Sabrina Setlur Effektvoll auf dem elektrischen Stuhl

Um Aufmerksamkeit zu erregen, sind alle Mittel recht: In dem hochästhetischen Video zu ihrer neuen Single "Keine ist" stirbt die Rapperin Sabrina Setlur als Strafgefangene auf dem elektrischen Stuhl. Ein gelungener Beitrag zur aktuellen Debatte über die Todesstrafe?

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Unbewegte Miene zum bösen Spiel: Rapperin Setlur bei den Dreharbeiten zum "Keine Ist"-Video

Unbewegte Miene zum bösen Spiel: Rapperin Setlur bei den Dreharbeiten zum "Keine Ist"-Video

Die Welt des Musikvideos ist hyperstilisiert: Eine Frau wird durch einen sterilen Todestrakt geführt, ihre Miene ist unbewegt und ruhig. Zu dem gräulich-schwarzweißen Film puckert getragene Musik und ein monotoner Sprechgesang, oder besser: ein monotones Flüstern, wie es seit Thomas D's "Liebesbrief" im deutschen HipPop modisch ist.

Die Frau mit den langen dunklen Haaren ist die Frankfurter Rapperin Sabrina Setlur, 27, die sich nach ihrem Ausflug in die Personality-Klatschspalten wieder um ihre musikalische Karriere kümmert. Auf die Schlagzeilen will sie aber offenbar doch nicht so schnell verzichten, denn was im Höhepunkt Videoclip zu "Keine ist" gezeigt wird, erregt schon wieder die Gemüter, katalysiert wie üblich durch die "Bild"-Zeitung ("Das geschmackloseste Video des Jahres")

Hyperstilisierte Welt der Videoclips: ästhetisches "Keine Ist"-Ambiente (Dreharbeiten)

Hyperstilisierte Welt der Videoclips: ästhetisches "Keine Ist"-Ambiente (Dreharbeiten)

Setlur, deren neuer Titel sich verworren mit den Themen Narzissmus und Selbstfindung beschäftigt, wird am Ende des Films auf den elektrischen Stuhl gesetzt, und um Punkt 12 Uhr legen die Wachleute den Hebel um. Empörung, Aufschrei, Wahnsinn - in einer Zeit, in der in den USA beinahe wöchentlich Menschen hingerichtet werden, in der das Thema Todestrafe so prominent debattiert wird, in so einer Zeit kann man das doch nicht in einem zur Unterhaltung gedachten Musikvideo bringen!?

Man kann natürlich - und man hat auch schon in dutzenden Rockvideos viel drastischeres gesehen. Denn wo "Bild" die Setlur "qualvoll" sterben sieht, passiert nach dem unheimlichen Umlegen des tödlichen Hebels eigentlich nicht viel mehr als ein kurzes Lichtflackern, woraufhin sich die Seele (oder der Geist) aus dem Körper der Rapperin löst und halbtransparent umherschwebend weiter ihren Sermon herunterbetet - immer noch scheinbar ungerührt in der schönen, klaren Ästhetik des Clips.

Keine Qual: Setlur auf dem heißen Stuhl (Dreharbeiten)

Keine Qual: Setlur auf dem heißen Stuhl (Dreharbeiten)

Genau dort, in der irritierend ästhetischen Machart des Videos liegt aber die tatsächliche Geschmacklosigkeit. Der Tod auf dem elektrischen Stuhl ist hier eine rein stilistische Spielerei ohne Provokation oder Aussage, die nicht einmal der Kunst, sondern nur der bloßen Effekthascherei dient.

Sie sei "unheimlich berührt" gewesen, nachdem sie das Konzept gelesen habe, sagte Setlur gegenüber der "Bild" und gruselte sich vor dem "Gefühl, sich bewusst seinem Tod zu nähern." Die Todesstrafe sei zudem ein Thema, mit dem die Setlur gerade "viele Probleme" habe, deshalb könne es auch in einem Popvideo aufgegriffen werden. Schade, manchmal ist Stil eben keine Frage des guten Geschmacks...



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