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Sängerin Sevdaliza: Vom Basketball zur Musik

Sängerin Sevdaliza "Ich habe noch nie ein fröhliches Lied gemacht"

Erotisch geladener Elektropop, der mit klassischen Gender-Rollen bricht und den Körper zur Kampfzone erklärt: Die niederländisch-iranische Sängerin Sevdaliza will mit ihrer Kunst den öffentlichen Diskurs verändern.
Von Julian Brimmers

Das Setting: eine Mischung aus Pferderennbahn und Freimaurerloge. Auf den Rängen sitzen schweißbeperlte Männer in teurer Kleidung. In der Arena entledigt sich eine Frau ihrer schwarzen Kutte - die Kamera schwenkt nach unten und gibt den Blick frei auf ein paar Pferdehufe, wo eigentlich Beine sein sollten. Sie singt: "I am human".

In ihren Songs und Videos, so wie hier, in "Human", bricht Sevdaliza Gender-Rollen und Körperpolitik auf, und setzt sie neu zusammen. Ihr eigener Körper wird dabei zur Projektionsfläche, das ist das entscheidende Thema der niederländisch-iranischen Sängerin. Ihre Mischung aus intim-intensivem Songwriting, Performance und stilisierter Ästhetik erinnert an Björk, FKA Twigs oder den Sci-Fi-Soul von Janelle Monáe. Bei allem Hang zur Konzeption ist Sevdalizas Musik jedoch keine selbstgenügsame Avantgarde. Die meisten ihrer Lieder folgen einer klaren Popstruktur und schulden dem futuristischen Pop ihrer Kolleginnen ebenso viel wie dem Trip-Hop von Portishead. Nach mehreren Singles und EPs hat sie jetzt mit "Ison" ihr Debütalbum veröffentlicht.

Sevda Alizadeh entstammt einer Familie von Dichtern und Musikern. Im Alter von vier Jahren flüchtet sie mit ihren Eltern von Teheran nach Rotterdam. Groß wurde sie in den raueren Gegenden der Hafenstadt. "Ich war nicht nur Immigrantin, sondern auch damals schon merkwürdig. Mir war egal, was Leute von mir dachten, aber gleichzeitig war ich sehr einsam", erinnert sie sich im Musikmagazin "Fader".

Ihr Außenseiterdasein vertrug sich bestens mit einer Faszination für die Wunderwelt des klassischen Neunzigerjahre-Hip-Hop, in der Rapper sich reihenweise zu Kung-Fu-Kämpfern und Superhelden in glänzenden Anzügen deklarierten. Janet Jacksons "The Velvet Rope" eröffnete ihr den Zugang zu Sexualität im Pop.

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Die meiste Zeit verbrachte sie allerdings in der Turnhalle: Mit 15 zog sie zu Hause aus und spielte dank eines Sportstipendiums Basketball auf höchstem Niveau, trainierte sogar mit dem niederländischen Nationalteam. Ein paar Verletzungen später studierte sie Kommunikationswissenschaften und jobbte eine Weile im Marketing. Mit Mitte Zwanzig verschrieb sie sich der Musik vergleichsweise spät, dafür mit umso größerer Vehemenz.

Ihre ersten eigenen Texte sind Raps auf Holländisch, in denen sie sich bereits mit ihren Kernthemen - Entfremdung und zwischenmenschliche Abhängigkeiten - auseinandersetzt. Heute ist die 29-Jährige unabhängig von Labelstrukturen und arbeitet mit einem kleinen, internationalen Team aus Grafik- und Modedesignern, Fotografen und Musikern an der Umsetzung ihrer Ideen. Neben ihrem Produzenten Mucky ist der Digitalkünstler Hirad Sab eine der Schlüsselfiguren im System Sevdaliza.

Sab stammt ebenfalls aus dem Iran und kam zum Studieren in die USA. Neben ihren persischen Wurzeln eint beide eine Vorliebe für transhumane Bilderwelten, Spiegelflächen und den menschlichen Körpers in der digitalen Sphäre. Zuletzt inszenierte er Sevdaliza für ihr Video "Marilyn Monroe" als computergenerierten Cyborg.

