Sängerin Sarah Connor im Interview "Du singst, du siehst gut aus. Schreib deine Songs bloß nicht selbst"

... das hat man Sarah Connor früher geraten. Seit sie ihre Songs aber doch selbst schreibt, ist sie erfolgreicher denn je. Ein Gespräch über AfD, Philosophiestudium und neue Mütterbilder.

Stefan M Prager/ imago images

Ein Interview von


Wir treffen Sarah Connor im Restaurant "Fischerhütte" am Berliner Schlachtensee. Sie wohnt hier in der Nähe, im Grünen, hat zwei Ponys, reitet und liebt nach eigener Aussage Natur und Matsch. Im Wald ist sie weit weg von absurden Situationen, wie der, in der wir uns gerade befinden.

Das Paar an unserem Nachbartisch hat sich gemeinsam an die lange Seite seines Tisches gesetzt, damit es Connor während unseres Gesprächs anschauen kann wie ein Fernsehprogramm. Connor ignoriert das, begrüßt aber ein fremdes Neugeborenes - ein paar Stühle weiter - wie einen alten Bekannten. Sie liebt Kinder.

Zur Person
  • Axel Heimken/ DPA
    Sarah Connor wurde 1980 in Delmenhorst geboren. Anfang der 2000er Jahre sang sie R'n'B-Pop wie "Let's get back to bed - Boy!" und Powerballaden wie "From Sarah with Love". Sie nahm ein Duett mit Wyclef Jean, ein Weihnachtsalbum, und ein Soul-Album auf. Bekam mit Marc Terenzi von der Boygroup Natural ein Kind, heiratete und ließ ihr Popstarfamilienleben für ProSieben mit der Kamera begleiten. 2015 erschien ihr erstes deutschsprachiges Album "Muttersprache", eines der bestverkauften der jüngeren deutschen Musikgeschichte. Nun erscheint das Nachfolgealbum "Herz Kraft Werke". Sie lebt in Berlin, ist mit ihrem Manager verheiratet und hat vier Kinder.

SPIEGEL ONLINE: Frau Connor, kaum eine Frage treibt die Frauen in meinem Umfeld - ich bin Anfang 30 - gerade so um wie die Kinderfrage. Man ist sich unsicher: Bleibt einem mit Kind genug Freiraum für Kreativität und Karriere?

Connor: Ich bin mit 23 das erste Mal schwanger geworden, und es war überhaupt nicht geplant. Aber ich habe das Glück, eine ziemlich coole Mutter zu haben, die sofort sagte: Das kriegen wir hin. Das hat mir Kraft gegeben. Marc war zu der Zeit mit seiner Band in Tokio auf Promotour. Wir waren mehr oder weniger zusammen, fest war nichts. Notfalls, dachte ich mir, ziehe ich mein Baby allein groß. In jedem Fall wollte ich jede Form von Abhängigkeit umgehen. Also habe ich mir meinen Sohn umgeschnallt und ihn einfach immer mitgenommen. Man muss sich auf die neue Situation einlassen, versuchen, alles so locker wie möglich zu nehmen. Für mich hat das gut geklappt. Mein großer Sohn ist ein echt unkompliziertes Kind geworden.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass Ihre Kinder Einfluss auf Ihre Kreativität haben?

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Sarah Connor: Den Songwriter-Hut aufgesetzt

Connor: Meine Kinder beeinflussen alles, was ich mache. Sie sind ständig in meinen Gedanken, und ich gucke durch ihre Augen auf die Welt. Daher ist es leicht, meinen Texten Naivität zu unterstellen, wie bei "Ruiniert" zum Beispiel, wo ich singe "Wir brauchen wieder Liebe", als Antwort auf den Hass und die Angst, die gerade überall verbreitet wird. Es ist deswegen aber nicht weniger richtig.

SPIEGEL ONLINE: Sie werden in "Ruiniert" auch konkreter, singen: "AfD-Idioten, mein Herz kriegt ihr nicht". Wie kommt es, dass Ihre Musik nun politische Bezüge hat?

