Pop-Persönlichkeit Shirin David "Muss eine Frau erst rumheulen, um akzeptiert zu werden?"

Mit "Gib Ihm" hat die YouTuberin Shirin David einen Rap-Hit gelandet: 36 Millionen Klicks in drei Monaten, bald erscheint ihr Album. Wer ist die Internet-Persönlichkeit, die jetzt zum Popstar wird? Eine Begegnung.

Universal Music

Shirin David fällt auf. Das war schon 2015 so, als sie anfing, ihr komödiantisches Talent in YouTube-Clips zu zeigen und als Märchenprinzessin Straßenumfragen machte. Das war auch 2017 so, als sie beim RTL-Dauercasting "Deutschland sucht den Superstar" in der Jury saß. Und so ist es auch 2019, wenn sie sich in einem Rapvideo lasziv auf einem Motorrad räkelt und davon erzählt, dass sie es geschafft hat, während sich kleine Golden-Retriever-Welpen an ihren knappen Badeanzug schmiegen.

36 Millionen Abrufe hat der Clip zu ihrer Single "Gib Ihm" auf YouTube: Goldstatus, Platz eins der Pop-Charts. Auf ihrem Debütalbum, das bald erscheinen soll, soll es noch mehr Rap geben, dazu aber auch Balladen, Neunziger-R&B - sogar Jazz. Doch Genres sind hier nur Vehikel einer Künstlerin, die sich als reichweitenstarke Marke inszeniert. Wir trafen die 24-Jährige in ihrer Wahlheimat Berlin und wollten wissen: Wer ist sie - und warum fällt sie so auf?

Shirin David mag Döner und Waffeln, sie liebt Verdis "La Traviata" und geht gern in Shisha-Bars. Sie ist gerne mit ihren engsten Freunden zusammen, aber oft ist sie lieber allein. "Genauso extro, wie ich manchmal bin, genauso intro bin ich eben auch," sagt sie.

Rapperinnen sind in Deutschland rar. "In Deutschland gibt es vielleicht zwei Handvoll. Wir werden verglichen, obwohl wir nichts gemein haben, außer das Geschlecht", sagt David. Rap ist eine Männerwelt. Als Frau kann man dieses Spiel nicht ändern, sondern es spiegeln, wie Davids US-Vorbilder Nicki Minaj und Cardi B - aus der Trophäe für den Mann machen sie eine Trophäe für sich selbst, sie deuten sich vom Objekt zum super-begehrenswerten Subjekt um: "Die Gesichter von deinen Homies sind rotbäckig/ Das Outfit ist nicht gewagt, sondern notwendig/ Unendlicher Swag, sie sabbern großflächig", rappt David in "Gib Ihm".

Fast zeitgleich zu "Gib ihm" erscheint im Februar "Affalterbach", ein neuer Track ihres männlichen Rap-Kollegen Shindy. David singt den Refrain. Als Shindy jedoch das Video zur Single ebenfalls mit ihr drehen will, weigert sie sich: Mit anderen "Mädchen" sollte sie in sein Auto springen, "ein Sidechick sein", sagt sie. "Harmlos eigentlich. Aber ich wollte mich nicht zu Shindys Accessoire machen lassen. Es wäre der Absturz von der weiblichen Selbstermächtigung auf den Rücksitz eines Machos gewesen. Sie macht ihm Vorschläge, wie sie ihm im Video auf Augenhöhe begegnen könnte, aber der Rapper sieht keine andere Lösung. Der Hass im Netz folgt prompt. Aber er gilt Shirin David, nicht dem Rapper: "Du dreckige Hure, wer bist du, dass du Shindy schlecht machst?", fasst sie den Tenor der Kommentare zusammen.

Comedy und Schmink-Tutorials

Ist Shirin David tatsächlich nur eine YouTuberin, die auf Rapperin macht, weil es gerade en vogue ist? Oder ist sie eine "Vollblutmusikerin", wie ihr Manager sagt? Ein Widerspruch muss das vielleicht gar nicht sein. Barbara Shirin Davidavicius wächst in Hamburg-Bramfeld auf. Ihre Mutter ist alleinerziehend. Die Tochter liebt Musik, vor allem Klassik. Mit zwei Jahren sitzt sie in ihrer ersten Oper, mit drei nimmt sie Klavier-, mit vier Ballettunterricht. Ihre Schwester Pati spielt Geige. Shirin singt dazu.

