Saxofonist Ernst-Ludwig Petrowsky Soundtrack einer Subkultur

Free Jazz aus der DDR galt als innovativ. Er wurde geduldet, weil er ohne Texte auskommt, also keine Gefahr fürs System war. Mit seiner CD "Ein Résumé" zieht der DDR-Jazzmusiker Ernst-Ludwig Petrowsky eine Lebensbilanz.

Herbert Weisrock

Auf dem Weg zur Bühne muss sich der Mann auf einen Stock stützen; doch der Eindruck von Gebrechlichkeit verschwindet schlagartig, sobald er sich auf den Hocker gesetzt hat, die ersten Töne aus seinem Altsaxophon presst und ein kraftvoller Sound den Saal erfüllt. Ernst-Ludwig, genannt "Luten", Petrowsky ist am 10. Dezember 80 Jahre alt geworden. An seinem Geburtstag gastiert er in Rostock, am Abend danach in Hamburg. Das Publikum feiert den Musiker, der neben seinem Hauptinstrument auch Flöte und Klarinette spielt und die Leute mit charmant spröden Ansagen unterhält.

Petrowsky reist derzeit auf Abschiedstournee mit Conny Bauer (Posaune), Ulrich Gumpert (Piano) und "Baby" Sommer (Schlagzeug). Die vier bilden das Zentralquartett, eine Band aus Ostdeutschland, die Jazzgeschichte geschrieben hat. Denn neben der "Grenzsicherung und dem Eiskunstlauf", spottet der aus Brandenburg stammende "Zeit"-Redakteur Christoph Dieckmann, war es ausgerechnet der Jazz, in dem die DDR "Weltniveau erreichte".

"Woodstock am Karpfenteich" im Spreewald

Wie das kam, hat Petrowsky erklärt: In einem "Land, eingemauert zwischen Ost und West, im Ohr und im Gemüt noch den Nazi-Marsch, im Nacken den Stalin-Panzer" suchten Musiker nach Klängen jenseits der vorgeschriebenen Einheitskultur. Sie zerlegten Melodien und Metren, ersetzten Wohlklang durch schrille Improvisationen. Wohl auch, weil Free Jazz keine Texte kennt, duldete der Staat ihr Tun. Er förderte es sogar, als die Jazz-Welt die innovativen Ost-Musiker staunend zur Kenntnis nahm. Etliche durften zu Gastspielen in den Westen reisen. Im Gegenzug kamen Kollegen aus Westeuropa und den USA - manche hielten die DDR für ein Free-Jazz-Paradies.

Im gewissen Sinne war sie das, denn die Ost-Musiker hatten stabilere Einkommen und ein größeres Publikum als im Westen - nicht unbedingt wegen ihrer Tonkunst. So trampten Jugendliche zu Festivals wie dem "Woodstock am Karpfenteich" im Spreewaldort Peitz - "nicht etwa, weil ihnen die Musik so gut gefallen hätte", wie sich der Ost-Berliner Jazz-Experte Wolf Kampmann erinnert, sondern auf der Suche nach einem "Erlebnis von Offenheit und Freiheit". Tondokumente, Filme und Fotos aus der schillernden Subkultur im untergegangenen Arbeiter- und Bauernstaat bietet die Ausstellung "Free Jazz in der DDR - Weltniveau im Überwachungsstaat" in Cottbus.

Ein Text von Ringelnatz und blueshafte Balladen

Den Sound Track jener Free-Jazz-Subkultur schrieben Musikanten wie Luten Petrowsky. Der Mecklenburger spielte nach dem Musikstudium zunächst in verschiedenen Kapellen, darunter dem Rundfunktanzorchester Berlin; gleichzeitig leitete er ab 1962 eigene Jazz-Formationen. Als freischaffender Musiker konnte er sich ab 1979 ausschließlich dem Jazz und der Neuer Musik widmen. Nach anfänglich "extremen-dilettantenhaften Free-Jazz-Auswüchsen, die von einem relativ großen Publikum über Gebühr honoriert wurden" (Petrowsky), entwickelten die Ost-Musiker einen eigenständigen DDR-Jazz: Sie verbanden Jazz-Elemente wie Swing und Improvisation mit deutscher Volksmusik, Neuer Musik und Werken von Komponisten wie Hanns Eisler und Kurt Weill. Die führenden DDR-Jazzer wurden im Westen bekannt - und kamen deshalb glimpflich über die Wende.

