Sängerin Ebony Bones Punk-Priesterin auf Ochsentour

Nur weil sie schwarz ist, muss sie ja noch lange keinen Soul machen: Die britische Sängerin Ebony Bones eifert lieber Annie Lennox und Nina Hagen nach. Deshalb ist ihr Punk-Funk auch so extravagant - und ihr Do-it-Yourself-Look so einmalig schräg.
Von Thomas Winkler

Ein kürzlich eröffneter Club in Berlin. Ein Nachmittag, es riecht nach Putzmittel, ein wenig nach warmem Bier und nach Erwartung. Nur die Discokugel hängt zu tief, ein Monstrum von mindestens anderthalb Metern Durchmesser. Drei Arbeiter sind nötig, den glitzernden Koloss ein paar entscheidende Zentimeter nach oben zu zerren. Der Blick auf die Hauptattraktion des Abends soll ja nicht verstellt werden.

Denn später, so viel ist sicher, wird es allerhand zu sehen geben: einen ehemaligen britischen Soap-Star, die aktuell mutigste Mischung aus Mode und Musik und den heißesten Geheimtipp, der momentan aus London zu Gast sein kann - alles in einer Person. Der Name dieses Wundertiers: Ebony Bones.

Glaubt man "Time Out", dem Stadtmagazin der britischen Hauptstadt, ist die 26-jährige Musikerin in London Stadtgespräch. Der "Guardian" fand sie "bloody brilliant", und selbst die ehrwürdige "London Times" sah sie bereits "auf dem Weg zu wahrer Größe". Koryphäen wie Timbaland, Jarvis Cocker und Basement Jaxx haben sich wohlwollend geäußert.

Umso erstaunlicher ist, dass hinter Ebony Bones noch nicht einmal eine Plattenfirma, ja kaum mehr als eine quietschbunte MySpace-Seite stand, als der Hype um sie im vergangenen Herbst einen ersten Höhepunkt erreichte. Erst jetzt erschien dann auch ihr Debütalbum "Bone Of My Bones".


Die Strategie, mit der sie es soweit schaffte, war eine geschickte Mischung aus altmodischen und modernen Marketingmaßnahmen: Im Internet präsentierte Ebony Bones ihre Songs, die plakative Titel tragen wie "Don't Fart On My Heart" oder "I'm Ur Future X-Wife".

Sie begab sich aber auch auf eine Ochsentour durch die kleinen Clubs in London, New York oder eben Berlin. Mittlerweile hat sie die halbe Welt beglückt und wurde im März bei der weltweit bedeutendsten Indie-Musikmesse South-By-Southwest zu einem "Best New Act" gekürt.

Comic-Heldin des Pop

Was dort wie anderswo so begeistert aufgenommen wurde: Die Band um Ebony Bones produziert einen verwegenen Mix aus Punkrock und Funk, satten Gitarren und piepsigen Synthies, eleganten Bläsern und donnernden Stammes-Rhythmen, der Gang of Four ebenso seine Referenz erweist wie George Clinton.

Darüber legt Bones im Zusammenspiel mit ihren beiden Background-Sängerinnen ein Netz aus Gesängen und Chören, Kreischen und Trillerpfeifen, Call and Response. Die dominanten Stilakzente stammen aus den frühen Achtzigern, aus der Zeit der New Wave: Siouxsie oder der Tom Tom Club, aber vor allem Adam Ant und Bow Wow Wow, die ihren auf Burundi-Trommeln basierenden Pop in Phantasie-Uniformen vortrugen.

Auch bei Ebony Bones spielt der visuelle Aspekt eine herausragende Rolle. Der Schlagzeuger schwingt sich in ein Hasenkostüm, die Background-Sängerinnen gehen ihrer Zusatzaufgabe als Eintänzerinnen mit vollem Einsatz nach; die Chefin trägt selbstgeschneiderte Kostüme im Voodoo-Priesterinnen-Stil.

Da türmen sich die Haare in schillernden Farben, klappern gewaltige Halsketten und leuchtet billiger Modeschmuck. Ebony Bones hat zugegeben, einen Teil ihrer Verkleidungen aus der Kleidersammlung der Heilsarmee organisiert zu haben. So kombiniert sie nicht nur musikalisch, sondern auch in modischen Fragen den Do-It-Yourself-Anspruch des Punks mit einem Hang zu grellen Farben. Mit Ebony Jones wird Musik ganz bewusst zum Comic.

