Russendisko "Wir verausgaben uns!"

Seit über vier Jahren ziehen der Schriftsteller Wladimir Kaminer und der Musiker Yuriy Gurzhy aus Berlin mit ihrer "Russendisko" durch Deutschland und die Welt. Mit SPIEGEL ONLINE sprachen die beiden DJs über Erfolg, Hartz IV und die Kunst der Verausgabung.


DJs Kaminer, Gurzhy mit Models: "Auflegen ist göttlich"

DJs Kaminer, Gurzhy mit Models: "Auflegen ist göttlich"

SPIEGEL ONLINE:

Herr Gurzhy, Herr Kaminer, Sie haben gerade die dritte Russendisko-CD herausgebracht. Seit über vier Jahren legen Sie zwei Mal im Monat im Berliner "Kaffee Burger" auf und reisen mit der Russendisko um die Welt? Glücksfall oder der Lohn harter Arbeit?

Kaminer: In den letzten 15 Jahren sind sich Ost und West etwas näher gekommen. Da viele Deutsche sehr neugierig sind auf alles Fremde, haben wir angefangen, die äußerst vielschichtige Musik aus den ehemaligen Republiken der Sowjetunion hier bekannt zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Wie würden Sie Ihren Musikgeschmack beschreiben?

Gurzhy: Wir legen vor allem Bastardmusik auf, die einerseits von westlichen Einflüssen geprägt ist, andererseits aus der russischen Volksmusik kommt. Die Musiker in Russland sind noch nicht so aufs Geld fixiert wie die meisten hier, sondern spielen aus Liebe zur Musik. Die überproduzierte Plastikware, die im Radio läuft, interessiert uns nicht.

Kaminer: Die Musik repräsentiert den kulturellen Aufbruch, den der Kollaps der Sowjetunion mit sich brachte. Ich hätte früher nie geglaubt, dass politische Entwicklungen kulturell direkt durchschlagen. Aber es ist so.

SPIEGEL ONLINE: Schriftsteller und DJ ist eine eher unübliche Kombination. Übernehmen Sie sich nicht damit?

Kaminer: Meine schriftstellerische Tätigkeit ist sehr belastend. Ich bin ständig unterwegs und bei den Lesungen verliere ich viel Energie. Du gibst ein Stück von dir und bekommst es niemals zurück. Als DJ dagegen schmeiße ich den Leuten ein paar Musikstücke hin und bekommen ihre Freude, ihre Lebensfreude zurück. Musik bedarf keiner Sprache und hat so ein Antlitz der Ewigkeit. Kennen Sie diese These: Gott ist ein DJ. Auflegen ist eine göttliche Tätigkeit.

SPIEGEL ONLINE: Für Sie eine Art Erholung?

Kaminer, Gurzhy in Aktion: Blinies mit Nutella

Kaminer, Gurzhy in Aktion: Blinies mit Nutella

Kaminer: Eine mentale Erholung. Und physisch betrachtet Sport. Früher habe ich Gewichte gestemmt, war schwimmen und machte solchen Unsinn, jetzt lege ich auf.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt seit kurzem Russendisko-T-Shirts und -Unterhosen. Wird es demnächst auch Russendisko-Salatsauce oder -Hautcreme geben?

Gurzhy: Salatsauce wäre eine gute Idee.

Kaminer: Daran ist Hartz IV schuld. Die T-Shirts macht ein Freund, der in Yuriys Band spielt. Diese Merchandising-Ideen kommen nicht von uns. Da schaffen Freunde und Bekannte von uns sich selbst Jobs. Neulich kam ein alter Bekannter, ein sympathischer Trinker, mit der Geschäftsidee an, bei unseren Veranstaltungen Blinies mit Kaviar zu verkaufen. Er hatte ein fünf Seiten langes Konzeptpapier darüber verfasst. Wir haben gesagt: Natürlich, du bekommst dein Plätzchen. Aber die Leute haben ihn gefragt: Kaviar? Hast du nicht welche mit Nutella? Jetzt verkauft er seine Blinies mit Nutella - aber wir verdienen natürlich auch dabei keinen Cent.

SPIEGEL ONLINE: Geht die Musik ebenso mit der Zeit wie der Geschäftssinn?

Kaminer: Die Musik verändert sich immer, denn die Russen saugen alles aus dem Westen auf, verdrehen es, und daraus entsteht dann etwas Einzigartiges. Das Russische daran ist, dass die Musiker sich total verausgaben. Viele Musiker im Westen sind Dienstleister, die alles spielen können, aber das ist seelenlos. Sie haben keine Überzeugung. So arbeiten auch die meisten DJs. Wir aber verausgaben uns.

SPIEGEL ONLINE: Wer kommt zu Ihren Veranstaltungen?

Gurzhy: Es sind alle Altersgruppen dabei. Die Deutschen fragen uns, wo sind denn die Russen? Die Russen sagen: Wo sind denn die Deutschen?

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie sich kennen gelernt?

Gurzhy: Wladimirs russische Nachbarn hatten zusammen mit einem ständig kiffenden Kreuzberger Kindergärtner eine Band gegründet, und die suchte noch weitere Musiker.

Autor-DJ Kaminer, Co-DJ Gurzhy: Gefälligst Geld verdienen

Autor-DJ Kaminer, Co-DJ Gurzhy: Gefälligst Geld verdienen

Kaminer: Das war 1997. Da kam dann Yuriy an, lange Haare damals, aus Potsdam, der spielte bei denen Gitarre.