Dann hört sie Nicki Minaj, und mit ihr zum ersten Mal eine Frau rappen. Sie macht eine Ausbildung an der "Jugend-Opern-Akademie": Gesang, Schauspiel, Tanz. Sie arbeitet für die Hamburgische Staatsoper. Gern würde sie ihre eigene Musik machen, aber sie glaubt nicht, dass sie es schaffen kann. Sie kennt nur den alten romantischen Musiker-Mythos vom allein im Kämmerlein schaffenden Genie, das erst ein Tape aufnimmt, und dann einen A&R trifft.

Shirin David aber trifft Simon Desue. Er ist der Freund von einem Freund, und ein YouTuber der ersten Stunde in Deutschland. Desue sucht eine Frau, die Comedy-Straßenumfragen kann. In verschiedenen Rollen und in verrückten Kostümen, mit großer Klappe und Humor. Shirin David kann das, und dem Internet gefällt es. Sie startet einen eigenen YouTube-Kanal, hat nach nur neun Videos schon 100.000 Abonnenten. Sie macht Comedy, Vlogs, Schmink-Tutorials. 2015 singt sie dann den Refrain von "Du liebst mich nicht", einem Sabrina-Setlur-Cover von YouTuber-Kollege Ado Koyo.

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Shirin David: Dicke Hose, große Haare

"Und seitdem", sagt sie "war ich mit gefühlt allen Produzenten Deutschlands im Studio und habe versucht, meinen eigenen Sound zu finden. Ich habe bestimmt 30, 40 Songs gemacht, die nur dazu gedient haben, herauszufinden, wo ich hin möchte." Sie sagt, es sei schwer, Produzenten zu finden, die empathisch genug sind, sich auf eine Frau einzulassen. "Es passiert oft, dass dich - als einzige Frau im Raum - keiner hört, wenn du sagst: Könntest du bitte die Ad Libs lauter machen?" Zwischendrin sei sie so fertig gewesen, dass sie gar nicht mehr ins Studio wollte. Aber sie suchte weiter, übrig blieben am Ende doch nur Männer. "Es gibt sehr wenige weibliche Produzentinnen in Deutschland. Das ist leider die Wahrheit", sagt sie.

"Wer keinen Hate bekommt, funktioniert nicht"

Ihre Texte schreibt sie nun unter anderem mit dem Berliner Rapper Chima Ede. Sie sagt, sie ist gut darin, Melodien zu finden, und sie weiß, was sie sagen will, aber das "wie" überlässt sie anderen: "Statt dass ich Haus auf Maus reime, arbeite ich lieber im Team. Jeder gibt dir so was von seinem Zucker mit." Die selbstbewusste Rap-Diva "Shirin" aus dem "Gib ihm"-Clip repräsentiert ihre extrovertierte Seite. Aber es gibt auch "Babsi", ihre Metatext-Persona, die sie mit ihrer Naturhaarfarbe auftreten lässt, wie im aktuellen Video zu "Fliegst du mit". Die Pop-Ballade erzählt von Davids Beziehung zu ihrem Vater, der nie nahbar für sie war. In ein riesiges, steinernes Gesicht singt sie: "Hast mir nie beigebracht, mich zu schätzen/ Und statt mich selbst, such' ich jetzt dich in jedem Mann, den ich treffe."

"Irgendwann", sagt sie, "hat es Klick bei mir gemacht, und ich habe verstanden, dass ich wegen ihm auf undurchdringliche Männer stehe." Heute schämt sie sich nicht mehr dafür, keine normale, perfekte Familie zu haben. Vielen ihrer Follower und Fans geht es ähnlich. "Nie bekam ich so viel positive Resonanz auf etwas, das ich veröffentlicht habe", sagt sie.

Sonst sei da vor allem "Hate". Hass, weil sie sich anmaßt, als Frau zu rappen, Hass für ihre Perücken, Hass weil sie auffällt. "Wer keinen Hate bekommt, funktioniert aber auch nicht", weiß der Internetstar: "Die Leute wollen etwas, das anders ist als ihr Alltag. Sie wollen etwas sehen, was sie unterhält und reizt."

Auf YouTube hat David, in einem mittlerweile gelöschten Video, einmal erklärt, wie viel Geld sie bislang für ihr Aussehen ausgegeben hat. Warum sollte sie sich auch nicht "perfekt machen", fragt sie. "Der Hass kommt so oder so. Wenn ich dünn wäre, würde es heißen: Ihh, magersüchtig. Wenn ich dicker wäre, hieße es: Wäh, fett. Kann eine Frau nicht einfach aussehen, wie sie will?" Seit 2014 ist sie im Internet präsent, seitdem wird vor allem ihr Körper diskutiert. Es gab "dunkle Stunden" sagt sie, aber heute könne sie damit umgehen.

