Iranisch-israelische Band Sistanagila Mit Volksliedern gegen die Ohnmacht

"Wenn Du als Israeli eine Nachricht von einem Iraner bekommst, denkst Du erst mal: Das ist ein Terrorist der Hisbollah." Weil ihre Länder verfeindet sind, haben iranische und israelische Musiker in Berlin eine Band gegründet.

Sistanagila: "Keiner traut sich heute noch, 'Heal The World' zu spielen"
Nikolaj Lund

Sistanagila: "Keiner traut sich heute noch, 'Heal The World' zu spielen"

Ein Interview von


Zu den Personen
    Der Iraner Babak Shafian, 38, ist der Manager von Sistanagila. Shafian kam mit 19 Jahren nach Deutschland. Er studierte Informatik und Jüdische Geschichte. Der Israeli Yuval Halpern, 39, ist der Sänger und musikalische Leiter der Band. Halpern studierte Komposition und lebt seit 2007 in Berlin. Das jüngste Berliner Konzert der Band in der Apostel-Paulus-Kirche war ausverkauft, am 29. November spielt die Band in der Hamburger Laeizhalle, im Mai 2020 in der Berliner Philharmonie.

SPIEGEL: Wie ist die Idee entstanden, eine iranisch-israelische Band zu gründen?

Shafian: Aus einem Gefühl der Ohnmacht. Das war, nachdem Mahmud Ahmadinedschad an die Macht kam, um das Jahr 2007. Ich dachte: So geht das nicht weiter, ich will ein Projekt mit Juden machen. Ich war schon früher von der jüdischen Kultur begeistert: Hier in Berlin ist man umgeben von ihr, man kann sie gar nicht ignorieren. In dem Kiez, wo ich wohne, lebten einst Else Lasker-Schüler und Nelly Sachs, ich selbst habe nach meinem Informatikstudium an der FU Berlin Jüdische Geschichte studiert.

SPIEGEL: Sie sind kein klassisch ausgebildeter Musiker?

Shafian: Nein. Aber ich habe mich viel mit jüdischer und persischer Musik beschäftigt. Und als ich 2009 in Berlin viele iranische Musiker und eine jüdisch-italienische Pianistin kennenlernte, machte es Klick: Vielleicht könnte man eine gemeinsame Band gründen. Dann habe ich Yuval angeschrieben.

Preisabfragezeitpunkt:
05.12.2019, 20:14 Uhr
Ohne Gewähr

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SPIEGEL: Yuval Halpern, was war Ihr erster Gedanke, als Babak Shafian Sie kontaktierte?

Halpern: Wenn Du als Israeli eine Nachricht von einem Iraner bekommst, denkst Du erst mal: Das ist ein Terrorist der Hisbollah. Warum sollte ein Iraner mit einem Israeli sprechen wollen? Dann habe ich ihn gegoogelt, er sah nett aus, ein Programmierer. Und ich sagte mir: Das Risiko gehe ich ein. Wir trafen uns in einem Hummus-Laden.

Shafian: In einem arabischen Hummus-Laden in Neukölln, auf neutralem Boden sozusagen.

Halpern: Ursprünglich wollten wir alles ganz demokratisch machen, aber dann hat sich herausgestellt, dass es einen musikalischen Leiter braucht. Ich begann erst, Stücke zu komponieren, aber merkte, dass das wiederum auch nicht gut funktioniert.

SPIEGEL: Warum?

Halpern: Weil die Gruppe schon beteiligt sein muss. Jetzt arbeiten wir mit bereits existierenden Liedern. Weil sich aber jedes Bandmitglied einbringt, entstehen ganz eigene Versionen, auf die man allein nicht kommen würde.

SPIEGEL: Scheut man sich als israelischer Musiker, zum Beispiel einen Gassenhauer wie "Hava Nagila" zu spielen? Weil es für die eigenen Ohren so durchgenudelt klingt?

Halpern: Ich hätte nie gedacht, dass ich mal "Hava Nagila" auf einer Bühne singen würde. Als Israeli hat man das Lied schon tausendmal gehört, es ist einem peinlich, es gibt kaum ein Lied, das mehr Klischees von jüdischer Musik enthält.

Shafian: Die iranischen Musiker wollten "Hava Nagila" unbedingt spielen. Die fanden das cool.

Halpern: Also haben wir Israelis uns darauf eingelassen. "Hava Nagila" kommt ja aus dem Klezmer, das ist ein bisschen wie bayerische Blasmusik: Umpa-umpa. Aber Jawad, unser Trommler, hat einen 3/3/2-Groove gespielt, dadurch hat das Arrangement eine neue, frische Art bekommen.

Sistanagila: Erstes Treffen auf neutralem Boden
Nikolaj Lund

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SPIEGEL: Volkslieder sind eng mit der Tradition einer Gesellschaft verbunden - sie dienen auch immer der Abgrenzung von anderen Völkern, oder?

