Sinatra-Tochter Tina "Hollywood ist ein trostloser Ort geworden"

Er ist Kult, ein Klassiker, einer wie keiner: Frank Sinatra hinterließ der Welt Songs, die noch heute jeder kennt. Zehn Jahre nach seinem Tod spricht Tochter Tina über sein Leiden an den Evergreens, das Entertainment von heute - und verrät, dass ihr Vater wohl weder Clinton noch Obama wählen würde.

Sinatra: (auf Deutsch) Guten Tag.

SPIEGEL ONLINE: Mrs. Sinatra, woher kommen Ihre Deutschkenntnisse?

Sinatra: Ich habe Anfang der Siebziger zwei Jahre lang in München gelebt, genauer gesagt in Bogenhausen zusammen mit dem Regisseur Michael Pfleghar. München war mein erster Ausbruch aus meinem Hollywood-Zuhause, und es war ein großer Schock. Noch nie hatte ich Kühe auf einer Straße laufen sehen.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie diesen Text im Original lesen können?

Sinatra: Damals hätte ich das bewältigt. Ich konnte ganz gut deutsche Texte lesen, ich konnte auch ganz gut verstehen, was gesprochen wurde, aber leider ist alles weg. Das ist alles sehr lange her, ich bin nun immerhin 60 Jahre alt.

SPIEGEL ONLINE: Auf der offiziellen Sinatra-Webseite ist täglich nachzulesen, was ihr Vater zu Lebzeiten auf dem Terminplan hatte. Heute vor 50 Jahren trat er in seinem Lieblingscasino "The Sands" in Las Vegas auf; zwei Wochen lang, jeden Abend zwei Shows. Durften Sie als Kind ihrem Vater bei der Arbeit zuschauen?

Sinatra: Nur an den Wochenenden, und ich durfte immer eine Freundin mitbringen. Diese Besuche waren immer schwierig, weil Kindern ja der Aufenthalt in einem Casino untersagt ist, und für die Sinatras galt das genauso. Ich durfte immer zur ersten Show kommen, danach musste ich ins Bett.

SPIEGEL ONLINE: Wann kapierten Sie, dass ihr Vater berühmt ist?

Sinatra: Als ich ihn zum ersten Mal im Kino riesig auf der Leinwand sah, wurde mir klar, dass er einen besonderen Job hat. Als Vater habe ich ihn ja nur sporadisch erlebt. Er verließ meine Mutter und die Familie, als ich noch ein sehr kleines Mädchen war, und später war er auch nur selten anwesend. Als kleines Mädchen musste ich damit klarkommen, ohne Vater aufzuwachsen, denn er war eigentlich immer unterwegs. Ich sah ihn meistens nur im Kino und hörte ihn auf den Schallplatten, die er uns zukommen ließ. Erst in Las Vegas habe ich kapiert, wie sehr mein Vater Menschen beeindrucken konnte. Das Publikum tobte ohrenbetäubend laut, aber ich war begeistert.

SPIEGEL ONLINE: Hat Sie sein enormer Ruhm erschreckt?

Sinatra: Nur wenn wir ausgingen. Mein Vater hielt nichts von Bodyguards. Einmal, in New York, ging das fürchterlich schief. Die Leute auf der Straße sind vollkommen ausgerastet, als sie ihn erkannten. Ich war damals ein Teenager und hatte wahnsinnige Angst. Er blieb erst cool, er war ja an so einen Trubel gewöhnt, wurde aber dann sehr wütend. Danach sind wir in großen Städten nie wieder rausgegangen. In Hoboken, New Jersey, wo er aufgewachsen ist, konnten wir überall rumlaufen, ohne behelligt zu werden. Das war eine Frage des Respekts.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind in der Geschäftsführung von "Frank Sinatra Enterprises", der Firma, die die Marke Frank Sinatra vermarkten soll. Mit welchen Merchandising-Artikeln muss man künftig rechnen?

Sinatra: Erstmal mit dem Üblichen: eine Menge DVDs mit Filmen meines Vaters, und dann die neue CD "Nothing But The Best", für die die alten Hits wie "My Way" oder "Theme from New York, New York" noch mal neu abgemischt wurden. Außerdem ist in den USA soeben eine offizielle Sinatra-Briefmarke erschienen. Aber das ist erst der Anfang, wir haben noch viel vor: Mode zum Beispiel. Mein Vater war eine Stil-Ikone. Ich könnte mir gut Sinatra-Hüte oder Anzüge vorstellen. Oder vielleicht eine Casino- Hotelkette rund um die Welt. Alles ist möglich.

SPIEGEL ONLINE: Auf der neuen CD "Nothing But The Best" ist nur ein bisher unveröffentlichtes Lied. Schlummert nicht noch mehr in den Archiven?

Sinatra: Doch, es gibt Massen ungenutzter Aufnahmen meines Vaters. Er hat unglaublich viel Musik produziert, die nie das Licht der Öffentlichkeit erblickt hat, weil er ein strenger Perfektionist war. Was ihm nicht zu hundert Prozent zusagte, wurde versenkt. Es gibt Songs, die er über die Jahre immer wieder und wieder aufgenommen, aber nie veröffentlicht hat, weil er mit dem Resultat nie zufrieden war.