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"Sevda ist in jeden Aspekt ihrer Kunst involviert", erzählt Sab per Skype aus seiner Studentenwohnung in Salt Lake City. "Das war nicht immer einfach. Gerade zu Beginn haben wir viele Kompromisse gemacht."

Als digitale Weltbürger attestieren sowohl Sab als auch Sevdaliza ihrer Herkunft höchstens indirekten Einfluss auf ihre Kunst. Ob sie bald die Möglichkeit haben werden, sich gemeinsam in einem Raum auszutauschen, ist allerdings ungewiss. Noch Anfang 2016 war Sevdaliza für Studio-Aufnahmen in Los Angeles. Ein knappes Jahr später unternahm Donald Trump den ersten Versuch, sein Dekret zur begrenzten Einwanderung aus mehrheitlich muslimischen Ländern durchzudrücken. Sevdaliza antwortete mit dem auf Farsi gesungenen Song "Bebin" ("Sehen"), dessen Erlöse Opfern von Rassismus zugute kamen. Statt blanker Wut heißt es hier: "Whatever it is you demand of me/ My love for this world/ My love personally/ Is larger than life."

"Ich glaube fest daran, dass wir in der heutigen Zeit auf eine Weise miteinander verbunden sind, die uns nie möglich schien. Dadurch können wir den öffentlichen Diskurs zu kritischen Themen verändern. Es ist meine Verantwortung, Kunst zu erschaffen, die zum transformativen Wandel beiträgt", sagte sie dem amerikanischen "Billboard Magazin".

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Auch Sab sieht in der digitalen Vernetzung eine Chance. "Der digitale Raum bietet die Möglichkeit, uns selbst zu definieren. Im Hinblick auf nationale Identitäten herrschen in den USA aber immer noch gewisse Vorstellungen von, zum Beispiel, Iranern. Zu sehen, dass einer Künstlerin aus meinem Land so viel Aufmerksamkeit und Zuneigung zuteil wird, macht mich stolz - abseits aller Politik. Sie wird allein für ihre Arbeiten respektiert."

Allen Einschränkungen zum Trotz, erhebt Sevdaliza Anspruch auf eine Weltkarriere. Anscheinend zu Recht: Ihr aus dem Nichts und ohne Ankündigung oder Label-PR veröffentlichtes Album schaffte es auf Platz eins der US-iTunes Charts für elektronische Musik.

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Der Albumtitel sei ihr im Halbschlaf gekommen, sagt sie. Erst im Nachhinein stellte sich "Ison" als Name eines Kometen heraus, der sich 2013 zunächst dem Mars näherte, um dann bei seiner Sonnenpassage zu zerbersten - eine Ikarus-Variation für das Space Age, die Sevdaliza dankend aufnimmt.

Ähnlich wie Kendrick Lamars "Damn" ist "Ison" ein kompaktes, engmaschiges Werk zu einer Zeit, in der die Skizze die dominante Form im Pop darstellt. Die Grundstimmung des Albums ist geprägt von langsamen Tempi und einer untertourigen Dramatik. "Ich glaube, ich habe noch nie ein fröhliches Lied gemacht," sagte Sevdalia in einem Arte-Beitrag aus dem letzten Jahr. Zwischen Schwermut und Disziplin bewegt sie sich in einem konstanten Balanceakt.

Vertrauen aufzubauen, nicht nur zu ihren Kollaborateuren, sondern zum eigenen kreativen Potenzial, kann eine nervenaufreibende Angelegenheit sein - erst recht für jemanden, der im Ruf steht, wenig dem Zufall zu überlassen. Mit "Ison" ist Sevdaliza ein durchdachtes, stimmiges Werk gelungen, das eigentlich alles richtig macht. Wenn man Kritik an Sevdalizas Kunst-Entwurf üben wollte, könnte man sagen: Fast schon zu perfekt.

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