Sängerin Kate Nash Weiblich 2.0

Oh, wie süß: Kate Nash, die Sängerin mit dem charmanten Brit-Akzent, ist der neue Darling der englischen Teenie-Welt. Erst eroberte sie die Musik-Blogs, dann die Charts. Entdeckt wurde die 20-Jährige von der Web-2.0-Queen des Vorjahres: Lily Allen.
Von Thomas Winkler

Die Avatare sehen ihr nicht wirklich ähnlich. Und sie bewegen sich auch eher abgehackt. Die Kleider wären ihr im wirklichen Leben viel zu eng, und man hat auch schon Gesangsvorträge gesehen, die besser lippensynchronisiert wurden. Mal ist sie rothaarig, dann wieder blond oder brünett. Eine kurze Recherche bei YouTube fördert nicht nur einen einzigen, sondern gleich mindestens ein halbes Dutzend ergebener Fans von Kate Nash zutage, die eine Funktion des Computerspiels "Die Sims 2" bemüht haben, um ihre eigene Versionen von Songs ihres Idols zu erstellen.

Man kann davon ausgehen, dass es sich vornehmlich um Mädchen handelt, die gerade ihre Pubertät zu bewältigen haben, wenn sie den Hit "Foundations" mit eigenen Bildern versehen. Denn die sind nicht nur die Zielgruppe von "Die Sims", sondern auch in einem Alter, dem Nash selbst erst vor kurzem entwachsen ist. Die mittlerweile 20-Jährige aus dem Londoner Vorort Harrow berichtet aus dem Erfahrungshaushalt heranwachsender Britinnen und in ihrer Sprache von komasaufenden Freunden und sprachlosen Beziehungen, seltsamen Freundinnen und Abstürzen im Pub.

Singer/Songwriterin für minderjährige Mädchen

Die im breitesten südostenglischen Akzent vorgetragenen Songs sind nur sparsam instrumentiert mit akustischer Gitarre und gelegentlichen elektronischen Beats. Der offensichtlichste musikalische Einfluss ist der Folk der sechziger Jahre, für den Nash ihre Mutter verantwortlich macht, die die Familie auf Autofahrten mit einschlägigen Kassetten plagte. Sicherlich weiß Nash, wie man eine hübsche Melodie schreibt und ein Stück federleicht arrangiert, und das Ergebnis ist zwar überaus eingängig, aber nicht tatsächlich spektakulär. Kaum volljährig scheint Nash auf eine bislang unentdeckte Marktlücke gestoßen zu sein: Singer/Songwriterin für minderjährige Mädchen.

Der Entwurf von der singenden besten Freundin trifft offenbar einen Nerv. Bevor Nash überhaupt eine Platte veröffentlicht hatte, war im Internet bereits eine treue Fangemeinde entstanden. Die zweite Single "Foundations" stieg bis auf Platz Zwei der Charts und das in Großbritannien bereits im August veröffentlichte Album "Made of Bricks" erreichte – trotz zum Teil hämischer Kritiken des altväterlichen Feuilletons ("Favorit für das schlechteste Album des Jahres" ("The Independent")) – aus dem Stand gar die Spitzenposition. Die aktuelle Tour durch England ist weitgehend ausverkauft.

Zum kometenhaften Aufstieg des Teenagers trug nicht unwesentlich bei, dass ihre erfolgreiche Kollegin Lily Allen sie – trotz einer offensichtlich völlig gegensätzlichen musikalischen Ausrichtung - auf ihrer MySpace-Seite als "nächstes großes Ding" propagierte. Die Hörerschaft der beiden Pop-Sternchen dürfte tatsächlich weitgehend identisch sein - und sehr interessiert an Abrechnungen mit den unsympathischen Vertretern des männlichen Geschlechts wie in Nashs Song "Dickhead". Denn egal ob unterlegt mit Club-Beats wie bei Allen oder eher entspannt poppig wie bei Nash: Entscheidend ist vor allem, dass beide dem weiblichen Teil der Web-2.0-Generation eine Stimme geben.

Diese Stimme ist vor allem, das schätzt die Anhängerschaft, authentisch. Nicht nur schreibt sie ihre Songs selbst, spielt Gitarre, Klavier und Synthie, sondern stemmt sich auch sonst gegen die Illusionsmaschinerie Pop. Die bauschigen Kleider mit Puffärmeln kauft Nash ausschließlich aus zweiter Hand, und ihre vergleichsweise üppige Figur pflegt sie entgegen den Vorgaben des Bulimie-Zeitalters mit Eiscreme. Satt einen festen Freund zu haben, preist sie die Vorzüge ihrer Mädchenclique, und zu dem Song "Caroline's A Victim" existiert tatsächlich eine echte Freundin namens Caroline. Über sich selbst sagt Nash "Ich bin kein bisschen cool." Man glaubt ihr gern, dass ihr noch nicht klar ist, dass gerade dieser Umstand inmitten einer Popwelt aus gecasteten Stars vom Reißbrett und demonstrativ abgefressenen Indie-Rockern den Coolness-Faktor ungemein erhöht.

"Kate, Du bist selbst berühmt"

Schon Nashs Weg ins Musikgeschäft war außergewöhnlich: Zwar schreibt sie schon Songs seit sie 15 Jahre alt ist und bekam Klavierstunden wie jedes ordentliche englische Mädchen, aber eigentlich strebte sie eine Karriere als Schauspielerin an. Am Tag, als die Absage von der Theaterschule in Bristol kam, so geht die Legende, brach sie sich den Knöchel und schrieb - vor allem um die Langweile zu vertreiben – während der dreiwöchigen Rehabilitation im heimischen Bett den Großteil des Materials für "Made of Bricks". Kaum gesundet verschaffte sie sich einen ersten Auftritt, bekam eine Gage von 30 Pfund und kündigte am nächsten Tag ihren Job als Verkäuferin in einer Mode-Boutique.

Seitdem ging es mit Kate Nash immer nur steil bergauf. Aber trotz Aufmerksamkeit der berüchtigten britischen Boulevardpresse und guten Verkaufszahlen, hat sie sich einen geradezu naiven Umgang mit dem Erfolg bewahrt. Journalisten berichten aufgeregt, den neuen Superstar dabei beobachtet zu haben, wie er vor Aufregung hinter der Bühne schon mal ein Rad schlägt, und dann los zieht, um "berühmte Leute zu treffen". Bis ihr die persönliche Assistentin verrät: "Kate, Du bist selbst berühmt."

Man hat das Gefühl, diese Tatsache ist tatsächlich noch nicht bis zu ihr selbst durchgedrungen. Aber auch das wird noch passieren, auch Kate Nash wird irgendwann älter. Im Videoclip zu "Foundations" liegt zwischen ihr und dem Filmfreund noch ein kreischend gelbes Kuscheltier. Aber unlängst wurde sie von einem Teenie-Magazin als Sorgentante gebucht, um den Lesern Tipps fürs Liebesleben zu geben. Ein gewisser Stan wollte wissen, wie er sich verhalten solle: Seine Freundin verlange von ihm, ihr seinen Daumen in den After einzuführen, was ihm eher unangenehm sei. Der Rat von Fräulein Nash: "Das mag ja seltsam sein, aber man sollte alles mal ausprobieren."


Kate Nash: "Made of Bricks" ist bei Polydor/Universal erschienen

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