Schiffsempfang für Lena Nimm mich mit, Kapitänin, auf die Reise

Land unter in Oslo: Weil so viele Journalisten dabei sein wollten, musste der deutsche Botschafter den Empfang für die Eurovision-Hoffnung Lena kurzerhand auf ein Fährschiff verlegen. Doch unter Stress blühte die singende Außenpolitikerin erst so richtig auf.

DDP

Aus Oslo berichtet Jan Feddersen


Bis 2009 leitete Detlev Rünger noch das Krisenreaktionszentrum im Auswärtigen Amt, dann wechselte er auf einen ruhigeren Posten, als Botschafter nach Oslo. "Es ist eine schöne Arbeit", sagt er. Doch jetzt, in diesen etwas zu kühlen Frühlingstagen, hat er es wieder mit einer Eskalation zu tun: der wachsenden Hysterie um eine seit Pfingstmontag 19-jährige junge Frau, die Lena Meyer-Landrut heißt und am Sonnabend die deutsche Repräsentantin beim 55. Eurovision Song Contest ist (Liveticker auf SPIEGEL ONLINE).

Rünger hat die, so sagt er, ehrenvolle Aufgabe, einen Empfang seiner Botschaft für Lena Meyer-Landrut und die deutsche Delegation zu geben. Weil die Residenz so klein ist, aber das deutsche Medieninteresse so groß, hat Rünger kurzer Hand auf die "Color Fantasy" geladen - auf ein Fährschiff der Linie Oslo-Kiel, der gewöhnlich komfortabelsten Art, von Norwegen nach Deutschland zu gelangen. Rünger freut sich mächtig, er guckt den Eurovision Song Contest - "wie alle doch, nicht wahr?" - seit frühesten Lebensjahren, aber auf die Hannoveranerin Meyer-Landrut freut er sich besonders: "Denn ich komme selbst aus Hannover."

Der Botschafter lächelt glücklich, die Theaterarena auf dem Fährdampfer, eine Traumlandschaft in rotem Plüsch, vor der während des Fährbetriebs Tanzkapellen die Passagiere von Seekrankheit und Langeweile ablenken sollen, ist prall besetzt, und er sagt, Deutschland beim Eurovision Song Contest sei ein "foreign policy event", mithin irgendwie Außenpolitik.

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Eurovision Song Contest: Die Sieger des ersten Halbfinals in Oslo
Dann hebt sich der Vorhang und die Musik-Botschafterin Meyer-Landrut kommt aus der Bühnenseite, nimmt sich das Mikro, singt mit aufgeräumter Laune zwei Lieder, ehe sie in der Konferenz beteuert, man dürfe gern die Augen zumachen, denn sie probe jetzt nur - der Auftritt, auf den es ankomme, sei ja erst in zwei Tagen. Aber was sagt das schon?

Sie sieht hinreißend aus in ihrem T-Shirt-Stretch-Kleid über dunklen Strümpfen und leichten High Heels, singt zum gefühlt vierhunderttausendsten Mal in dieser Probenwoche von Oslo "Satellite" - und scheint immer sicherer auf der Bühne zu stehen. Dann guckt sie erstaunt, offenbar nicht wissend, ob sie noch ein Lied singen solle - aber da kommt der Botschafter schon die Treppe herauf, mit einem eher kärglichen Bouquet Blumen. Lena fragt: "Should I go off?" … fügt ein sacht irritiertes "Okay" an und geht. Der Saal spendet tüchtig Beifall, Mentor Stefan Raab, leicht erkältet mit Halstuch, lächelt zufrieden.

Ob Kerkeling im Naturzustand auftritt?

Es war der gefühlt 51. öffentliche Termin, den Lena zu absolvieren hatte, und niemals scheint sie genervt, belastet oder unpässlich zu sein. Für einen kurzen Moment stürzen sich die Scheinwerfer der TV-Teams auf die deutsche ESC-Jury, dann suchen sie wieder nach ihr - und sie guckt nicht, als scheute sie die neuerliche Ausfragerei. Nein, sie scheint sogar froh, dass ein Teil der Aufmerksamkeit nun Hape Kerkeling zuteil wird, der offen lässt, ob er die Punkte vom Hamburger Spielbudenplatz als Uschi Blum oder als Kerkeling im Naturzustand durchgeben wird - "technisch ist ja heute alles schnell möglich zu machen". Auch Mary Roos, deutsche Eurovision-Veteranin, freut sich über Lena Meyer-Landrut und über das Licht, das auch auf sie fällt: Anteilnahme an ihrer Person ist ja eher rar geworden.

