Schlager-Grand-Prix Großstadtschnauze, Knutschlippen und der Mega-Max

Kai Pflaume swingt in einem matt glänzenden Anzug, Benjamin von Stuckrad-Barre hüpft wie ein Berserker auf den Sitzen herum, Berlin-Mitte-Schönheiten kreischen sich die Seele aus dem Leib - und Jörg Pilawa zieht konsterniert die Augenbrauen hoch. Veim Vorentscheid zum Schlager-Grand-Prix räumte einer mächtig ab: Raabs Max.

Von Ulf Lippitz


Berlin - Zehn Titel kämpften am Freitagabend in der Berliner Arena um die Ehre, Deutschland im Grand Prix Eurovision vertreten zu dürfen. So stand es auf dem Programm. Aber eigentlich kämpften rotzige Rockgören gegen kaputte Clubber und romantische Träumer. Es gab ekstatische Schreie, in die Kamera gehaltene Knutschlippen und völlig aufgeputschte Fanblocks. Was die trinken, will ich auch, dachten die hinteren Reihen. Erinnert sich jemand an derangierte Lena-Valeitis-Fans, die den Auftritt ihres Stars wie den Einmarsch der Beatles feierten?

Die Musikindustrie griff nach dem letzten Territorium des im Mainstream abgetauchten Schlager-Reservates. Ralph Siegel war nicht dabei, seine Schnulzen nicht und auch nicht sein Publikum, das mit Beta-Blockern vertrauter schien als mit Musiktrends.

Fotostrecke

9  Bilder
Grand-Prix-Vorentscheid: Max, der 92-Prozentige

Jetzt strömten junge Menschen in das einstige Busdepot an der Berliner Mauer. Die Quote der Sendung lag bei den 14- bis 49-Jährigen bei guten 28 Prozent, insgesamt sackte sie jedoch leicht ein und lag bei 17,8 Prozent (Vorjahr: 18,1). Auf Viva hatten die Veranstalter seit Wochen die Trommel gerührt, da der Kölner Musiksender dieses Jahr mitpräsentierte und das Moderatoren-Doppel um die Großstadtschnauze von Sarah Kuttner komplettierte.

Die junge Potsdamerin zerlegte mit leicht schriller Stimme genüsslich Künstler-Biographien. Von Sängerin Tina Frank erzählte sie, dass sie früher bei Oli P. gesungen hatte, "Deutschland gefährlichstem Gangsta-Rapper", und ein schwieriges Los habe: "Kein Arsch kennt sie." Kuttner machte keinen Hehl daraus, dass sie die Berliner Indie-Popband Mia favorisierte - und die Techno-Krachmacher Scooter eher für fehl am Platze hielt. Sie moderierte das norddeutsche Trio mit den Worten an: "Sie müssen jetzt sehr stark sein."

Jörg Pilawa wirkte dagegen wie im falschen Film. Zu Beginn beschrieb er die 6000 Zuschauer in der Halle als "gefühlte 300.000" - und ein leichter Anflug von Panik stieg in seinen Augen auf. Er trug Seriosität in den Wettkampf der Eitelkeiten, deklassierte Fans in bester Enthüllungsjournalisten-Manier - "Wie heißt denn der Titel überhaupt?" - "Äh ..." - und benahm sich wie der nette Onkel, der versucht, seine aufgedrehte Nichte zu bändigen. Vergebens: Sarah Kuttner rannte ihm in Sachen Spontaneität davon.

Der erhoffte Glamour-Faktor stellte sich mit der Neuausrichtung des Grand Prix nicht ein. Zwar bemühten sich die Fanblocks von Mia und Elektro-DJ Westbam, einen authentischen Eindruck kompletter Besinnungslosigkeit und modischen Trendbewusstseins zu schaffen - aber es gab eben noch Fans von Patrick Nuo, Wonderwall und Laith Al-Deen. Im Fahrwasser der recht braven Popmusik trauten sich die Anhänger, Freundschaftsplakate, selbst gebastelte Buchstabenreihen und einfarbige Unisex-Shirts zur Schau zu stellen.

Den mit Abstand am meisten beachteten Auftritt absolvierte der junge Sänger Maximilian, oder kurz: Max. Der 22-jährige Düsseldorfer war über ein Casting in Stefan Raabs Sendung "TV Total" entdeckt worden - und konnte sich nur dank einer Chart-Platzierung für den Ausscheid qualifizieren. Der Grund: Raab hatte den Termin zur Anmeldung verschlafen, legte sich in seinen Sendungen aber dementsprechend werbeträchtig ins Zeug. Mit Erfolg: Am Dienstag wurde bekannt, dass Max mit der Single "Can't Wait Until Tonight" die deutschen Verkaufscharts anführte.

Maximilian schien das wenig zu beeindrucken. Er saß noch Minuten vor dem Auftritt so ruhig auf dem Stuhl, als müsste er nur ein Winkelement in die Halle tragen. Sein Produzent Raab stiefelte hingegen aufgeregt hin und her. Im Fanblock warben Kai Pflaume und Thomas Anders für den jungen Mann, der mit außergewöhnlicher Stimme dann einen Soul-Schlager trällerte und nicht ein einziges Mal während der Darbietung die Augen öffnete.

Es war keine große Überraschung. Maximilian und Scooter wurden die Sieger des ersten Votings. Testumfragen hatten das Ergebnis signalisiert. Danach mussten sich die Zuschauer zwischen beiden Interpreten entscheiden. Jörg Pilawa fragte Scooter, ob sie freiwillig verzichten wollen. "Nö", antwortete Sänger H.P. Baxxter trocken. Zu diesem Zeitpunkt konnte er nicht wissen, dass Maximilian bereits im ersten Wahlgang zwei Drittel aller 1,4 Millionen eingegangener Stimmen auf sich vereint hatte - und Scooter mit sagenhaften sieben Prozent den zweiten Platz gewonnen hatten. Das Endergebnis fiel noch klarer aus: 92 Prozent stimmten für die aktuelle Nummer Eins aus Deutschland. Der Underdog setzte sich gegen die Chartstürmer durch. Ein kleines Märchen, möchte man meinen.

"Früher hätte man Leute wie Max im Zirkus auftreten lassen", verkündete Stefan Raab auf der anschließenden Pressekonferenz - und man hoffte, er spielte auf das volle Sangesorgan und nicht die fast zusammengewachsenen Augenbrauen an. Dank Raab steht Max seit Wochen im Zirkus der Musikindustrie - und ist somit Nutznießer einer konzentrierten Marketingaktion.

Kapiert das der Rest Europas, der nicht "TV Total" empfangen kann? Ein Glamour-freier Sänger, der wie Curtis Stigers vor zehn Jahren singt, scheint kaum Aussichten auf den Siegertitel zu haben. Dagegen wäre der Block von Westbam, in dem Stuckrad-Barre seine Sprungkünste demonstrierte, ein skurriles Unikum im Kampf um die größte Aufmerksamkeit gewesen. In der Türkei hat man das verstanden: Eine auf Englisch brüllende Ska-Band hat dort gerade den Vorausscheid gewonnen.



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.