Ry Cooder "Die Uhr tickt ständig"

So funktioniert Kino zum Ende des Jahrtausends: Ry Cooder musiziert mit ein paar rüstigen Kubanern, und sein alter Kumpel Wim Wenders hält die Kamera drauf. Das Resultat ist der Dokumentarfilm "Buena Vista Social Club", der am 17. Juni in den deutschen Kinos startet. SPIEGEL ONLINE sprach mit Ry Cooder über vergessene Kulturen, alte Männer und die kubanische Leichtigkeit des Seins.


Kubanische Helden: Der Buena Vista Social Club
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Kubanische Helden: Der Buena Vista Social Club

Der Blues lockte einst das große Talent des Ry Cooder hervor. Längst wurde der Meister der traurig klingenden Slide-Gitarre zum Grenzgänger und pirscht nach authentischen Klängen fremder Kulturen. Nach Alben mit Gabby Pahinui (Hawaii), dem Inder V.M. Bhatt und Ali Farka Touré (Mali) ist das 1997 erschienene Album mit dem Buena Vista Social Club seine bislang erfolgreichste Exkursion. Hatte er für seinen Freund Wim Wenders 1984 den Soundtrack zu "Paris Texas" und 1997 zu "Am Ende der Gewalt" geschrieben, revanchiert sich Wenders nun mit einem Dokumentarfilm über die Musik der kubanischen Veteranen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie in Wenders Film "Buena Vista Social Club" jene Intensität wiederentdeckt, die Sie an dieser kubanischen Musik so fasziniert?

Cooder: Ja, ich bin zufrieden. Wenn Du diese Arbeit machst, hoffst Du, daß eine bestimmte Realität, von der du denkst, daß sie es wert ist, dokumentiert zu werden, in der Platte oder im Film wiederzufinden ist. Das ist der Grund, warum ich Platten mache, weshalb Wim Wenders Filme macht. Aber natürlich ist es das Schwierigste überhaupt, diese Eindrücke und Intensität auf Platte oder in einen Film zu bringen.

Bunte Mischung: Wim Wenders und Ry Cooder
REUTERS

Bunte Mischung: Wim Wenders und Ry Cooder

SPIEGEL ONLINE: Die Produktion des Albums "Buena Vista Social Club" war Ihr eigenes Projekt. Haben Sie auch beim Film mitgewirkt?

Cooder: Wenders macht Filme und ich Platten. Natürlich habe ich ihm geholfen, ihm Sachen gezeigt und Platten vorgespielt. Er hat gute Arbeit geleistet. Wir hatten ja nicht viel Zeit und haben die Sache, so schnell es ging, durchgezogen. Er stieg aus dem Flugzeug aus und begann noch am selben Tag mit dem Drehen.

SPIEGEL ONLINE: Haben sich die kubanischen Behörden in das Projekt eingemischt?

Cooder: Das Aufnehmen der Platte war sehr einfach. Niemals stand uns auch nur einer im Weg. Wenders wurde während des Filmens vom staatlichen Filminstitut unterstützt.

SPIEGEL ONLINE: Beschäftigen Sie sich auf Ihrer musikalischen Spurensuche auch mit den politischen Systemen, in denen die Künstler leben?

Cooder: Viele verstehen nur schwer, daß es für Individuen, die ihren Fokus in der Musik haben, nicht entscheidend ist, wo sie leben. In zunehmendem Alter hat ihre Musikalität mehr damit zu tun, wie sie leben. Nehmen wir zum Beispiel Compay Segundo. Er ist nun 92. Als wir zusammen arbeiteten, fragte ich ihn nach seiner heutigen Sicht auf die politischen Unterschiede. Er entgegnete: Was willst Du? Ich habe zwei Weltkriege erlebt, vier Diktaturen und drei Revolutionen. In den Dreißigern haben wir schlecht gelebt, wir waren sehr arm, und der Kerl an der Regierung war der Schlimmste. So schaut Compay zurück auf die kubanische Geschichte.

