Britischer Sänger Kashy Keegan Ein Hit für wütende Chinesen

In Großbritannien wollte niemand die Songs von Kashy Keegan hören, er schlug sich als Putzmann und Telefonverkäufer durch. Dann landete eine seiner Balladen im Netz - und wurde in Hongkong zur Protesthymne.

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Sein halbes Leben lang hatte Kashy Keegan der Musik gewidmet, hatte sich tagsüber als Putzmann und als Telefonverkäufer durchgeschlagen, war nachts in Londoner Pinten aufgetreten und mit seinen Demobändern bei Plattenfirmen hausieren gegangen. Immer wieder hatten die Musikmanager ihn abblitzen lassen. Seine Songs, hatten sie gesagt, seien nichts für den englischen Markt.

Der 30-Jährige war kurz davor aufzugeben. Eines Abends aber entdeckte der Engländer zufällig ein Video auf YouTube. Dort sah er, wie Zehntausende Asiaten ihre Smartphones zum Takt eines seiner Lieder schwenkten. Keegan konnte es nicht fassen.

Wie kam der Song nach Asien? Und wieso fand er dort so viele Fans?

Keegan fing an, im Netz zu recherchieren. Nach wenigen Klicks las er von einer Demonstration. Etwa 40.000 Menschen waren auf die Straße gegangen, um für den neu gegründeten Fernsehsender Hong Kong Television Network (HKTV) zu demonstrieren. Die Hongkonger Regierung hatte HKTV keine Lizenz ausgestellt. Eine Begründung gab es nicht. Manche Bürger hatten das als Beleg für die Klüngelei zwischen Politik und etablierten Medien und als politisch motivierte Einschränkung der Pressefreiheit aufgefasst. Wieso die Demonstranten aber seinen Song "This is my Dream" sangen, erschloss sich Keegan nicht.

Hit der "Glokalisierung"

Die Geschichte von Kashy Keegan wirft ein Schlaglicht auf das Getriebe der sogenannten Glokalisierung, einer Wortneuschöpfung, die dafür steht, dass Globales durch das Netz mäandert und an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit lokale Bedeutung annimmt.

Drei Tage nachdem Keegan das Video auf YouTube gefunden hatte, bekam er eine Nachricht auf Facebook. Jemand von HKTV fragte ihn, ob er nach Hongkong kommen könne, sofort. Es gebe Demonstrationen und "This is my Dream" sei so etwas wie der Titelsong des Protests.

Keegan zögerte. Er hatte das Lied noch nie live gesungen. "Das ist deine Chance", sagte ihm eine Kollegin in der Redaktion von "Woman's Weekly", dem Wochenmagazin, für das Keegan gerade als Klatschreporter arbeitete. Also flog er nach Hongkong. Und trat wenige Stunden später - den Jetlag noch in den Knochen - vor Zehntausenden Fans auf. In derselben Nacht kletterte "This is my Dream" auf den ersten Platz der Hongkonger iTunes-Charts. Der Nobody Keegan hatte die globalen Superstars Lady Gaga und Katy Perry abgehängt.

"Der Auftritt in Hongkong hat sich absolut surreal angefühlt", sagt Keegan rückblickend über seinen plötzlichen Ruhm im Oktober 2013. Erst in Hongkong klärte sich, wie "This is my Dream" zum Titelsong des Protests werden konnte. Keegan hat einen Account bei ReverbNation, einem digitalen Musiknetzwerk. Dort war Ricky Wong, der Vorsitzende von HKTV, auf den Song gestoßen. Da ihm die Botschaft der Ballade gefallen hatte, spielte Wong sie auf der ersten Demonstration gegen den Regierungsbeschluss über Lautsprecher ab.

"Ich schreibe gefühlvolle Balladen. Die will hier niemand hören"

Für Keegan ist der Erfolg eine große Genugtuung. "Nach all den Jahren sieht es danach aus, als hätten sich meine Anstrengungen gelohnt", sagt er. Der britische Musikmarkt sei völlig amerikanisiert, findet er, gefragt sei Dance-Pop mit eingängigen Beats. "Ich schreibe gefühlvolle Balladen. Die will hier niemand hören." Neu ist die Rolle des Einzelgängers für Keegan nicht: "Schon als Kind hatte ich kaum Kontakt zu anderen", erzählt er. "Ich war viel zu Hause und habe im Wohnzimmer Elton John und George Michael gehört."

In Hongkong, der Heimat des Cantopop, kommen pathetische Pop-Balladen hingegen gut an. Keegan lernt jetzt Kantonesisch, den chinesischen Dialekt, der im Süden des Landes verbreitet ist. Auf seinem YouTube-Kanal sind Videos zu sehen, in denen er sich auf Kantonesisch vorstellt und den Hongkongern ein frohes Jahr des Pferdes wünscht.

Im Februar gab Keegan sein erstes Konzert in der chinesischen Sonderverwaltungszone. Die 650-Platz-Location war zu 80 Prozent ausverkauft. "Ich treffe den Geschmack der Hongkonger", sagt er. Und: "Ich bin dankbar, dass überhaupt irgendwo Leute meine Musik mögen." Rund 12.000 Euro hat er mit dem iTunes-Hit und dem Konzert bislang verdient, sagt er. Anfang April schließlich zog Keegan nach Hongkong. Mit dem Hongkonger Ableger der amerikanischen Plattenfirma Peermusic unterschrieb er einen Vertrag.

Keegan unterstützt den Kampf von HKTV um eine Fernsehlizenz. Als politisch bezeichnet er aber weder sich noch seine Musik. Der Text von "This is my Dream" habe einfach die Stimmung der Demonstranten eingefangen, sagt er. Ob er damit in Hongkong langfristig Erfolg haben wird? "Ich kann nur mein Bestes geben und hoffen, dass es klappt."

Vielleicht wird aber auch in Zukunft Hongkongs Politik auf unfreiwillige Weise förderlich für seine Karriere sein. Vor Kurzem lehnte die Regierung einen weiteren Antrag von HKTV auf eine Lizenz ab. Der Protest geht weiter.



insgesamt 2 Beiträge
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trafozsatsfm 22.04.2014
1.
Ursprünglich wollte ich ja schreiben: "Vielleicht ist es ja wenigstens besser als das neue Album von Damon Albarn". Bis ich's mir angehört habe... :( Was für ein Kitsch.
aschu0959 22.04.2014
2. Also ich weiß ja nicht
Zitat von sysopaction pressIn Großbritannien wollte niemand die Songs von Kashy Keegan hören, er schlug sich als Putzmann und Telefonverkäufer durch. Dann landete eine seiner Balladen im Netz - und wurde in Hongkong zur Protesthymne. http://www.spiegel.de/kultur/musik/saenger-kashy-keegan-brite-wird-in-hongkong-zum-star-a-958279.html
ob ich wegen eines "Hit" und einem Auftritt in einer 650 Plätze Kaschemme (die noch nicht einmal ausverkauft war) Kantonesich lernen oder gar nach China gehen würde....... Dann doch lieber weiter Telefone verkaufen und putzen.
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