Connor: Das hatte sie auch auf meinem letzten Album. Ich singe einfach über das, was mich beschäftigt. Und die Parolen, mit denen die AfD ihre Wähler und das Land vergiftet, stoßen mich ab. "Ruiniert" habe ich mit Ulf und Peter von Rosenstolz geschrieben. Das Lied ist ein Appell, auch an mich selbst: Wie viel kann man tun? Und was tut man tatsächlich? Das muss man sich fragen, bevor man mit dem Finger auf andere zeigt. Ich frage mich nur: Wie kann man so von Hass erfüllt sein, dass man die Mittel, mit denen die AfD um Wähler buhlt, in Kauf nimmt? Wir haben uns beim Schreiben auch darüber gestritten, von welchem Standpunkt aus wir erzählen und wie man Menschen mobilisieren kann. Ich glaube nicht, dass es etwas bringt, mit polemischer Vehemenz auf polemische Vehemenz zu reagieren.

SPIEGEL ONLINE: In dem Song "Schloss aus Glas" beschreiben Sie die explosive Ehe Ihrer Eltern, zweier starker, aber eben auch wilder Charaktere. Sie sind Scheidungskind und haben selbst Scheidungskinder. Sind Sie ähnlich explosiv wie Ihre Eltern?

Connor: Es gibt an mir diese sehr intensive, leidenschaftliche, neugierige Seite. Ich möchte alles ausprobieren, überall hinreisen, aber auf himmelhochjauchzend folgt bei mir dann zu Tode betrübt. Dunkelheit ist auch ein Teil von mir. Aber ich habe mit 25 meine erste Therapie gemacht, und der räumliche Abstand zu meinen Eltern hat mir auch geholfen. Ich weiß nun: Nichts von dem, wie ich aufgewachsen bin, muss ich nachahmen. Ich kann selbst entscheiden.

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:23 Uhr
Ohne Gewähr

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SPIEGEL ONLINE: Was machen Sie heute genau wie Ihre Mutter und was ganz anders?

Connor: Ich habe von meiner Mutter gelernt, wie man eine Großfamilie organisiert, wie man 20.000 Sachen gleichzeitig wuppt. Was ich aber anders mache, ist, dass ich darauf achte, dass ich ein glücklicher Mensch bin. Ich hatte bei meiner Mutter häufig das Gefühl, dass sie unglücklich ist, weil sie sich selbst für die Familie aufgegeben hat. Ich habe neben meiner Rolle als Mutter auch meinen eigenen Kosmos. Ich bin glücklich, auch wenn ich nach anstrengenden Tagen mal einen Schauer heule, weil mir alles zu viel wird. Das gehört dazu. Wichtig ist mir, dass meine Kinder wissen, dass ich mein Leben mit ihnen liebe und sie das Beste sind, das mir je passiert ist und dass alles genau richtig so ist. Auch das schlechte Gewissen, das ich manchmal habe, wenn ich zum Beispiel vier Tage nach Nashville fliegen muss, um mein neues Album aufzunehmen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie ausgerechnet auf Nashville gekommen?

Connor: Ein befreundeter Produzent war kurz zuvor da gewesen und hatte von dem Studio geschwärmt, was für großartige Liveaufnahmen er dort gemacht hat. Nashville, Mekka aller Musiker. Ich wollte da schon immer mal hin, habe eine grandiose Band engagiert und in zwei Tagen die ersten fünf Songs aufgenommen. Mein Anspruch für das zweite deutsche Album war, mich musikalisch weiterzuentwickeln, die Kraft meiner Stimme noch mehr strahlen zu lassen. Und nicht eine Platte zu machen, deren Songs erst auf der Bühne von Konzert zu Konzert wachsen, weil man mutiger wird und improvisiert. Ich wollte Songs machen, von denen man sich beim ersten Hören wünscht, sie live zu erleben.

SPIEGEL ONLINE: Apropos hören, Sie sind nebenbei auch Gasthörerin an der Freien Universität Berlin?

Connor: Das war ich mal. Ich hatte immer diesen Komplex, nie Abitur gemacht und nie studiert zu haben. Weil ich eben schon sehr jung meinen ersten Plattenvertrag unterschrieben habe. Es war immer mein Traum, Philosophie zu studieren und als ich vor "Muttersprache" eine Phase hatte, in der ich dachte, ich höre mit dem Singen komplett auf, bin ich zur Uni gegangen. Das endete, als ich mich jeden Tag hingesetzt habe, um mit einer Gitarre spielenden Freundin eigene Songs zu schreiben. Das war eine völlig neue Situation, weil man mir vorher immer gesagt hatte: Schreib bloß keine eigenen Songs. Du singst, du siehst gut aus. Du musst deine Songs nicht selbst schreiben. Whitney Houston macht das auch nicht.

