Rückkehr der Jazzplatte Die haben 'ne Scheibe!

Den Dreh raus: Weltweit werden immer weniger Tonträger verkauft, aber immer mehr Vinylplatten. Manche Jazzlabels bringen ihre Alben daher nicht nur auf CDs heraus, sondern auch auf den altmodischen schwarzen Scheiben.


"Jazz Vinyl Makes Comeback" meldet das US-Magazin "Down Beat" in seiner Mai-Ausgabe. Der Verkauf von neu produzierten Platten sei 2008 gegenüber dem Vorjahr um 89 Prozent gestiegen.

Einen Grund für den steigenden Umsatz nennt der Manager des Jazz Record Mart in Chicago: Neben den Leuten im Rentenalter kämen jetzt auch jüngere Menschen zu den LP-Regalen, darunter auffallend viele weibliche Kunden. Aufgekratzt jubelt das Jazz-Magazin: "Männer, Frauen, Alte, Junge - alle scheinen auf den Vinyl-Zug zu springen."

Deutschland verzeichnet einen ähnlichen Trend: Wurden 2006 noch 600.000 Langspielplatten verkauft, so waren es 2007 schon 700.000 und im vergangenen Jahr gar 900.000. Zwar entfällt auf das LP-Geschäft nur knapp ein Prozent des Umsatzes des deutschen Musikmarktes. Aber der Bundesverband der Musikindustrie bescheinigte der LP das "Comeback des Jahres". Denn während immer weniger CDs verkauft werden, floriert der "Nischenmarkt mit dem nostalgischen Klangzauber" ("Manager Magazin").

1948 hatte der US-Medienkonzern CBS die Langspielplatte aus Polyvinylchlorid (PVC) entwickelt. Die schwarze Scheibe war billiger, klang besser und bot eine deutlich längere Spieldauer als die bis dahin übliche Schellackplatte.

Inzwischen haben CD und mp3-Player die LP als Tonträger abgelöst. Doch eine internationale Fan-Gemeinde will sich von der alten Platte nicht lösen: Vinyl-Liebhaber schwören auf ihren Klang und sammeln Hüllen, die manchmal von Künstlern wie Andy Warhol entworfen wurden. Sehenswert sind auch viele Aufkleber auf den Scheiben; der Bildband "Labelkunde Vinyl" (erschienen im Berliner Schwarzkopf & Schwarzkopf-Verlag) zeigt mehr als 4500 Schallplattenetiketten.

Angesichts der weiter bestehenden Vinyl-Welt entschlossen sich in den vergangenen Jahren immer mehr Plattenfirmen, bestimmte Produktionen als CD wie auch als LP herauszubringen. So veröffentlichte ECM Aufnahmen von Keith Jarrett und Enrico Rava als Doppel-LPs. Blue Note hat im Jubiläumsjahr Miles Davis' "Kind of Blue" in dieser Kombination herausgebracht.

Das Hamburger Label Skip vertreibt die Aufnahmen seines erfolgreichen Tingvall Trios als CD und Vinylplatte. Von 1000 LPs gingen 500 nach Japan, sagt Bernd Skibbe. Der Firmenchef beobachtet amüsiert, wie manche Musikfreunde reagieren, wenn sie eine Vinylplatte in der Hand halten: "Leute verfallen in Andacht."


CD/LPs Enrico Rava: "New York Days" (ECM); Miles Davis: "Kind Of Blue" (Blue Note); Tingvall Trio: "Skagerrak" (Skip).



