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Pop-Entdeckung Nina Kinert: Planetensystem aus Pappmachée

Foto: Anders Windlund

Sängerin Nina Kinert Wenn Prinzessin Leia von Pop träumt

"Ich mache unnatürliche Musik auf authentische Art": Nina Kinert hat als hoffnungsvolle Singer/Songwriterin angefangen. Dann hat sie die Gitarre weggelegt und ein tolles Dreampop-Album aufgenommen - das sie als Fortsetzung des "Star Wars"-Epos versteht. Jetzt tourt die Schwedin durch Deutschland.

"Ich brauchte die ersten drei Platten, um endlich die Gitarre weglassen zu können," sagt Nina Kinert über ihr viertes Album. "Ich mochte nie Gitarre spielen, und besonders gut darin war ich auch nicht." Dabei hatte sich die 27-jährige Stockholmerin seit ihrem Debüt vor sechs Jahren schnell einen Namen unter den hochgelobten Singer/Songwriterinnen aus dem Norden wie Ane Brun oder Anna Ternheim gemacht - ein Trend, der sie überrumpelt habe, wie sie heute klagt.

"Man musste ein Mädchen mit Gitarre sein und ehrliche Sachen singen", sagt Kinert. "Alles sollte so extrem ehrlich sein. Aber bei mir wurde daraus eine extrem unehrliche Ausdrucksform. Authentische und natürliche Musik auf eine unnatürliche Art. Jetzt mache ich stattdessen unnatürliche Musik auf eine authentische Art." Auch eine Möglichkeit, ihren neugefundenden Stil auf "Red Leader Dream" zu beschreiben.

Tatsächlich hat die Musik auf dem Album fast gar nichts mehr mit traditioneller Singer/Songwriter-Musik zu tun. Aber vielleicht wird sich das Genre dank Nina Kinert ja in ein paar Jahrhunderten dahin entwickeln. Denn das, was die schwedische Musikerin für ihr Anfang November veröffentlichtes Album geschrieben und gesungen hat, ist im wörtlichen Sinne überirdisch. Das liegt nicht nur an Kinerts göttlich schöner Stimme, sondern auch am Thema von "Red Leader Dream": dem Science-Fiction-Epos "Krieg der Sterne".

Gibt es einen stärkeren Kontrast zum Mädchen mit der Gitarre als den Traum eines Nerds mit Vaterkomplex - der Welt von George Lucas? Nina Kinert lacht laut los: "Stimmt, aber 'Star Wars' handelt auch davon, sich auf einen anderen Planeten zu träumen, um eine etwas einfachere Perspektive auf die Welt zu bekommen."

Als sie zwölf Jahre alt war, wurde Kinert wegen Skoliose am Rückgrat operiert. "Während der langen Zeit im Krankenhaus habe ich mir unzählige Male 'Star Wars' auf dem Stationsvideorekorder angeguckt", erklärt Kinert die Legende ihres Albums. "Und weil ich wegen der Titanstifte in meinem Rücken meine langen Haare nicht offen tragen durfte, hat meine Mutter sie mir zu diesen Prinzessin-Leia-Kringeln geflochten. Ich wollte immer selbst ein Teil davon werden, erst als Prinzessin Leia, dann als Nina." "Red Leader Dream" sei insofern eine Fortsetzung der Kino-Saga mit ihren ganz eigenen Mitteln.

"Ich will die Leute dazu inspirieren, über sich hinauszuwachsen"

Doch während "Star Wars"-übliche Fan-Fiction oft mit schrulligem Sex oder verschrobenen Heldentaten hantiert, hat Nina Kinert musikalisch etwas wirklich Neues beizutragen. Mit hörbaren Anleihen bei so unterschiedlichen Vorbildern wie den Cocteau Twins und Enya sowie deutlichen Parallelen zu Natasha Khan alias Bat for Lashes erschafft Nina Kinert ein eigenes Dreampop-Planetarium, das erfreulich viele Lichtjahre entfernt ist vom Streichergewölke des originalen Film-Soundtracks.

Nina Kinert hat "Red Leader Dream" formal wie eine Saga aufgebaut. Es handelt von Nina, die ihren Geliebten in zwei Akten auf dem fernen Wüstenplaneten Tatooine, Schauplatz des ersten "Star Wars"-Films von 1977, sucht und findet. Die Stücke sind sehr lyrisch getextet und persönlich gesungen. "Es geht mir um die Schilderung von Gefühlszuständen," sagt Kinert. "Der kosmische Rahmen setzt es in eine größere Perspektive. Ich will die Leute dazu inspirieren, über sich hinauszuwachsen."

Kinerts Melodien sind indirekt und leicht verborgen, was gut zu ihrer etwas schwebenden Stimme passt. "Ich habe keine Anleihen bei Country oder R'n'B nötig", meint sie. "Ich habe mein eigenes Label, ich produziere selbst - ich muss auf niemanden Rücksicht nehmen und kann einfach so Nina sein, wie ich will." Kinerts Stimme sei der des Cocteau-Zwillings Elisabeth Fraser absolut ebenbürtig, meint ein Stockholmer Musikkritiker, der Nina Kinert schon länger beobachtet. Dass niemand vor Kinert auf die geniale Idee gekommen sei, das "Star Wars"-Universum mit solchen Tönen dramatisch aufzuladen, sei geradezu peinlich.

Auch auf der Bühne - Nina Kinert tourt gerade durch Deutschland - entfaltet ihre Musik kosmische Exotik. Mit vier Synthesizern, Cello, Bass, Schlagzeug und einem Planetensystem aus Pappmachée, das Kinert in Handarbeit hergestellt hat, erscheint sie wie eine Fantasy-Pop-Prinzessin. "Mir geht es um die Augenblicke, in denen das Leben wie ein Film ist - wenn das Leben größer als das Leben ist." Doch dann korrigiert sie sich gleich: "Aber das ist dann natürlich größer als jeder Film."


Tourneedaten:

23.11.10 Hamburg / Prinzenbar
24.11.10 Berlin / Privatclub
25.11.10 München / 59:1
27.11.10 Steyr / Roeda
28.11.10 Wien / B72
30.11.10 Zürich / Papiersaal
01.12.10 Basel / Parterre

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