "Schall und Wahn" die Rückbesinnung aufs Rockistische: Das Hirn sollte ruhen, die Gitarren durften dröhnen. Auf dem letzten Album, "Wie wir leben wollen", kam sogar eine ungeahnte Körperlichkeit hinzu, ein verkünsteltes Ausloten der inneren Säfte und Kräfte, eine Odyssee in Klang- und Körperkavernen.

Das nun erscheinende "rote Album" (anders als das gern als "weißes Album" bezeichnete "Tocotronic" von 2002 trägt es keinen Titel) bringt diesen neu entdeckten Körper sozusagen in Wallung. Ein Album über die Entdeckung der Liebe, der Rebellion und der Romantik. Und ein Album, das die Band so leichtgängig, so popverliebt wie noch nie präsentiert.

Aber, natürlich, trotzdem bleibt alles kompliziert.

Denn so ungehemmt Tocotronic auf der Bühne loslassen können, so groß scheint letztlich die Skepsis, Hüftschwung, Rock'n'Roll!, zuzulassen: Lieber erst mal ein paar Nebelkerzen werfen, bevor es zu eindeutig wird. Das beginnt beim "roten Album", das am wohl rötesten Tag des Jahres erscheint, am 1. Mai nämlich, wenn sich die Arbeiterklassen-Romantik zu Schlachten und Gesängen erhebt. Ein Album, das absichtlich an diesem Tag erscheint, muss doch politisch sein! Aber es ist - haha, verarscht! - alles andere als das. Es sei denn, und da schließt sich der ewige Kreislauf aus Insiderwitz und Zeichenspiel, man kramt noch mal eine alte Revoluzzer-Sentenz heraus: Das Private ist politisch.

Tocotronic: Album-Prelistening

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Und nein, das rote Quadrat auf dem Cover des Albums ist kein linkes Symbol, sondern ein gerade 100 Jahre alt gewordenes Kunstwerk des russischen Suprematismus-Begründers Kasimir Malewitsch; es steht für größtmögliche Reduktion, in der sich die größtmögliche Erleuchtung verbergen soll. Analog dazu begibt sich Songschreiber von Lowtzow, inzwischen Mitte Vierzig, graue Strähnen in der Popperfrisur, auf eine zwölf Song-Kapitel umfassende Erkenntnisreise, er schreibt seine Version eines romantischen Bildungsromans. Held ist der "Rebel Boy", der den Erwachsenen trotzig entgegenwirft, sie könnten ihn nicht erziehen.

Der auf "Wie wir leben wollen" schon im Alterserschlaffen begriffene Körper öffnet sich noch einmal der Jugend: "Ich werde mich nicht mehr der Schwerkraft ergeben. Zusammen können wir nach draußen gelangen. Ich öffne mich gänzlich für dich, wir fliehen zu zweit aus den Kerkern der Zeit", singt von Lowtzow in "Ich öffne mich", dem zweiten Song, der das Motto setzt für das, was folgt.

Knirschen im Coolness-Gefüge

Wortreich wird dann gestürmt und gedrängt, selbst ins Sexuelle traut sich die Band, die einst, fast 20 Jahre ist das her, postulierte: "Über Sex kann man nur auf Englisch singen". Das Unbehagen, die Überforderung, sich diesem Thema mit der eigenen Sprache zu nähern, ist aber deutlich spürbar: "Unter deiner Decke fasst mich das Chaos an." Ohnehin muss das "rote Album" eine Zerreißprobe für die ansonsten stets gelassen wirkende Gruppe gewesen sein. Von langen Diskussionen und Kontroversen um von Lowtzows Texte war zu hören, im Duktus der Band heißt das dann "Lektorat". Den Kitsch von Lust- und Liebe-Pop zu vermeiden, war das höchste Gebot. Gar nicht so leicht! Wenn aus der Geste großes Gefühl erwachsen soll, knirscht's im Coolness-Gefüge.

Zum Glück kann man sich auf die Stilsicherheit Dirk von Lowtzows verlassen. In "Haft" schafft er den Gipfel der Eindeutigkeitsverschleierung mit einer fast schon an Grönemeyer ("Deine Liebe klebt") gelehnten Volte: "Was uns eint, ist Haft, eine geringere Kraft". So nüchtern hat wohl noch niemand ein Lied über die Liebe gesungen. Genau diese Steifheit macht Tocotronic ja auch zur deutschesten aller deutschen Rockbands: Selbst wenn der Körper ins Zucken gerät, der Kopf gibt streng den Takt vor.

Für Auflockerung muss die Musik sorgen. Produzent Moses Schneider wurde diesmal von Markus Ganter unterstützt, der zuletzt Caspers "Hinterland" und Dagoberts "Afrika" betreute. Zusammen verbannten sie Rick McPhails Gitarren zum Großteil in den Hintergrund, um Raum für Bässe, Streicher und Synthesizer zu schaffen. Klanglich standen die kühl-distanzierten, zugleich warm folkelnden New Romantics der Achtziger Pate: Aztec Camera, die Stranglers, die Smiths.

Die wundersame, aber sehr aufwühlende Reise endet schließlich im Grünen, in einem versteckten Song, der mit Field Recordings vom Ufer der Briese bei Berlin zu fiepen und tschirpen beginnt. Ein versöhnlicher Song, vorerst: "Ich hab ein Date mit Dirk am ersten Frühlingstag, ich will wissen, ob er mich noch mag", säuselt der Sänger, bevor er den älter, weiser und illusionsärmer gewordenen Rebellenjungen in morbide Sprachbilder von geöffneten Adern und sumpfigem Moor wegtauchen lässt.

Blutrote, schwermütige Selbstmordfantasie? Da fließt er hin, der alte Romantiker, von außen nach innen gekehrt. What's not to like? Letztlich, kein Witz, ist's dann wieder ein Meisterwerk geworden.



insgesamt 30 Beiträge
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Seite 1
angst+money 24.04.2015
1. gut
Bis jetzt brauchte ich bei jedem neuen Tocotronic-Album etliche Anläufe bevor es mir dann doch noch gefiel. Diesmal klappt's auf Anhieb. Hoffentlich kein schlechtes Zeichen...
hansmaus 24.04.2015
2.
:D seid mir nicht böse Jungs aber auf den Bildern seht ihr aus wie viel zu alte Studenten die in ihren individuellen nonkonformen Studentenuniformen hängen geblieben sind :) Aber die Musik von euch find ich immer noch gut obwohl ich das letzte mal vor fast 15 Jahren an der Uni war :)
carlo02 24.04.2015
3. Erstaunlich
wieviel Quatsch man aus den Texten interpretieren kann. Vielleicht hat es sich einfach nur gereimt. So klingt es für mich.
Dumme Fragen 24.04.2015
4. Ein Mutmachalbum über Romantik...
Genau zum richtigen Zeitpunkt! Faust aufs Auge sozusagen. Nur: ich kann es wohl erst am 2. Mai kaufen...
angst+money 24.04.2015
5.
Vielleicht ist ja genau das das Gute daran...
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