Die Vielseitigkeit von Petrowsky vermittelt das zu seinem Jubiläum aufgenommene Album "Ein Résumé". Im Duo mit seiner Frau, der Sängerin Uschi Brüning, und zuweilen unterstützt vom Schlagzeuger Michael Griemer bietet der Veteran "Miniaturen, Improvisationen und Balladen in Lyrik und Prosa". Das sind atemberaubende Bebop-Fragmente im Unisono von Saxophon und Stimme, eine Ode an die Ostsee-Halbinsel Fischland, bei der Petrowsky rezitiert und Klavier spielt, ehe er zum Saxophon greift und der Perkussionist und seine Frau dazu kommen. Die CD enthält schreienden Free Jazz, einen Text von Ringelnatz und zwei herrliche, blueshafte Balladen aus dem Standard-Jazz-Repertoire. In den Liner Notes wird das Petrowsky-Brüning-Album als "Ausdruck einer lebenslangen Leidenschaft für die geliebte Musik, eines Lebens für- und miteinander und einer großen Liebe" beschrieben. Man glaubt es!


CD:
Ernst-Ludwig "Luten" Petrowsky, Uschi Brüning, Michael Griener: Ein Résumé. Jazzwerkstatt; 19,99 Euro.

Ausstellung:
"Free Jazz in der DDR - Weltniveau im Überwachungsstaat". Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus, bis 21. Januar 2014.



insgesamt 7 Beiträge
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igor_der_eineiige 22.12.2013
1. Luten und Co.
Und Hering, Forsthoff, Schlutze, Sachse, Lenz, ... das fanden wir super. Woody Hermann verstanden wir nicht. Heute lieben wir beides, Coltrane hören wir öfter.
Sharoun 22.12.2013
2. Geduldet oder gefördert?
Zitat von sysopHerbert WeisrockFree Jazz aus der DDR galt als innovativ. Er wurde gefördert, weil er ohne Texte auskommt, also keine Gefahr fürs System war. Mit seiner CD "Ein Résumé" zieht der DDR-Jazzmusiker Ernst-Ludwig Petrowsky eine Lebensbilanz. http://www.spiegel.de/kultur/musik/saxofonist-ernst-ludwig-petrowsky-a-939637.html
..ohne solche platten Satzbausteine kommt man wohl nicht aus, wenn man - statt über die Sache zu berichten - in Wahrheit als 'freier' Schreiberling das verhaßte "Terrorregime" oder die "grausame Diktatur" zu dämonisieren hat (Propaganda dieser Art wird heutzutage gefördert). ... Ich wälze ab und zu noch Sachbücher aus der alten DDR (Bauwesen, Architektur, "Metros der Welt" etc.); interessant, wie man damals absolut nüchtern über die Fakten geschrieben hat, ohne sich in jedem Halbsatz über das andere System zu ereifern; ja sogar mit Beschreibung der Vorzüge -auch im Westen-, wenn sie denn gegeben waren .. naja, Diktatur eben...
Berg 22.12.2013
3.
Die DDR-Jaz-Szene war weitaus größer als nur die um Petrowski, wenn er auch zur höchsten Qualität gehörte. Aber z.B. auch die Dresdner Jazz-Szene um Günter Hörig (Big Band, Dixieland), Theo Schuman p, cl, das Dixieland-Festival, zahlreiche Jazzkeller hatten breites Publikum. Bitte beachten: die strengen GEMA-Tantiemen-Forderungen machten die Beschränkung auf nur 40% von Kompositionen aus dem GEMA-Bereich möglich, schafften aber 60% Spielraum für die DDR-Jazzer, eigene Titel zu produzieren, eine weit geöffnete Tür für kreative DDR-Jazzer. Diktatur eben....
aaaron 22.12.2013
4. Gänsehaut
Es muss so vor rund 10 Jahren gewesen sein. Einige Jazzmusiker, darunter Petrowsky, Uschi Brüning und Henning Protzmann mit seiner Band Jazzin' The Blues gaben im kleinen Rahmen des Ellis, eines amerikanischen Restaurants in Berlin-Rahnsdorf, eine Art Jahresendkonzert. Als Petrowsky auf die Bühne ging, dachte ich, jetzt darf bloß niemand eine Tür aufmachen. Der Windzug würde den alten Mann sofort umwehen. Dann setzte er sein Saxophon an die Lippen und eine unglaubliche Kraft war plötzlich im Raum. Auf der Bühne stand auf einmal ein ganz anderer viel jüngerer Mann. Als dann auch noch Uschi Brüning sang, war die Gänsehaut nicht mehr verhinderbar. Ich habe leider erst nach der DDR bemerkt, was für großartige Künstler wir hatten.
steppenrocker 22.12.2013
5. Zwar ...
... ist es löblich, dass über Free Jazz im Allgemeinen und einen großen Musiker wie Petrowsky im Besonderen berichtet wird, aber zwei Drittel des Artikels kann man abgewandelt in Christoph Dieckmanns Artikel "Woodstock am Karpfenteich" in der ZEIT nachlesen. Schade. Jazz sollte wöchentliche Besprechungen auf Spiegel Online haben, so wie es bei Rock/Pop auch der Fall ist. Vielleicht gäbe es dann eigenständigere - und auch interessantere - Texte. Für die, die das interessiert und die Englisch nicht abschreckt, empfehle ich diesen Blog: http://www.freejazzblog.org/
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