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ABP 22.05.2009
1. Keine Überraschung
Dass Vinyl nicht in der Versenkung verschwindet, ist schon wegen des eindeutig besseren Klangs (entsprechende Technik vorausgesetzt) zu erwarten gewesen. Ich höre seit einigen Jahren (wieder) fast ausschließlich Vinyl und habe meine Plattensammlung Gott sei Dank nicht verschenkt oder gar auf den Müll geworfen. Mit einem gut gewarteten Laufwerk von Thorens und einem korrekt montierten Mittelklassesystem übertrifft die Hör-Qualität alle digitalen Tonträger um Längen. Nicht zu vergessen die Haptik!!! Aber auch die Zeit, die man sich nehmen muss, um bewusst Musik zu hören gehört zu den Qualitäten, die eben nur Vinyl bietet. Die Erklärung ist eigentlich ganz einfach: Wir hören eben nicht digital sondern analog. Und das hört man...
ruedi01, 22.05.2009
2. Nostalgie?
...diese Nostalgie hat im Prinzip nur einen einzigen Grund. Die Musikindustrie ist nicht mehr in der Lage mit aktuellen Produktionen den Käufer zu ködern. Also wird nach den 'guten' alten Sachen gesucht. 60er, 70er und auch 80er Jahre Titel. Da wird man dann fündig. Und das muss natürlich stilecht auf Vinyl sein. Aber nicht nur künstlerisch steckt die Musikindustrie schon lange in der Sackgasse. Auch technisch - Stichwort Loudness-race - hat man längst den Offenbarungseid geleistet. Bei gefühlten 5 dB Dynamik macht Musik einfach keinen Spass mehr. Da bieten die alten schwarzen Scheiben einfach mehr. Nicht weil sie dem Medium CD technisch überlegen wären, sondern weil sie einfach sorgfältiger produziert sind. Und da lamentiert die MI über die Raubkopierer, die ihr Geschäft versauen. Die Manager selber sind an der Misere mindestens genauso beteiligt... Gruß RD
Berliner Löwe, 22.05.2009
3. Vinyl für's Herz, MP3 zum Gebrauch...
Ich mag alle Varianten von MP3, CD oder Vinyl. MP3 benutze ich beispielsweise als Hintergrundmusik zum Abendessen oder wenn Gäste kommen und ich keine Lust habe alle 45 Minuten die CD zu wechseln. Ich stelle mir MP3 CDs nach Stimmungen zusammen: beruhigend, avantgardistisch, poppig, jazzig etc. MP3 behandele ich wie ein Gebrauchsgut. Bei Vinyl ist das was anderes, damit beschäftige ich mich dann während des hörens. Ich konzentriere mich auf das was ich höre, ich höre also bewußter zu. Es ist eine Symbiose zwischen intensivem zuhören und dem Akt sich mit der Hülle, den Informationen und dem Bild zu beschäftigen und sich ausliefern der Reihenfolge der Musikstücke auf Vinyl, die sich der Künstler vorgestellt hat. CDs behandele ich als Gebrauchsgut, die liegt auch schon mal so herum. Eine CD kann ich auch grober behandeln, die spielt und spielt und spielt. Vinyl verzeiht einem schlechte behandlung nicht. Ich muss vorsichtig mit ihr umgehen und säubern und sorgfältig behandeln. Tue ich es nicht "bestraft" mich das Vinyl durch eingeschränkten Hörgenuss, sprich Kratzern und Knacken. Vinyl erfordert Zärtlichkeit, Zuneigung und Liebe. Meine Schwester kann manchmal schon neidisch werden wie liebevoll mein Schwager mit seiner Plattensammlung umgeht und wie "grob" dieselben Hände mit dem menschlichen Körper umgehen...hahah..'Für mich ist allerdings eine klangliche Überlegenheit des Vinyls nicht ausschlaggebend. Ich habe eine durchschnittliche Anlage und einen ganz guten Plattenspieler, ich bin kein Fetischist und im laufe meines Lebens sind meine Gehörgänge schon etwas abgenutzt, ich glaube nicht, dass ich die ganzen Feinheiten überhaupt wahrnehmen würde. Bei manchen Aufnahmen bevorzuge ich dann aber doch die traditionelle CD, weil ich den Klang dann doch um einiges besser emfinde. Ich habe ältere Alben von Al Stewart die klingen als Vinyl scheußlich. Anderseits gibt es Indie Veröffentlichungen von FELT, den Neuseeländern um SNEAKY FEELINGS oder Alan McGee's wundervolle BIFF BANG POW! deren brillianz nur das Vinyl zu bieten hat. Vinyl wirkt auf mich immer noch wie ein großes Versprechen.
BadTicket 22.05.2009
4. Vinyl lebte immer
Es ist eigentlich ganz einfach zu erkennen wer wirklich Wert auf gute Musik legt. Die einen produzieren sie auch oder nur auf Vinyl, die anderen hören sie vom Vinyl. Vinyl-Fans lieben Musik, sie kaufen sie, sie kopieren sie nicht und wenn die Musikindustrie mehr Wert auf gute Musik und gute Tonträger gesetzt hätte, wären sie jetzt nicht so im Verkaufsgejammer!
silberfunken, 22.05.2009
5. Naja, auf die Produktion kommt es an
Also es gibt halt solche und solche Produktionen. Ob eine Platte besser klingt, hängt doch von vielen Faktoren ab. Viele CD's klingen soch vor allem deshalb weniger gut, weil es sich um leiblose Digitalisierungen vormals analog produzierter Aufnahmen handelt. Wer die neu gemasterten Genesis-Platten 1970-75 gehört hat, wird mir zustimmen, dass diese kaum mehr vegleichbar sind, mit der "Zumutung" der Vinyle. Auch die vermehrt auf japanischen Label heraukommenden alten Produktionen auf CD (sog. Japan-Remaster) klingen oft so gigantisch gut (beispielsweis edie ertsen vier Yes-ALben), dass man da gerne zur CD greift. Die Charles Mings Platten (auch Japan Remaster) ebenso. Heute klingen digitale Produktionen ja vor allem deshalb so grottig, wei sie bis auf die Spitze durch Kompressoren gejagt werden und aus diesem Grunde keine Dynamik mehr haben und daher nahezu unhörbar sind.
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