Datenanalyse von Sexismus im Deutschrap F****! Sch*****! B****!

Texte von Rappern wie Farid Bang oder Gzuz sind voll mit frauenfeindlichen Zeilen. Sexismus hat im Deutschrap Tradition, belegt die Auswertung von 30.000 Liedtexten. Die meisten Sexismen pro Song hat allerdings ein Frauenduo.
Sexistische Textzeilen von Deutschrappern wie Fler wurden zum Gegenstand der Frauenrechtskampagne #UnhateWomen

Sexistische Textzeilen von Deutschrappern wie Fler wurden zum Gegenstand der Frauenrechtskampagne #UnhateWomen

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BriganiArt/ Bartill/ imago images

"Will keine Frauen, will Hoes. Sie müssen blasen wie Pros." Textzeilen wie diese des Berliner Rappers Fler prangen seit Anfang des Jahres auf den Motiven der Kampagne #UnhateWomen der Frauenrechtsorganisation Terre de Femmes. Die Aktion will auf Sexismus im Deutschrap aufmerksam machen.

Aber ist dieser Sexismus in Rap-Texten eine neue Entwicklung oder gehört es schon immer zum Genre dazu? Sind die klassischen Gangster-Rapper am problematischsten? Der SPIEGEL hat rund 30.000 Songtexte aus vier Jahrzehnten Deutschrapgeschichte untersucht, um Antworten auf diese Fragen zu finden.

Aggro seit der Jahrtausendwende

Die Analyse zeigt, dass sexistische Sprache nicht erst mit Gzuz, Bonez MC oder Kollegah aufkam. Schon seit knapp zwanzig Jahren sind sexistische Schlüsselwörter in mindestens jedem zehnten veröffentlichten Rap-Song zu finden.

Nach den Deutschrap-Anfängen mit Crews wie den Fantastischen Vier und Fettes Brot änderte sich zur Jahrtausendwende der Ton. Das Duo Westberlin Maskulin, bestehend aus Kool Savas und Taktloss, zählte zu den Ersten, die sich am amerikanischen Battlerap orientierten und ihre Lieder mit einem härteren Vokabular spickten. Kurz darauf wurde 2001 das Label Aggro Berlin gegründet, mit ihm landeten Künstler wie Sido, Bushido und Fler im Mainstream. Berlin wurde zur Hochburg des Deutschraps und sexistische Begriffe wie "Hure", "Fotze" oder "Bitch" ein fester Teil des Vokabulars.

Nach einem Hoch im Jahr 2005 ging der Anteil von Songs mit sexistischen Begriffen zum Ende Aggro Berlins 2009 hin zurück. 2018 wurden in Rap-Songs wieder besonders viele sexistische Wörter benutzt, im vergangenen Jahr kam es dann zum bisher stärksten Rückgang. Woran liegt das?

Der Rapper Sido bei der "Bravo"-Supershow im Jahr 2005: Immer harmloser geworden

Der Rapper Sido bei der "Bravo"-Supershow im Jahr 2005: Immer harmloser geworden

Foto: Andreas Rentz/ Getty Images

Eine Erklärung: Womöglich hat sich die Szene tatsächlich verändert. Frühere Paradebeispiele für sexistische Sprache wie Sido oder Kool Savas sind im Laufe ihrer Karriere immer harmloser geworden. Heute ist ihre Musik überwiegend jugendfrei. Zudem nahm die weibliche Perspektive im vergangenen Jahr deutlich mehr Platz im Mainstream ein: Unter den 20 erfolgreichsten Deutschrap-Alben waren mit Juju, Loredana und Shirin David drei Frauen vertreten - verglichen mit den Vorjahren ist ihr Erfolg ein großer Schritt. Zwar verwenden auch die Rapperinnen in einigen Stücken die Begriffe, die in der Analyse als "sexistisch" eingestuft werden. Aber es macht einen Unterschied, ob sie sich selbst beispielsweise als "Bitch" bezeichnen oder ob ein Rapper eine Frau als "Bitch" beschimpft. Es gibt jedoch auch eine ebenso plausible pessimistischere Erklärung für den Rückgang des einschlägigen Vokabulars: Der Sexismus ist schlichtweg subtiler geworden.

Gute Rapper, schlechte Rapper?

Einiges spreche für die zweite Erklärung, sagt Salwa Houmsi. Die Moderatorin und DJ setzt sich seit Jahren gegen Sexismus in der Musikbranche ein. Houmsi sieht gerade im subtilen Sexismus eine große Gefahr: "Für mich war einer der schlimmsten Songs der letzten Jahre 'Zoey' von Capo und Nimo. Sie benutzen keine dieser sexistischen Begriffe und propagieren trotzdem ein super sexistisches Frauenbild." Der im Dezember 2018 erschienen Song schaffte es auf Platz acht der Single-Charts.

"Alles, was sie über diese Frau Zoey erzählen, dass sie viel Sex mit verschiedenen Partnern hat, gern feiern geht, gern kokst, sind Dinge, die damals auch Capos und Nimos eigenem Image entsprachen", sagt Houmsi. "Zoey stempeln sie deswegen aber als 'hässlich' ab und sagen, dass sie niemals eine 'Lady' werde."