Lena Meyer-Landrut aber muss weiter. Sie war auf einem Windjammer schippern, auf dass handverlesene Gäste aus Großbritannien, Frankreich, Spanien und Norwegen von ihr einen guten Eindruck bekommen und dies noch vor der Abstimmung in die Heimat berichten. Sie war mit der Ukrainerin Aljoscha Hauptfigur einer Party im Euroclub Smuget im Schatten des Osloer Rathauses - aber sie hat nie die Zicke gegeben. Gibt einem, steht man vor ihr, die Hand und sagt beinah schüchtern "Guten Tag" und hält so, wie ein schwedischer Journalist auf dem Botschaftsempfang es formulierte, die Balance zwischen ihrem objektiven Dasein als Star und ihrem Selbstgefühl, das ihr Abstand zur öffentlichen Rolle gebietet: "Und das macht ihren Charme aus - diese Nahbarkeit, ohne dass sie Nähe spielt."

Aber die Zeit drängt, sie muss weiter, sie verlässt sich darauf, dass sie in Raabs Osloer TV Total-Ambulanz Asyl finden wird, hat den Tag über noch eine Fülle von Interviews vor sich - immer so gekleidet, wie man sie kennt, das Gesicht leicht weißlich geschminkt, der dunklen Augen wegen, die kommen so besser zur Geltung. Keine Frage, die junge Frau blüht erst auf, gerät sie in Terminkorsetts.

Sie verschwindet vom Schiff, ein Heer von beglückten Journalisten und einen grinsenden Botschafter hinterlassend, in ihrem Fahrwasser irgendwie, so scheint es. Um 12.50 Uhr, nach knappen zwei Stunden, muss die Séance der Lena Meyer-Landrut, die diplomatische Verbeugung in ihrer Sache, beendet werden.

Wer jetzt das Schiff nicht verlässt, muss mit nach Kiel.



insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
Mindbender 27.05.2010
1. ...
"Should I go off?" Ich musste lachen.
deccpqcc 27.05.2010
2. herr schäuble übernehmen sie !
Zitat von sysopLand unter in Oslo: Weil so viele Journalisten dabei sein wollen, muss der deutsche Botschafter den Empfang für die Eurovision-Hoffnung Lena kurzerhand auf ein Fährschiff verlegen. Doch unter Stress blüht die singende Außenpolitikerin erst so richtig auf. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,697156,00.html
damit sollte nun klar sein wo noch einiges einsparpotential besteht: überflüssige botschaften schliessen. reha-einrichtungen für unnütze staatsdiener haben wir im inland ausreichend.
freehugs 27.05.2010
3. Englisch
Zitat von Mindbender"Should I go off?" Ich musste lachen.
to go off the stage - die Bühne verlassen http://www.dict.cc/englisch-deutsch/to+go+off+the+stage.html Sie wird ja nicht gefragt haben, ob sie auf der Bühne explodieren solle!
Leuchtturm 27.05.2010
4. Verachtung
Zitat von deccpqccdamit sollte nun klar sein wo noch einiges einsparpotential besteht: überflüssige botschaften schliessen. reha-einrichtungen für unnütze staatsdiener haben wir im inland ausreichend.
Für derartige Kommentare habe ich nur noch Verachtung übrig. Ich frage mich, auf welcher Grundlage Sie die Leistungen des Botschafters insbesondere in seiner vorherigen Position beurteilen können. Aber vermutlich ist Ihr Beitrag lediglich Ausdruck von Neid und Missgunst
janman23 27.05.2010
5. Inkompetenz
Zitat von LeuchtturmFür derartige Kommentare habe ich nur noch Verachtung übrig. Ich frage mich, auf welcher Grundlage Sie die Leistungen des Botschafters insbesondere in seiner vorherigen Position beurteilen können. Aber vermutlich ist Ihr Beitrag lediglich Ausdruck von Neid und Missgunst
Ich vermute eher, der Beitrag ist Ausdruck von Inkompetenz. Der Botschafter in Oslo erhält im Gegensatz zu den Kürzungen, die der OP haßt, nicht >100Milliarden im Jahr, und genug sinnvolle Abstellgleise für unnütze Beamte gibt es (leider) auch nicht.
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