Zum Tod von Sharon Jones Die letzte Soul-Priesterin

Sie wurde als weibliches Gegenstück zu James Brown gefeiert: Keine gab wütendere und zärtlichere Konzerte als Sharon Jones. Jetzt erlag die Sängerin im Alter von 60 Jahren einem Krebsleiden.

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Sie war die Größte. Und wenn sie in die Stadt kam, um eines ihrer heilsamen, hypnotischen, gelegentlich drei Stunden dauernden Konzerte zu geben, dann versuchte man sich natürlich in die erste Reihe vorzukämpfen. Eine nicht ganz ungefährliche Angelegenheit. Denn häufig pflückte sich Sharon Jones, wenn sie sich warmgesungen und eingetanzt hatte, Männer aus den vorderen Reihen, die dann gemeinsam mit ihr die Becken zu Boogie- und Boogaloo-Rhythmen kreisen lassen mussten. Sie war nicht wählerisch in ihrer Männerauswahl.

Als Zuschauer war man dann immer ganz erstaunt, dass die Tanzeinlage bei dem ungelenkigen Typen, der vorher noch neben einem gestanden hat, ganz okay aussah. Einer von vielen magischen Tricks, mit denen die Soulsängerin mithilfe ihrer sensationellen Begleitband The Dap-Kings ihre Auftritte zu unvergesslichen Erlebnissen machte. Die Halle schwitzte, die Augen leuchteten, von der Bühne wehte diese schier unerschöpflich scheinende Zärtlichkeit.

Eine Zärtlichkeit, die ja alles andere als selbstverständlich war. Und sich manchmal hinter einer geballten Faust versteckte. Denn die Songs, die Sharon Jones auf der Bühne sang, handelten fast immer von dem Gegenteil von Liebe. Es ging um Ausbeutung und Ausgrenzung, Entfremdung und Gewalt; die Vokabeln waren oft kriegerisch. Doch Jones beherrschte, wie zuletzt keine andere mehr, perfekt die Dialektik des Soul: Über Mistkerle zu singen und die Welt dabei mit Zärtlichkeit zu überschütten, das hatte sie drauf wie die großen Frauen ihres Fachs, von Aretha Franklin über Tina Turner bis, nun ja, Amy Winehouse.

Ausbeutung und Ausgrenzung, Entfremdung und Gewalt: Das alles hatte die Sängerin an der eigenen Person, am eigenen Körper erfahren. Sharon Lafaye Jones wurde 1956 als eines von sechs Kindern in bitterarme Verhältnisse in Augusta, Georgia geboren, Gewalt gegen Schwarze gehörte hier genauso zum Alltag wie Gewalt gegen Frauen. Ihre Mutter floh mit den Söhnen und Töchtern Anfang der Sechzigerjahre nach New York in die Bronx, auch hier herrschte das Gesetz des Stärkeren.

Später arbeitete Sharon Jones als Wärterin im Gefängnis von Rikers Island vor New York und als Wachfrau bei Geldtransporten der US-Bank Wells Fargo. Als Backgroundsängerin ertrug sie unter anderem die Launen von Lou Reed. Kokssucht und private Pleiten brachten sie an den Rand der Verzweiflung. Doch Jones ließ sich nicht unterkriegen: Mit den frisch formierten Dap-Kings spielte sie ab Ende der Neunzigerjahren für Hochzeitsgesellschaften und Studentenverbindungen.

"Zu klein, zu fett, zu schwarz, zu alt"

Ein Vertrag mit einer großen Plattenfirma schien für sie lange Zeit unerreichbar, sie passte einfach nicht ins Raster der Marketingabteilungen - oder wie sie selbst immer wieder im Rückblick ihre vermeintlichen Schwächen sarkastisch auf den Punkt brachte: "Zu klein, zu fett, zu schwarz, zu alt."

Mit 40 bekam Jones doch noch ihren ersten Plattenvertrag, danach Touren, Touren, Touren. Zwischendurch musste sie ihre Dap-Kings, die sich über unendlich viele Live-Auftritte zur besten Retro-Soul-Truppe der Welt entwickelt hatten, als Backing-Band an Stars wie Bob Dylan oder Amy Winehouse verleihen. Winehouse nahm mit den Dap-Kings ihre stärksten Songs auf, um endgültig zum Superstar zu werden.

Ein Werbeeffekt, den Sharon Jones gerne mitnahm. Über die Nullerjahre entwickelte sie sich zu einer der gefragtesten Retro-Soul-Sängerinnen, die in Fernsehshows genauso präsent war wie bei den großen Sommerfestivals. Das Geschäft brummte, endlich stellte sich auch der Respekt ein. Oft wurde sie als weibliches Gegenstück zu James Brown angekündigt.

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Sharon Jones: Ein Leben für den Soul

2013 dann die Schreckensbotschaft. Sharon Jones war an Krebs erkrankt, sie unterzog sich einer Operation und einer Chemotherapie. Schon kurz später stand sie, die Haare stoppelig, wieder auf der Bühne. Der Krebs schien einfach nur ein weiterer Mistkerl zu sein, den es niederzuringen, niederzusingen und niederzutanzen galt.

Wie sie der "New York Times" noch im Juli dieses Jahres in einem Interview erzählte, begriff sie ihre Konzerte als eine Art Therapie. Da hatte sie gerade eine neue Single herausgebracht, auf der sie noch einmal den ganzen Schrecken und die ganze Schönheit ihres Lebens in drei Minuten Soul verwandelte. Titel: "I'm Still Here".

Wie der "Rolling Stone" und andere US-Medien am Samstag berichteten, ist Sharon Jones, die letzte große Soul-Priesterin, schon am Freitag im Alter von 60 Jahren ihrem Krebsleiden erlegen. Ihre Familie und ihre Dap-Kings waren bei ihr. Es wird niemanden geben, der sie auf der Konzertbühne ersetzen kann.



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