SPIEGEL ONLINE: Ich nehme an, heute geht man in der Musikbranche anders mit Ihnen um als vor 17 Jahren?

Connor: Ja. Ich hatte die Figur, die ich damals dargestellt habe, zwar mitgeformt, aber die Schere zwischen der, die ich war, und der, die ich dargestellt habe, ging zum Schluss immer weiter auseinander. Ich hab damals nicht darüber nachgedacht, was es bedeutet, dass ich mich so sexualisiert präsentiert habe. Ich hatte mit Anfang 20 einfach auch Lust an meiner Sexualität, an meinem Aussehen und der ganzen Anerkennung, die ich dafür bekomme habe. Aber mir fehlte die Tiefe. Heute achte ich sehr darauf, dass ich alles selbst bestimmen kann, auch wie die Platte nach außen vermarktet wird. Ich trage die volle Verantwortung.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie sich als Feministin bezeichnen?

Connor: Ich denke ja. An die Bezeichnung muss ich mich noch gewöhnen. Es hat für mich noch einen negativen, also einen Männer unterbutternden Beigeschmack. Aber es ist ein Begriff, den man sich vermutlich zurückholen muss. Denn natürlich bin ich für Gleichberechtigung, gerechte Gehälter und Selbstbestimmung der Frau.



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Deeds447 31.05.2019
1. Wäre sicher cooler gewesen, Philo weiterzumachen
Ganz ehrlich, 90% von dem Terenzi/Connor-Schrott und auch was danach kam auf VOX war einfach nur Trash.... Dennoch hab ich Mrs Connor immer die Grundtendenz, intelligenter als das Mediagroup-Gedudel zu sein, abgekauft. Schade, dass da nie mehr draus geworden ist und wenn man schaut, was der Rest der Familie gerade so verzapft, sieht es leider so aus, dass die Hauptsache ist, im Gespräch zu bleiben und das ist eine ausgesprochene Verschwendung an Kreativität- leider!
widower+2 31.05.2019
2. Grandios
Der neu Song "Vincent" ist in jeder Hinsicht grandios. Musikalisch, vom Gesang her und besonders der Text. Für mich einer der besten deutschsprachigen Songs der letzten zehn Jahre.
Derwatt 31.05.2019
3. @widower+2 (Nr. 2)
Na ja. Gut, dass das Geschmackssache ist. Was die deutschsprachigen Songs anbelangt - allzu viel gehört da nicht dazu, von daher könnten Sie sogar Recht haben - aber nur, wenn Sie den ganzen Formatradio-Schrott im Ohr haben und alles andere, was es sonst noch gibt, ohne jemals bei WDR, NDR etc. eine Chance zu haben, geflissentlich übersehen.
Stereo_MCs 31.05.2019
4.
Zitat von widower+2Der neu Song "Vincent" ist in jeder Hinsicht grandios. Musikalisch, vom Gesang her und besonders der Text. Für mich einer der besten deutschsprachigen Songs der letzten zehn Jahre.
Über Geschmack kann man ja zum Glück nicht streiten, aber bester Song der letzten 10 Jahre? Der Refrain ist ja solider, guter Deutsch Pop mit der Qualität die eine SC nun mal hat, der "Mama Ruf" hat was, viel mehr aber auch nicht. Aber zwischen den Refrains ist das z.T. schon arg mittelmäßig. Da muss der beste aus 10J. aber mehr bieten. Da sind ja ihre eigenen: Wie schön du bist oder " Das Leben ist schön", gerade in der unfassbar starken 3nach9 Version aber IMO besser. https://www.youtube.com/watch?v=K6HB3YkIZbI Aber die Konkurrenz hat 10J. auch nicht geschlafen. - TH - Tage wie diese - Adel Tawil - Ist da jemand - JR - Insekten im Eis - Die Happy: Good Things, Anytime, I could die happy - WEITER - Toll (kennt keiner, aber ganz groß! laut hören) [url]https://www.youtube.com/watch?v=HNlm1Lc3tLc/url]
sekundo 31.05.2019
5. Man kann über die Songs
von Sarah Connor denken wie man möchte aber sie ist eine der ganz wenigen deutschen Pop-Künstleinnen, die Soul hat und die weiß, was sie will. Z.B. in Nashville produzieren, ist sehr klug. Die Studiomusiker, Produzenten und Tonmeister dort arbeiten auf einem viel höheren Niveau als hierzulande.
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