Serge Gainsbourg, Chansonnier und Provokateur Genie in Kaschmir

Er hatte keinen Führerschein, aber einen Rolls-Royce, nur um darin zu rauchen; Angst vor dem Baden - und im Krankenwagen bestand er auf einer Decke von Hermès: Zwei tolle Bücher schildern das Leben des französischen Musikers und Exzentrikers Serge Gainsbourg.

Tony Frank

Vor langer Zeit, eine Ewigkeit vor Air, Daft Punk oder Benjamin Biolay, war es für Franzosen ausgeschlossen, im Popuniversum jenseits der heimischen Grenzen groß rauszukommen. "Ein schlimmeres Adjektiv als blind, taub und tot: französisch", urteilte ein Spezialist der britischen Tageszeitung "Independent".

Der Mann, der die französische Popmusik von diesem Ruf befreite, der ihr international Respekt und Ruhm verschaffte, hieß Serge Gainsbourg. Ein kettenrauchender Provokateur aus Paris, der Nicht-Franzosen als Urheber der skandalumwehten Beischlaf-Hymne "Je t'aime moi non plus" bekannt ist.

In Frankreich gehört er längst zu den Nationalheiligen, und weil die Globalisierung in der Popmusik funktioniert, steht sogar in seinem englischsprachigen Wikipediaeintrag, dass Gainsbourg einer der "einflussreichsten Musiker der Welt" gewesen sei. Zeit also für Aufklärungsarbeit, was das Genie des Serge Gainsbourg angeht. In Frankreich füllen die Werke über ihn Regalmeter, auch hierzulande erscheinen nun die ersten beiden Gainsbourg-Bücher. Zum einen "Für eine Handvoll Gitanes", die erstaunlich geglückte Biografie der britischen Musikjournalistin Sylvie Simmons, zum anderen "Serge Gainsbourg- Fotografien von Tony Frank", ein toller großformatiger Bildband, randvoll mit überwiegend unveröffentlichten Porträts des wilden Dandys.

Simmons sprach mit jungen Gainsbourg-Verehrern wie Beck, Air oder Bob Stanley, mit alten Weggefährten, Kollegen, Sergeologen und natürlich mit seiner langjährigen Lebensgefährtin Jane Birkin. Herausgekommen ist dabei keine trockene Faktenaufzählung, sondern die amüsant aufgeschriebene Lebensgeschichte eines hoch begabten, schwermütigen Paradiesvogels.

Eigentlich wollte der als Lucien Ginsburg geborene Sohn russisch-jüdischer Emigranten Maler werden, aber weil ihm Mittelmaß zu wenig war und sein Maltalent begrenzt, wurde er eben als Musiker legendär.

Gainsbourgs erste Jazz-Chanson-Platten liefen eher mäßig, aber als Hit-Lieferant für Kollegen wie Juliette Gréco punktete er schnell und dauerhaft. Den Grand Prix Eurovision de la Chanson gewann er mit France Gall 1965 lässig nebenher (für Luxemburg!). Auf seinen eigenen Platten jonglierte er mit Worten und Genres wie kaum jemals ein anderer Musiker.

Er sprang von Jazz zu Pop, experimentierte mit Klassik, Reggae und Rock. Sein Konzept-Album "Histoire De Melody Nelson" gilt als Klassiker, das bis heute abenteuerlustige Nachwuchsmusiker inspiriert. Einfühlsam porträtiert Simmons aber auch den Kauz Gainsbourg, der Angst vorm Baden hatte, gewitzte Texte verfasste, aber jegliche Satzzeichen verweigerte, der keinen Führerschein hatte, aber einen Rolls Royce zum Rauchen, der sich für hässlich hielt, aber mit den schönsten Frauen Affären hatte.

In seinen späten Lebensjahren war er ein von Zigaretten und Alkohol gezeichneter Dandy, der nach einer Herzattacke darauf bestand, unbedingt mit seiner Hermès Kaschmirdecke in den Krankenwagen getragen zu werden. Als er 1992 mit 62 im Schlaf starb, verfiel Frankreich in kollektive Trauer. An seinem Grab legen Fans immer noch Zigaretten und Whiskey-Flaschen ab.



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Ernst Robert, 02.10.2009
1. kulturelle Niveauunterschiede
Zitat von sysopEr hatte keinen Führerschein, aber einen Rolls-Royce, nur um darin zu rauchen; Angst vor dem Baden - und im Krankenwagen bestand er auf einer Decke von Hermès: Zwei tolle Bücher schildern das Leben des französischen Musikers und Exzentrikers Serge Gainsbourg. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,652608,00.html
S.G., Jude, Kind armer Einwanderer und Exzentriker, zählte und zählt immerhin in seinem Heimatland zu den Großen. Noch heute werden seine (sehr unterschiedlichen) Lieder aus mehreren Jahrzehnten im Radio rauf und runter gespielt. Im Gegensatz zu Deutschland: Wer da mal ansatzweise internationales Niveau erreicht (z.B. Nina Hagen, Ute Lemper...), wird vom Mittelmaß eher vertrieben als kultiviert und adoptiert. In allen Sendeanstalten herrscht ein provinzieller Mief, den ich mir nur mit der Kleinstaaterei erklären kann, die jeden Kopf, der aus der Menge ragt, köpft. So bleibt das kulturelle Niveau immer auf unterstem Musikantenstadlniveau. In Frankreich wird auch noch im letzten Dorf Jazz gespielt und gehört. Und die Welt hört mit.
Trintignant69 02.10.2009
2. aha ...
Zitat von Ernst RobertS.G., Jude, Kind armer Einwanderer und Exzentriker, zählte und zählt immerhin in seinem Heimatland zu den Großen. Noch heute werden seine (sehr unterschiedlichen) Lieder aus mehreren Jahrzehnten im Radio rauf und runter gespielt. Im Gegensatz zu Deutschland: Wer da mal ansatzweise internationales Niveau erreicht (z.B. Nina Hagen, Ute Lemper...), wird vom Mittelmaß eher vertrieben als kultiviert und adoptiert. In allen Sendeanstalten herrscht ein provinzieller Mief, den ich mir nur mit der Kleinstaaterei erklären kann, die jeden Kopf, der aus der Menge ragt, köpft. So bleibt das kulturelle Niveau immer auf unterstem Musikantenstadlniveau. In Frankreich wird auch noch im letzten Dorf Jazz gespielt und gehört. Und die Welt hört mit.
wissen sie was noch viel typischer für deutschland ist? ich will es ihnen verraten. es scheint hier geradezu unmöglich zu sein jemanden zu loben - ohne im gegenzug irgendetwas anderes herabzuwürdigen ;-) gainsbourg war ein großartiger künstler, und das hat so dermaßen überhaupt nichts mit dem deutschen musikantenstadlniveau zu tun ....! mfg t.69
bürger mr 02.10.2009
3. Ha
Zitat von Trintignant69wissen sie was noch viel typischer für deutschland ist? ich will es ihnen verraten. es scheint hier geradezu unmöglich zu sein jemanden zu loben - ohne im gegenzug irgendetwas anderes herabzuwürdigen ;-) gainsbourg war ein großartiger künstler, und das hat so dermaßen überhaupt nichts mit dem deutschen musikantenstadlniveau zu tun ....! mfg t.69
Sie beide haben Recht, jeder auf seine Weise. Schade eigentlich, denn dieses Thema kann jetzt wieder geschlossen werden, es gibt ja nichts mehr darüber zu sagen.
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