Halpern: Wir haben über die Jahre mehr Gemeinsamkeiten entdeckt, als wir ahnten. Viele Melodien sind im ganzen Nahen Osten und im Maghreb bekannt. Einer der Iraner hat gesagt, er habe die Melodie von "Hava Nagila" im Radio gehört, aber nicht gewusst, dass es jüdisch sei. Von dem persischen Lied "Shane" sagen viele Libanesen, es sei libanesisch. Und das auf Ladino gesungene jüdische Lied "La Rosa Enflorece" aus dem Mittelalter wird auch in der heutigen Türkei gesungen.

SPIEGEL: Woher stammt ihr Bandname Sistanagila?

Shafian: Das ist eine iranisch-israelische Wortschöpfung. Sistan ist der Name einer iranischen Provinz und Nagila kommt von dem Lied "Hava Nagila".

Halpern: Als ich anfing, für die Band Arrangements zu schreiben, schickte Babak Shafian mir ein paar persische Volkslieder. Eines davon stammte aus der Provinz Sistan. Mir gefiel der Rhythmus sehr, er inspirierte mich zu einem Song, der aber zu kompliziert wurde, ich glaube, es war ein 13/8-Takt. Also legten wir das Stück beiseite. Aber als wir einen Namen für die Band suchten, sagten wir: Sistanagila, das ist ein guter Name.

SPIEGEL: Ein guter Name für ein komplexes Verhältnis?

Halpern: Im Gegenteil: Ich würde sagen, der Name wirkt ganz natürlich.

SPIEGEL: Sprechen Sie in der Band auch über politische Themen?

Halpern: Unser Vorbild ist Daniel Barenboim. Er war am Anfang sehr politisch und hat die Regierungen im Nahen Osten scharf kritisiert. Er hat sich daran die Finger verbrannt. Irgendwann hat er sich gesagt: Ich mache Musik. So sehen wir es auch. Natürlich sind wir ein politisches Projekt, das versteht sich von selbst. Aber wir äußern uns nicht zu konkreten politischen Fragen: ob das Atomabkommen mit Iran gut oder schlecht ist, ob dieser oder jener Politiker gut oder schlecht ist. Wir wollen zeigen, dass Menschen aus Iran und Israel zusammen Musik machen können, als Kontrapunkt zu den Nachrichten, die wir in den Zeitungen lesen.

SPIEGEL: Würden Sie gern in Israel und Iran auftreten?

Halpern: Das ist ein großer Traum, aber praktisch ist das aktuell nicht möglich. Als Israelis können wir nicht nach Iran reisen und die Iraner dürfen nicht nach Israel reisen. Schon in einer gemeinsamen Band zu spielen, ist für sie nicht ganz ungefährlich. Einige Musiker haben uns wieder verlassen, weil sie Angst vor Repressalien hatten, zum Beispiel bei Besuchen in ihrer Heimat. Aber genauso wichtig ist es uns, der Welt zu zeigen: Iraner und Israelis können zusammen ein Projekt auf die Beine stellen. Im Jazz und Rock steht der individuelle Künstler im Mittelpunkt, sein Solo, seine Virtuosität. Bei Sistanagila ist es anders. Noch bevor wir die erste Note spielen, herrscht im Raum eine ganz besondere Stimmung. Und das ist wichtig, gerade weil die Welt so zynisch geworden ist.

SPIEGEL: Was meinen Sie damit?

Halpern: Ich frage mich manchmal, wo der ganze Kitsch der Achtziger- und Neunzigerjahre hin verschwunden ist. Songs wie "Heal the World" traut sich heute keiner mehr zu spielen. Die Kriege und Konflikte haben die Menschen zynisch gemacht, aber sie sehnen sich nach Hoffnung. Wir geben den Menschen in unseren Konzerten ein wenig davon zurück.



insgesamt 3 Beiträge
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xandit 29.11.2019
1. Bravo!
Ein tolles Projekt und gute Musik. Dazu braucht es Mut und Kreativität. Ich selbst finde die jüdische Kultur genauso interessant und faszinierend wie die persische (und viele andere). Endlich mal kein Entweder-Oder sondern ein Sowohl als auch. Und wieder mal macht die Musik den Ton ... und verbindet.
oli h 29.11.2019
2. Strohalm
Geschichten wie die von Sistanagila sind der Strohalm an den man sich klammert in dem Glauben, das noch Hoffnung für den Planeten besteht....
ImmerDerReiheNach 30.11.2019
3. Wunderbares Projekt und jeder Musiker, der nicht
Rassist ist oder sonst Vorurteile hat weiß und spürt es jedes Mal: wenn du Musik zusammen machst dann ist das mit das Beste was Menschen tun können: dann hörst du dem Anderen zu, versucht mit ihm musikalisch ins Gespräch zu kommen..... schön, dass es in meiner Heimatstadt solche schönen Geschichten gibt. Viel Erfolg der Band und hoffentlich auch viele Zuhörer aus Iran und Israel.
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