SPIEGEL ONLINE: Warum fasziniert Sie die Geschichte Kubas? Cooder: Während der ganzen Zeit blieben hier bestimmte Dinge konstant: Die Armut, das Fehlen jeder Möglichkeiten, die Einfachheit. Es gibt keine großen Industrien und man könnte sagen, daß die industrielle Revolution hier nie stattfand. Das macht einen großen Unterschied, denn damit stieg der Lebensstandard nicht wie in den Industrieländern. Kuba ist immer noch eine Agrarnation: Es gibt Zucker, Tabak, ein paar Minen. Das ist alles.

SPIEGEL ONLINE: Haben gerade diese Umstände die kubanische Musik geprägt?

Cooder: Diese kubanischen Musiker im Alter von 70, 80, 90 Jahren sind in einer Umgebung aufgewachsen, die nicht vom Kommerz regiert wurde. Ihre Musik lebt von dieser Atmosphäre, vom Land und der Lebenseinstellung – das ist das Spezielle an kubanischer Musik. Alles hat mit den Versen der Troubadoure im 18. und 19. Jahrhundert begonnen. Die Musik ist drumherum gewachsen. Der Son (Mischung von afrikanischer, spanischer und kreolischer Musik, Anm. d. Red.) kam aus dem Nichts und wuchs hier wie eine Pflanze. Der Grund dafür war, daß es weder einen Adel noch eine kirchliche Hierarchie gab. Die Leute konnten alles frei für sich nutzen. Sie hatten das Rohmaterial der afrikanischen Rhythmen und die Überreste der europäischen Musik, die spanischen und französischen Melodien.

SPIEGEL ONLINE: Die Zeit scheint in Kuba anders zu ticken als im Rest der Welt.

Cooder: Auf Inseln brauchen Veränderungen mehr Zeit, so hat der Son länger überlebt, die interessanten poetischen Bilder, die spannenden Akkorde und alles, was diese Musik zu etwas Originärem macht. Die alten Musiker spielen und singen immer noch wie früher - vollkommen losgelöst von Politik und Geschichte. Mein einziges Interesse besteht darin, den ursprünglichen Teil dieser Musik herauszuziehen. Unglaublich, daß so viele dieser Leute noch leben. Im Rest der Welt sind die großen Musiker schon tot. Blues, Hillbilly, indianische, hawaiianische und mexikanische Musik? Vergiß es.

SPIEGEL ONLINE: Was fasziniert Sie am meisten an Kuba?

Cooder: Die Energie, die Lebenskraft. Wir fanden in diesen Musikern unsere Meister und damit die Kunstgeschichte hinter der Folklore. Folklore und Tradition sind okay, aber für mich stets ein bißchen langweilig. Die großen Künstler sind interessanter. Sie können dir etwas zeigen, nicht die Wahrheit der Kultur aber die Spitze des künstlerischen Ausdrucks. Genau das brauchst du für eine gute Platte. All diese Genies - fantastisch. Diese Intensität kann man nur in der Musik finden.

SPIEGEL ONLINE: Würde Sie nun ein neues Soloalbum reizen?

Cooder: Niemals. Schon gar nicht nach der Erfahrung mit diesen Menschen. Ich bin nun 52, habe einige Soloalben gemacht, das war in Ordnung, aber kein Vergleich damit. Mein Ziel war immer, etwas wie das hier zu erleben. Und man hat ja nicht soviel Zeit, die Uhr tickt ja ständig.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie schon ein neues Projekt im Sinn?

Cooder: Ich mache eine Platte mit einem alten Mann aus Hanoi, der wie ein Kubaner ist, sehr einfach und ein sehr guter Musiker. Er ist der Compay Segundo Vietnams und heißt Kim Sin. Kuba und Vietnam sollen sich ja ähnlich sein - ich freu' mich drauf.

Das Interview führte Cristina Moles Kaupp



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