Trümmer / Check your Head

Video-Premiere Trümmer Wir leben im Zombie-Kapitalismus

Nichts ist in Ordnung, nichts ist erledigt: In ihrer neuen Single "Scheinbar" ätzt die Hamburger Diskurspopband Trümmer gegen Alltagslethargie und den Rückzug ins Private. Sehen Sie das Video zum Song hier als Premiere!

"Scheinbar geht es allen gut. Ja, okay, man spuckt schon manchmal Blut. Aber niemand hat hier ein Problem, denn wirklich jeder hat ein schönes Leben", singt Paul Pötsch in mokantem Tonfall über den drückenden Post-Punk-Sound seiner Band im Song "Scheinbar". Pötsch ist Sänger von Trümmer, einem Diskurspoptrio aus Hamburg, das mit der Veröffentlichung seines Debüt-Albums das Erbe von Bands wie Blumfeld oder Die Sterne antritt. (Unsere Rezension von "Trümmer" lesen Sie hier).

Im zugehörigen Videoclip des Regisseurs Maximilian Wiedenhofer, den SPIEGEL ONLINE als Premiere zeigt, gibt Pötsch mit Rockerlederjacke und James-Dean-Tolle den angry young man. Im Hintergrund der Band-Performance stehen Schaufensterpuppen, Symbole für Bürger, die sich nicht gegen die Verhältnisse auflehnen, sondern zu Zombies geworden sind: "'Scheinbar' ist ein Song gegen den Rückzug ins Private, gegen Egoismus und Lethargie", sagt Pötsch. "Die Gesellschaft ist nicht perfekt, es ist nicht alles gut. Die Risse sind deutlich sichtbar und es liegt an jedem Einzelnen, das zu erkennen und es zu ändern. Wir wollen einfach keine Schaufensterpuppen in unseren eigenen Leben sein."

Pötsch und seine Bandkollegen, der Schlagzeuger Maximilian Fenski und der Bassist Tammo Kasper, erleben diese Risse und Brüche täglich in ihrer Wahlheimat, dem Hamburger Stadtteil St. Pauli, wo Kreativszene und Alternativkultur seit Jahren besonders mit Gentrifizierungsprozessen und konsumorientierter Vereinheitlichung des Stadtlebens kollidieren. Trümmer rebellieren - ähnlich wie Messer aus Münster oder Die Nerven aus Stuttgart - mit Liedern gegen das Achselzucken, die kollektive Resignation.

Pötschs wortmächtige, bildreiche Sprache erinnert dabei oft an den Revoluzzerpoeten Rio Reiser: "Eine Stadt, eine Leiche, ein Planet, ein Patient, wo jeder nur an sich selbst denkt und niemanden wirklich kennt", heißt es im Refrain von "Scheinbar". Eine Parole, die sich hervorragend gegen die Fassaden der Bürotürme schmettern lässt.

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