Sex-Pistols-Graffiti erforscht Höhlenmalerei des Punk

Kulturerbe oder Kritzelei? Zwei britische Archäologen meinen: Die Zeichnungen der Punkband Sex Pistols in einem Londoner Haus stehen in einer Reihe mit den Steinzeitgemälden von Lascaux. Eine Gedenktafel halten die Wissenschaftler aber für überflüssig.

John Schofield/ Paul Graves-Brown

Ein Selbstporträt des Künstlers mit verrottetem Zahn, Bassist Sid Vicious mit großem Mund und wenig Platz fürs Hirn, dessen Freundin Nancy Spungen als "Nanny" charakterisiert - und Manager Malcolm McLaren klaubt gierig die Geldscheine zusammen: So hat Johnny Rotten seine Band und deren Umfeld gesehen und gezeichnet. Die Bilder hinterließ der Sänger der Sex Pistols an den Wänden eines Hauses in der Londoner Denmark Street, in der die Musiker Mitte der Siebziger wohnten und probten.

Der Archäologe John Schofield von der Universität York und sein Kollege Paul Graves-Brown haben diese Wandmalereien nun katalogisiert und umfassend analysiert. Was für manche nach pubertären Kritzeleien aussehen mag, das ist für die Wissenschaftler "das Lascaux des Punk". Wie die Höhlenmalereien der Steinzeitmenschen in Südfrankreich seien auch die Graffiti der Sex Pistols materielle Spuren vergangener menschlicher Aktivitäten - deren Erforschung sei ihrer Ansicht nach die Aufgabe der Archäologie, so die Forscher.

Ihre Studie erscheint in der aktuellen Ausgabe der angesehenen Vierteljahreszeitschrift "Antiquity" - die eigens darauf hinweist, dass der Text weder "tongue in cheek" (ironisch, nicht ernstgemeint) noch "with tongue sticking out" (mit herausgestreckter Zunge) geschrieben sei.

Nein, die Autoren meinen es ernst - Professor Schofield hat ohnehin einen Ruf als Experte für die Archäologie der jüngsten Vergangenheit, er forschte auch schon über Lieferwagen. Schofield verweist darauf, dass die Boulevardpresse die Entdeckung früher Beatles-Aufnahmen in den BBC-Archiven als "bedeutendsten archäologischen Fund seit Tutanchamuns Grab" bezeichnet habe: "Die Graffiti der Sex Pistols in der Denmark Street halten da sicher mit - und überholen unserer Meinung nach die Beatles-Aufnahmen."

Hat das Gebäude eine Denkmalschutz-Gedenktafel verdient?

Die Sex Pistols zogen im September 1975 in das zweigeschossige Haus aus dem 19. Jahrhundert am Rande von Soho. Sie machten dort Aufnahmen, die auf der Bootleg-CD "Spunk" zu hören sind, später wohnten dort vorübergehend auch die Sängerinnen von Bananarama. Heute sind dort die Büroräume eines Unternehmens, das im Erdgeschoss alte und rare Gitarren verkauft.

Hinter den Schränken der Mitarbeiter fanden Schofield und Graves-Brown die Wandgemälde, die - das räumen sie ein - zwar als unanständig, anstößig und unbehaglich angesehen werden könnten, von den Autoren aber dennoch als "unmittelbare und kraftvolle Repräsentation einer radikalen und dramatischen Rebellionsbewegung" bezeichnet werden.

Für die Archäologen steht außer Frage, dass das Gebäude bedeutend sei, es erfülle sogar die Kriterien für eine blue plaque, eine offizielle Gedenktafel der staatlichen Denkmalschutzorganisation. Doch das wäre nicht im Geiste der Urheber, finden die Wissenschaftler. Es handele sich um eine Art "Anti-Kulturerbe", ein Do-it-yourself-Ansatz des Denkmalschutzes sei passender.

Vielleicht ein auf die Hauswand gesprühtes "Punk's not dead" statt einer Gedenkplakette?

feb



insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
sample-d 22.11.2011
1. ||||||
naja, der direkte Vergleich in der Wertigkeit mit den Steinzeitgemälden von Lascaux soll wohl auch polarisierend wirken - da es so wenige Überlieferungen von ganz früher gibt halte ich das doch für etwas hoch gegriffen. In Anbetracht dessen was die Sex Pistols in der Musik in Anbetracht auf neue Stilrichtungen auslösten ist eine geschichtliche Würdigung jedoch sicherlich gerechtfertigt..
de.nada 22.11.2011
2. ~
Zitat von sample-dnaja, der direkte Vergleich in der Wertigkeit mit den Steinzeitgemälden von Lascaux soll wohl auch polarisierend wirken - da es so wenige Überlieferungen von ganz früher gibt halte ich das doch für etwas hoch gegriffen. In Anbetracht dessen was die Sex Pistols in der Musik in Anbetracht auf neue Stilrichtungen auslösten ist eine geschichtliche Würdigung jedoch sicherlich gerechtfertigt..
Ganz eindeutig. Da wäre gerne jemand in den Spuren von McLaren unterwegs. Dafür könnte ja jemand Rotten zu seinen Zeichnngen was fragen, auch zu Lascaux.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.