Dass sie für "Fliegst du mit" jetzt ausschließlich Liebe bekommt, findet sie jedoch "auch krass", sagt sie: "Muss eine Frau erst rumheulen, um akzeptiert zu werden?" Auch gewisse Rapper, die "Gib ihm" nicht posten wollten, "weil ihre Community dann sagen würde: Ihh, du unterstützt Frauenrap?" würden "Fliegst du mit" plötzlich auf ihren Social-Media-Kanälen posten: "Solange ich mich verletzlich zeige, ist alles cool. Aber flexen - wie ein Mann - das geht natürlich nicht."

Flexen, das heißt seine Muskeln spielen lassen, im Rap meist mit Besitztümern und Statussymbolen. Und so steht die Rapperin Shirin in ihren Videos vor riesigen Louis-Vuitton-Logos. Sie zeigt ihren Körper, ihre Fingernägel und ihre Haare. Sie versteht nicht, warum man in Deutschland nichts zelebrieren kann, was wertig ist: Ein teures Auto, ein Designerkleid, Erfolg, das sei doch etwas Schönes. "Ich mache Plus und leb' den Traum/ Bau' ein Paradies für Mama, Pati, mich, ja, uns geht's gut", singt sie.

"Die, die mit weniger aufgewachsen sind, sind später umso ehrgeiziger", sagt sie: "Meine Mama hat alle möglichen Jobs gemacht, nur um uns die Ballettschule zu ermöglichen. Da ist es doch schön, wenn du das erste Geld auf dem Konto siehst, und etwas zurückgeben kannst."

Wenige Stunden, nachdem sie "Fliegst du mit" veröffentlicht hat, meldet sich ihr Vater per Telefon. "Mehr möchte ich dazu aber nicht sagen", sagt Shirin David und wirkt froh, dass das Interview vorbei ist. Denn genauso extro, wie sie ist, genauso intro ist sie auch.



insgesamt 21 Beiträge
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p.quintern 14.06.2019
1. Rap - ich kann's nicht mehr hören
Ich schlag' drei Kreuze wenn es sich irgendwann mal ausgerappt hat. Immer das Gleiche, egal ob Männlein oder Weiblein. Gleiche Statussymbole, gleiches Tempo, gleiche Beats - das ist die langweiligste Musikrichtung seit Menschengedenken...
RalfHenrichs 14.06.2019
2. Falsche Überschrift (regt aber zum Klicken an)
Aus dem Artikel geht hervor, dass möglicherweise eine Frau erst rumheulen muss, um in der Rap-Szene akzeptiert zu werden. Die Unterschrift liest sich so, als wäre es überall so. Ob es in der Rap-Szene so ist, kann ich nicht beurteilen. Allgemein ist es jedenfalls überhaupt nicht so.
michiansorge 14.06.2019
3. Sorry
Sorry, aber ich habe noch keinen YouTuber, Instagrammer oder sonst einen Social Media Fuzzi oder Fuzzine (oder wie immer das heissen könnte) gesehen, der eine Persönlichkeit war. Persönlichkeit hat nichts mit Bekanntheit zu tun. Als Persönlichkeit erachte ich Menschen wie Martin Luther King, Mutter Teresa, Nelson Mandela, Abe Lincoln oder auch Konrad Adenauer, Albert Einstein, John Lennon und viele mehr. Alle anderen sind schnelllebige Modeerscheinungen von denen in ein paar Jahren kein Mensch mehr reden wird.
Romiman 14.06.2019
4. Social Media-Fuzzis...
@michiansorge, eben alles Persönlichkeiten, die irgendwas vollbracht haben. Das Gewese um diese "Dame" basiert ja ausschließlich um die pornöse Inszenierung ihrer äußeren Gestalt. Ihr "Erfolg" besteht nur im extrem oberflächlichen kurzlebigen Internetunterhaltungssektor. @p.quintern Da geh ich mit!
medfield,ma 14.06.2019
5. Ich mag Rap ja gerne...
...aber so wie ich den Artikel verstanden habe, handelt es sich bei der Youtuberin um jemanden, die halbnackt vor Markenlogos posiert und zu Musik die jemandes anderes für sie produziert hat, Texte vorträgt, die jemand anderes für sie geschrieben hat. Muss ich das jetzt gut finden? Aber ich gebe ja zu, ich bin alt...
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