Genauso wie es in der Textanalyse schwerfällt, diesen Sexismus zwischen den Zeilen zu erwischen, bekommen auch viele Hörerinnen und Hörer diese unterschwellige Form kaum mit. So auch bei einem der größten deutschen Rapstars des vergangenen Jahrzehnts: Cro.

Der freundliche Rapper von nebenan? Auch in Cros Songtexten finden sich sexistische Bilder

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Christian Grube/ imago images

"Und wenn sie heiraten will und nach drei Tagen chillen schon dein ganzes Haus und deinen Leihwagen will – erschieß sie." So lautet eine der Zeilen aus "Easy", Cros großem Durchbruch aus dem Jahr 2011. "So ein Lied kommt ganz ohne Schlüsselwörter aus, aber ist nicht weniger schlimm", so Salwa Houmsi.

Andere Rapper tauchen in der Statistik auf, obwohl sie sich in ihren Texten Stilmitteln wie Ironie bedienen oder in überzeichnete Rollen schlüpfen. Die Band K.I.Z. baut sexistische Zeilen in ihre eigene Kunstwelt ein, die nur so vor Ironie und Übertreibung trieft. Der Berliner Rapper Frauenarzt, bezeichnet sich selbst als Porno-Rapper. Über drei Viertel seiner Songs enthalten sexistisches Vokabular. Ist er durch diesen großen Anteil nun auch der problematischste Rapper?

Der Rapper Gzuz (rechts) im Juni in Hamburg auf dem Weg zu einem Gerichtsprozess wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz, versuchten Diebstahls und Körperverletzung

Der Rapper Gzuz (rechts) im Juni in Hamburg auf dem Weg zu einem Gerichtsprozess wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz, versuchten Diebstahls und Körperverletzung

Foto: Christian Charisius/ DPa

Künstler wie Frauenarzt oder die sprachlich harten Songs von K.I.Z. laufen zumindest nicht im öffentlich-rechtlichen Radio. Sie finden woanders statt. Nimo, Bausa, Cro und Co. sind dagegen fest im Mainstream akzeptiert. Dass auch vermeintlich harmlose Rapper sexistische Lines haben, macht die klassischen Gangster-Rapper aber nicht weniger problematisch. Salwa Houmsi über Gzuz: "Ich halte ihn für sehr gefährlich. Er ist das Symbol eines Mannes, der auf Frauen scheißt."

Empowerment

Aber auch umgekehrte Fälle kommen vor: Rapperinnen nutzen sexistische Begriffe gezielt, um die Bedeutungshoheit über sie zu erlangen. Ein Beispiel hierfür ist SXTN. Das Duo aus den Rapperinnen Juju und Nura zählte bis zu seiner Trennung 2019 zu den erfolgreichsten Acts in Deutschland und hat mit durchschnittlich mehr als sieben sexistischen Begriffen pro Song die höchste Dichte aller untersuchten Künstlerinnen und Künstler. Ihr letztes Album "Leben am Limit" eröffneten die Rapperinnen mit der Zeile: "Jetzt sind die Fotzen wieder da!"

Die Rapperinnen Juju (links) und Nura traten bis 2019 als Duo SXTN auf und nutzen sexistisches Vokabular als Empowerment

Die Rapperinnen Juju (links) und Nura traten bis 2019 als Duo SXTN auf und nutzen sexistisches Vokabular als Empowerment

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Ben Kriemann/ POP-EYE/ imago images

Es waren die ersten Frauen mit einer wirklich großen Reichweite, die diese Begriffe für sich beanspruchten. Einige Feministinnen lehnen die Texte ab, weil sie sexistischen Bilder reproduzieren. Salwa Houmsi glaubt hingegen, "dass SXTN unfassbar viele Frauen empowered haben." Dass es jetzt mehr erfolgreiche Frauen gebe, sei auch ein Verdienst von SXTN.

Ein Genre-Problem?

Laut der Sprach- und Medienwissenschaftlerin Heidi Süß ist Sexismus kein spezifisches Problem von Deutschrap. Im SPIEGEL-Interview sagte sie: "Die ganze Gesellschaft hat ein Sexismusproblem. Im Rap findet nichts statt, was es nicht auch woanders gibt." Aber, so Süß: Rap habe eine eigene Sprachtradition und einen eigenen Wortschatz, um auf Probleme und Ungleichheit zu verweisen.

Das sieht auch Salwa Houmsi so: "Es gibt Sexismus überall – in unserer Politik, der Gesellschaft und in anderen Musik-Genres. Deutschrap ist allerdings ein Genre, das diesen Sexismus zelebriert."

So düster und schwer durchdringbar das Dickicht aus subtilem Sexismus, Ironie und Gangsta-Rap ist, so lässt sich aus der Analyse der Songtexte aber auch Positives ziehen: Mehr als acht von zehn Songs kamen im Jahr 2019 ganz ohne sexistische Schlüsselwörter aus.