Diese Inszenierung als Phantasiefigur hat sie selbst einmal als "Harry Potter mit Vagina" bezeichnet. "Ein blöder Witz", sagt sie mittlerweile, der "außer Kontrolle geraten ist" und sie bis heute verfolgt. Sehr zum Missfallen ihrer Mutter: Die ist von der Assoziation ihrer Tochter mit einem primären Geschlechtsorgan "gar nicht begeistert".

Von der Seifenoper zum Bühnenspaß

So außergewöhnlich wie ihr Auftreten ist auch ihre Biografie. Als Ebony Thomas hat sie bereits eine Entertainment-Karriere hinter sich: Acht Jahre lang war sie einer der Stars der Seifenoper "Family Affairs", in die sie als 16-jähriges Mädchen eingestiegen war. Als die Serie eingestellt wurde, hatte sie gerade gekündigt: "Die anderen Schauspieler haben alle geweint, ich habe mich gefreut." Lieber wollte sie Musik machen, das war deutlich weniger fremdbestimmt als die Schauspielerei. Von Anfang an schrieb sie ihre Songs, sang, tanzte, produzierte und inszenierte selbst.

Von einem frühen Mentor, den ehemaligen The-Damned-Schlagzeuger Rat Scabies, hat sie sich längst wieder getrennt. Stattdessen arbeitet sie nach Bedarf mit wechselnden Produzenten zusammen, darunter Branchengrößen wie Richard X (Sugababes) oder Future Cut (Kate Nash).

Das Album "Bone of My Bones" ist trotzdem weitgehend in Eigenregie entstanden. "Die Plattenfirmen wollten mich immer verbiegen", erzählt sie. Am besten sollte sie als Soul-Sirene auftreten. Oder man wollte sie wahlweise in eine Schublade zu M.I.A. und Santigold befördern. "Das ist doch purer Rassismus!", erregt sie sich. "Nur weil die Leute es nicht gewöhnt sind, dass Schwarze nicht nur R&B machen."

Pogo reloaded

Nein, mit R&B hat das, was am Abend dann über die Bühne geht, rein gar nichts zu tun. Ebony Bones präsentiert sich nicht als ätherische Soul-Sirene, die ihr Leid am Manne klagt, sondern als handfeste Zirkusnummer, die ihrem Ex-Partner Verwünschungen hinterherschmettert.

Die Stammesrhythmen rollen, die plüschigen Ketten wippen, die Band poltert ganz vorzüglich, und zusammen mit ihren Backgroundsängerinnen stampft sich die Sängerin durch eine Choreografie, die die Grauzone zwischen Voguing und Pogo auslotet. Und natürlich bringt die Modenschau mit New-Wave-Soundtrack die Anwesenden zum Tanzen.

Ebony Bones ist, nehmen wir das böse Wort in den Mund, ein Gesamtkunstwerk. Und auch noch eins mit einem sehr eklektischem Musikgeschmack. Als weibliche Ahnenreihe zählt sie auf: Annie Lennox, Nina Hagen, Björk "und Alice Cooper - sie ist großartig." Nicht zu vergessen die ihrer Meinung nach fahrlässig unterschätzte Grace Jones.

"Ich war ein musikalischer Snob, schon als Kind", sagt sie. Und hat dafür auch eine Erklärung parat: Vater Thomas leitete früher einen Plattenladen. Und die Leidenschaft für Mode, für den großen Auftritt? Mutter arbeitete einmal für Yves Saint Laurent, "und ich bin offensichtlich das Kind meiner Eltern".

Diese Einflüsse verarbeitet sie mit dezidiert feministischer Einstellung und einer raffinierten Do-it-Yourself-Ästhetik. Bislang scheint sie dabei alles richtig gemacht zu haben, auch wenn ohne große Investitionen aus der Musikindustrie alles etwas länger gedauert hat. Dafür hat sie die von Künstlern so gern gebrauchten Floskel, keine Kompromisse machen zu wollen, tatsächlich umgesetzt.

Dass solche ideologische Festigkeit im Widerspruch steht zu ihrer Kunst, die vor allem dem Paradox und Eskapismus huldigt, ist dabei fest eingeplant. Natürlich lebt die Kunstfigur Ebony Bones von der Spannung, die solche Gegensätze erzeugen. Sie sichtbar zu machen, ist eine ehrenvolle Aufgabe.


Ebony Bones: "Bone Of My Bones" (PIAS/Rough Trade)

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.