Vorwurf der kulturellen Aneignung Konzertabbruch wegen Dreadlocks und Reggae

Weil die überwiegend weiße Band Lauwarm jamaikanische Musik spielte und teils Dreadlocks trug, wurde ein Konzert in Bern abgebrochen. Nun wird in der Schweiz über kulturelle Aneignung debattiert.
»Wir stehen zu unserem Erscheinungsbild«: Die Schweizer Band Lauwarm

»Wir stehen zu unserem Erscheinungsbild«: Die Schweizer Band Lauwarm

Foto: privat

In der vergangenen Woche musste die Schweizer Band Lauwarm ein Konzert in Bern abbrechen – nun ist darüber in der Schweiz eine hitzige Debatte entbrannt. Die Schweizer Mundart-Band war kurzfristig für den Auftritt einer anderen Gruppe eingesprungen. Doch einigen Konzertbesucherinnen und -besuchern schien das nicht zu gefallen: Mehrere Menschen aus dem Publikum seien während des Konzerts auf den Veranstalter zugekommen, weil sie sich wegen des Auftritts unwohl fühlten, schilderte der Veranstalter.

In den Gesprächen sei es um den Vorwurf der kulturellen Aneignung  gegangen, also darum, dass die Band sich mit Symbolen schmücke, die ursprünglich mal für Unterdrückung und Freiheitskampf standen: Besucher und Besucherinnen hatte es gestört, dass die Band aus überwiegend weißen Musikern jamaikanische Musik spielte und teils afrikanische Kleidung und Dreadlocks trug. Der Veranstalter hatte den Auftritt vorzeitig beendet.

Unverständnis über Konzertabbruch

In Absprache mit der Band habe man schließlich entschieden, den Auftritt zu beenden – was wiederum auch für viel Unverständnis sorgte. Wenn man das Konzert der Band mit dieser Begründung abbreche, könne man auch gleich Focaccia und Kaffee von der Speisekarte streichen, schließlich stammten auch die aus anderen Kulturen, schrieb etwa ein Internetnutzer.

Gegen den Vorwurf, sich einer rassistischen Praktik zu bedienen, wehrt sich auch die Band. »Wir begegnen allen Kulturen mit Respekt«, schrieb sie auf ihrem Instagram-Account. »Wir stehen aber auch zu der Musik, welche wir spielen, zu unserem Erscheinungsbild und zu unserer Art, wie wir sind«. Man müsse über Definition und Unterschied von Inspiration und Aneignung diskutieren.

»Wir behaupten nicht, dass wir mit dem Abbruch des Konzerts das Richtige getan haben«, rechtfertigt sich das Restaurant, in dem die Musiker auftraten, nun in einer Stellungnahme auf Facebook. Es jedoch einfach weiterlaufen zu lassen, habe sich auch falsch angefühlt. Allerdings fänden sie nicht, »dass Mitglieder der Band oder weiße Menschen automatisch Rassisten sind«.

Was ist kulturelle Aneignung?  Damit ist gemeint, dass Menschen sich einer Kultur bedienen, die nicht ihre eigene ist und deren Machtpotenzial der eigenen unterlegen ist. Musik, Bekleidung oder Symbole werden bei dem Transfer häufig verdreht oder ihrer historischen Bedeutung beraubt. Mit Dreadlocks etwa identifizieren sich vor allem Schwarze. Die Frisur wird mit dem Widerstand gegen Kolonialismus, Rassismus und Unterdrückung verbunden.

Im März hatte in Deutschland die Bewegung Fridays for Future die weiße Musikerin Ronja Maltzahn, die bei einer Demonstration in Hannover auftreten sollte, wegen ihrer Dreadlocks ausgeladen.

evh/dpa
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