Kulturkrach in Dresden Semperoper kündigt Intendant vor Amtsantritt

Serge Dorny wollte die Semperoper von der Touristenattraktion wieder zur "Oper der Dresdner" werden lassen. Jetzt hat ihm das Land Sachsen gekündigt, bevor er überhaupt loslegen konnte. Der Belgier habe "unangemessen kommuniziert" und "Entscheidungsprozesse" nicht akzeptiert.

Der Belgier Serge Dorny, designierter und wieder abgesägter Intendant der Semperoper
DPA

Der Belgier Serge Dorny, designierter und wieder abgesägter Intendant der Semperoper


Hamburg/Dresden - Der neue Intendant der Semperoper verliert seinen Job in Dresden noch vor dem geplanten Amtsantritt. Das Land Sachsen kündigte den Vertrag mit Serge Dorny mit sofortiger Wirkung - eigentlich sollte er ab dem 1. September der berühmten Oper als künstlerischer Leiter vorstehen.

Die künstlerischen Qualitäten von Dorny seien unbestritten, erklärte Kunstministerin Sabine von Schorlemer am Freitag. "Ihm war es in der Vergangenheit gelungen, das Opernhaus in Lyon künstlerisch weitvoranzubringen und als einen ernsthaften Konkurrenten zur Oper in Paris zu profilieren." Die Kunstministerin betonte, nach einer überzeugenden Präsentation vor einer hochkarätigen Findungskommission sei man der festen Ansicht gewesen, den richtigen Kandidaten gefunden zu haben. "Umso bedauerlicher ist es, dass Serge Dorny entgegen seinen Zusagen in den vergangenen Monaten leider kein Klima des gedeihlichen und vertrauensvollen Miteinanders mit den Mitarbeitern, sowohl in den künstlerischen als auch in den administrativen Bereichen der Oper, etablieren konnte", erklärte Schorlemer.

"Um Schaden von der Oper im In- und Ausland abzuwenden, sehen wir zu einer sofortigen Kündigung keine Alternative mehr", heißt es in der Pressemitteilung, die von Schorlemer durch das Sächsische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst herausgeben ließ.

Der Neue wollte kein "Türhüter für ein Museum" sein.

Der Belgier Dorny, Jahrgang 1962, sollte die Nachfolge von Ulrike Hessler antreten, die im Sommer 2012 im Alter von 57 Jahren an Krebs gestorben war. Er stammt aus Wevelgem in Belgien und studierte an der Universität und am Königlichen Musikkonservatorium in Gent. 1996 wurde er zum Generaldirektor und künstlerischen Leiter des London Philharmonic Orchestra berufen. Seit 2003 ist er für die Oper in Lyon zuständig.

Dorny hatte seinen Vertrag erst im Herbst 2013 unterschrieben. Seither war er damit beauftragt, die neue Spielzeit vorzubereiten. Dorny sei während der Vertragsverhandlungen umfassend über die Situation der Sächsischen Staatsoper und bestehende Rechte, etwa der Staatskapelle und Dritter, informiert worden, so die sächsische Kunstministerin. "Trotzdem wurde in den vergangenen Monaten seiner Tätigkeit deutlich, dass Herr Dorny nicht bereit war, sich auf die vorliegenden Bedingungen einzulassen und die Entscheidungsprozesse an einem großen Repertoiretheater zu akzeptieren." Entscheidungen seien "unangemessen kommuniziert, die Verantwortlichen nicht eingebunden und der Betriebsfrieden dadurch nachhaltig gestört" worden.

Dorny hatte bereits im vergangenen Jahr unverhohlen Kritik an der Musealität des Hauses geäußert, dem er ab September hätte vorstehen sollen. "Die Oper ist nicht mehr essentiell für Dresden. Sie erscheint nurmehr wie ein Ort der hehren Kultur. Aber sollte uns die Kunst nicht auch bewegen, Orientierung geben, ein Spiegelbild der Stadt und ein Ort für Debatten sein?" erklärte Dorny in einem Interview mit der "Sächsischen Zeitung" im November 2013. Die Semperoper stehe in dem Ruf, eine "Touristenoper" zu sein, so der Belgier - und er wolle kein "Türhüter für ein Museum" sein.

Ob es solche deftigen Worte zur künstlerischen Zukunft des Drei-Sparten-Hauses sind, die am Anfang des Zerwürfnisses standen? Oder war es ein gestörtes Verhältnis zum Chef der Dresdner Staatskapelle Christian Thielemann, der als eigenwillig und launisch gilt? In jedem Fall stellte Ministerin von Schorlemer "sehr unterschiedliche Vorstellungen über die notwendige Kultur zur Führung eines großen europäischen Opernhauses" fest.

Eine Reaktion Dornys auf die fristlose Kündigung lag zunächst nicht vor.

twi/dpa



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