Gurzhy: Wir haben angefangen, Kassetten auszutauschen, zusammen Musik zu hören und darüber zu reden. Irgendwann meinte Wladimirs Frau Olga, dass wir gefälligst mal versuchen sollten, Geld zu verdienen.

Kaminer: Zunächst haben wir eine osteuropäische Kulturreihe im Café Burger gemacht, aber die Zahl der guten osteuropäischen Filme, Autoren und Bands ist begrenzt. Und Musiker sind komplizierte Menschen. Noch komplizierter als Schauspieler. Sie trinken noch mehr, haben gerade keine Lust oder keine Stimme oder können ihre Instrumente nicht stimmen. Wir dachten uns: Wozu braucht man diese Musiker, man kann auch ihre Platten auflegen.

SPIEGEL ONLINE: Sind nur die Deutschen verrückt nach der "Russendisko"?

Gurzhy:In Athen bekamen wir nicht die geringste Reaktion, die meisten standen nur rum und schauten uns an. Aber der Veranstalter sagte: So sind die Athener.

Kaminer: Das wildeste Publikum hatten wir in Kroatien. Die haben sich zunächst als zivilisierte Europäer ausgegeben, aber dann sprangen sie bis zur Decke und zerschmissen ihre Gläser auf dem Boden. Sie wollten uns gar nicht mehr gehen lassen.

Gurzhy: Israel war interessant. Ich bin wie Wladimir jüdischer Abstammung und 1995 aus der Ost-Ukraine nach Berlin gekommen. In Israel kamen russische Juden, die das für eine Ghettoveranstaltung hielten, und Israelis, denen dies zunächst sehr verdächtig war. Aber je mehr sie tranken, desto schneller fielen die Barrieren. Wir hatten Spaß zusammen.

Kaminer: Wir hatten auch eine Veranstaltung in der jüdischen Gemeinde in Zürich. Da kamen Leute, die sonst nie bei der jüdischen Gemeinde auftauchen.

Model mit Russendisko-Dessus: "Schuld ist Hartz IV"
Maak Roberts / www.nologicshop.de

Model mit Russendisko-Dessus: "Schuld ist Hartz IV"

SPIEGEL ONLINE: Ist das Judentum ein entscheidender Einfluss in Ihrem Leben?

Gurzhy: In der Ukraine fühlte ich mich nur als Jude, weil ich ab und zu Jude genannt wurde. Aber ich habe von meinem Vater auch ukrainisches, polnisches und griechisches Blut mitgekriegt. Meine Muttersprache ist Russisch, aber ich lebe in Berlin und lege russische Musik auf. Ich habe aufgehört, mich zu definieren.

Kaminer: Ich bin jüdischer Abstammung, aber fühle mich nicht als Jude, weil ich in einer internationalistischen, atheistischen Familie aufgewachsen bin, in einem Land, dass nicht nur eine mit Atomwaffen bewaffnete Diktatur war, sondern auch ein freiwilliger Zusammenschluss vieler Völker, die alle nichts zu meckern haben sollten. So!

SPIEGEL ONLINE: Warum sind Sie noch nie in Russland aufgetreten?

Gurzhy: Wir waren in einem riesigen Club in Moskau eingeladen, doppelte Gage, angeblich alles kein Problem. Aber dann musste der Manager mit seiner Familie ganz schnell nach Amerika verschwinden, weil seine Geldgeber - das waren Leute vom Zoll - mit ihm unzufrieden waren. Manchmal kannst du dich in Russland freuen, wenn du lebendig wieder aus dem Club kommst, in dem du auftrittst. Von der Gage wollen wir mal gar nicht reden.

SPIEGEL ONLINE: Herr Kaminer, Sie sind inzwischen in Deutschland der gute Russe, eine Art Ivan Rebroff oder Lew Kopeljew, der Antipode zum bösen Russen, dem Mafioso.

Kaminer: Ich bin nicht nur der gute Russe, sondern auch der gute Jude oder der deutsche Schriftsteller mit ausländischen Wurzeln. Ich muss sagen: Das bringt eine große Verantwortung mit sich. Kürzlich kamen holländische Journalisten zu mir und fragten mich: Wie können Sie als Jude in Deutschland mit seiner Nazi-Vergangenheit leben? Was sagen Sie zur NPD?

SPIEGEL ONLINE: Ihre Antwort?

Kaminer am Plattenteller: Gut aufgelegt zwischen Ost und West
DPA

Kaminer am Plattenteller: Gut aufgelegt zwischen Ost und West

Kaminer: Die Niederlage im Zweiten Weltkrieg hat langfristig dem Land hier geholfen, eine wahre Demokratie zu entwickeln. Die Deutschen sind für alles Militärische und Totalitäre verloren, sie gehen kritisch mit ihrer Vergangenheit um und sind neugierig und offen, was die anderen kulturellen Traditionen dieser Welt betrifft. Die Russen dagegen können heute nicht einmal die Opfer des Stalinkultes anerkennen, weil der Diktator ja den Krieg gegen Nazi-Deutschland gewonnen hat, und die Gewinner richtet man nicht. Das hat dazu geführt, dass es heute in Russland viel mehr Rechtsradikale als in Deutschland gibt.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie jetzt im Mainstream aufgehen?

Gurzhy: Die Musiker aus Leningrad, die auf unseren ersten Platten vertreten sind, laufen zwar immer noch in zerrissenen Unterhosen rum, aber inzwischen haben sie auch eine Tankstellenkette in Russland.

Kaminer: Was soll's. Mainstream und Underground sind doch Etiketten, die die Musikszene überhaupt nicht mehr korrekt erfassen.

Das Interview führte Michael Sontheimer



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