SPIEGEL ONLINE: Ist es dann nicht ein Sakrileg, heute Lieder zu veröffentlichen, die ihr Vater mangelhaft fand?

Sinatra: Meine Schwester Nancy wacht über seine Musik. Sie war auch nicht wirklich glücklich über dieses eine nun veröffentlichte Lied "Body and Soul", das mein Bruder Frank Sinatra Jr. überarbeitet hat. Denn wenn unser Vater es damals nicht mochte, wäre er heute auch nicht glücklicher darüber - und wir haben uns ja vorgenommen, seine Maßstäbe beizubehalten. Aber ich finde diesen Song trotzdem großartig.

SPIEGEL ONLINE: Stört es das Familienunternehmen, wenn die Lieder ihres Vaters im Internet illegal heruntergeladen werden?

Sinatra: Natürlich macht mich das nicht glücklich. Allerdings wurden wir von der Industrie betrogen seit der Erfindung des Radios. Und das erstaunliche ist ja, dass die Popularität meines Vaters überhaupt nicht nachlässt. Die Menschen von der Plattenfirma sagten nach seinem Tod, dass seine Plattenumsätze kurz ansteigen, dann stark nachlassen würden. Sie haben aber nicht nachgelassen.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Schwester Nancy ist als Sängerin berühmt geworden, ihr Bruder Frank Jr. hat auch eigene Platten gesungen - Sie sind nur auf einer Familien-Weihnachtsplatte zu hören. Warum?

Sinatra: Erinnern Sie mich bloß nicht daran, eine entsetzliche Platte! Sie entstand, als ich gerade aus Deutschland zurückgekehrt war. Ich wurde von Daddy ins Studio bestellt. Es war September, so brüllend heiß, dass der Asphalt schmolz, und ich sollte Weihnachtslieder singen: Surreal! Da stand ein großes Orchester bereit, dazu ein noch größerer Chor und mein Vater, der sagte: Gib dir Mühe, mein Täubchen, du hast nur einen Versuch. Das war natürlich ein Scherz, aber ich war zu Tode geängstigt, es war ein Alptraum. Glauben Sie mir: Ich habe das zwar einigermaßen durchgestanden, aber ich kann wirklich nicht singen.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie Ihre Stimme ertragen, wenn Sie die Platte heute hören?

Sinatra: Es ist immer noch eine Qual. Und glauben Sie mir, Weihnachten ist immer eine Tortur für mich, denn diese Platte ist zumindest in Amerika eine Art Kultalbum geworden. Jedes Jahr ab November dröhnt sie durch Los Angeles. Die Welt sollte mir dankbar sein, dass ich von einer Gesangskarriere Abstand genommen habe.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie stattdessen gemacht?

Sinatra: Ich habe mich als Schauspielerin versucht, dann fünf Jahre als Agentin und schließlich 30 Jahre als Filmproduzentin gearbeitet. Ich bin immer lieber hinter den Kulissen gewesen als im Rampenlicht.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Schwester Nancy sagt, dass Sie den "Sinatra-Geist" bewahren. Stimmt das?

Sinatra: Quatsch, das tut vor allem Nancy. Sie setzt die Karriere meines Vaters fort, ich sorge nur ein wenig im Hintergrund für Ordnung. Sie ist die Künstlerin, und ich führe die Geschäfte der Sinatras, seit mein Vater mich 1984 darum bat.

SPIEGEL ONLINE: Was muss man mitbringen als Verantwortliche für das Sinatra-Erbe?

Sinatra: Vor allem guten Geschmack, das sagte zumindest mein Vater. Das ist wörtlich gemeint. Wenn irgendjemand ein Sinatra-Feuerzeug produzieren wollte, bin ich mit einem Prototyp davon zu meinem Vater gegangen. Entweder er hat genickt, oder die Sache war vom Tisch.

SPIEGEL ONLINE: Es wird immer wieder beklagt, dass die ganz großen Stars vom Format ihres Vaters ausgestorben sind. Sehen Sie den Geist ihres Vaters in irgendeinem zeitgemäßen Star?

Sinatra: Ehrlich gesagt, hat mich Bruce Willis immer wieder an meinen Vater erinnert. Der hat ein ähnliches Temperament und ähnlichen Humor. Aber ich würde trotzdem behaupten, dass Hollywood ein wirklich trostloser Ort geworden ist. Charisma und Talent sind ausgestorben.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Vater war dem Kennedy-Clan eng verbunden. Hätte er Obama oder Hillary bevorzugt?

Sinatra: Ich bin von beiden schwer enttäuscht. Die Demokraten schaden sich einfach enorm mit dieser überlangen Kandidaten-Kür. Und mein Vater hätte sowieso John McCain gewählt.

SPIEGEL ONLINE: Stimmt es übrigens, dass ihr Vater seinen wohl größten Hit "My Way" nicht ausstehen konnte?

Sinatra: Lassen Sie es mich so sagen: "My Way", "That's Life" und "New York, New York" sind zu Hymnen geworden. Er liebte sie, aber er mochte sie irgendwann einfach nicht mehr singen. Wenn er versuchte, ein Konzert ohne sie über die Bühne zu bringen, schrie das Publikum so lange danach, bis er nachgab. Spaß hat ihm das nicht mehr gemacht, das stimmt.

Das Interview führte Christoph Dallach


Frank Sinatra: "Nothing But The Best" (Warner)

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