Sade Rhythmischer Liebes-Blues

Unauffällig, aber elegant: Nach acht Jahren Pause kehrt Sade, die Königin des soften Schmusesongs, mit ihrem neuen Album "Lovers Rock" zurück - und plötzlich ist (fast) alles wieder wie früher...
Von Peter M. Boenisch

1984 landete die als Helen Folasade Adu im nigerianischen Ibadan geborene und im britischen Essex aufgewachsene Modedesignerin mit "Your Love Is King" auf Anhieb einen internationalen Top-Ten-Erfolg. Auch ihre anderen Hits wie "Smooth Operator", "Hang On To Your Love" und "Nothing Can Come Between Us" gehören heute noch immer zu den Klassikern des Kuschelpop. Ohne große Erklärungen zog sich Sade nach ihrem Album "Love Deluxe" (1992) zurück, acht Jahre lang war von der scheuen Sängerin kaum ein Lebenszeichen zu vernehmen. Nun kehrt sie mit ebenso wenig Aufsehen zurück.

In der langen Zeit ist Sade hörbar gereift. Zwar kündigt schon der Albumtitel "Lovers Rock" an, dass sie immer noch ihrem Metier treu bleibt. Doch vom unterschwelligen, verruchten Rotlicht-Groove der alten Hits verabschiedet sie sich mit ihren neuen Songs ebenso wie von ihrem früheren Image betont erotischer Exotik. Verhalten und sachte sind die elf Stücke instrumentiert. Der Schlagzeugrhythmus greift Elemente zeitgemäßer Dancebeats auf, zwischendurch wird sogar ein wenig gescratcht - aber stets dezent und unaufdringlich. Mehr denn je steht Sades markante Stimme im Vordergrund, nur umspielt von zarten akustischen Gitarrenklängen und wenigen, prägnant gesetzten Orgel- und Trompetenakkorden. In ihren Texten zeigt sich die Britin nun ernsthaft und verinnerlicht statt sexy und kokett. Mit Liedern wie "King Of Sorrow" und "Every Word" realisiert sie so ihre durchweg eigenständige und sehr erwachsene Version ihres rhythmischen Liebes-Blues.

Auch wenn zwischendurch manche Textzeilen doch allzu heimelig geraten ("I want to cook you a soup that warms your soul") - insgesamt sind Sade selbstbewusste, poetische und angenehm unverkitschte Liebeslieder gelungen, stets durchzogen von jener tiefen Melancholie, die Sades tiefe, traurige Stimme so hervorragend vermittelt. Musik für lange, triste Herbstabende: zum Zurücklehnen, Entspannen, Träumen, Weinen. Mit "Lovers Rock" beweist Sade, dass sie nicht nur eine exzellente Interpretin für emotionale Soulsongs ist, sondern auch als Songwriterin über einiges Talent verfügt. Dabei hat sie inzwischen so viel an Souveränität gewonnen, dass sie sich ganz ohne Peinlichkeit auch dezent politischer Themen annehmen kann wie in "Slave Song" und "Immigrant".

Manch andere hätte man längst abgeschrieben, wenn sie acht lange Jahre nichts von sich hören lassen. Sade kehrt zurück, als wäre nichts gewesen. Und wie einen alten Freund empfängt man sie gerne wieder, ohne nachzutragen und nachzufragen. Allenfalls wundert man sich selbst, warum man sie so wenig vermisst hat.

Sade: "Lovers Rock" (Epic/Sony), veröffentlicht am 13. November 2000.

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