Oliver Kaever

40 Jahre »Skandal im Sperrbezirk« »Hofbräuhaus«, »Freudenhaus«, was soll das alles bedeuten?

Oliver Kaever
Eine Jugenderinnerung von Oliver Kaever
Eine Jugenderinnerung von Oliver Kaever
Im Februar 1982 schaffte es die Spider Murphy Gang mit ihrem größten Hit an die Spitze der deutschen Charts – und blieb dort acht Wochen. Junge Hörer konnten viel dabei lernen.
Die Spider Murphy Gang 1982: »Auch i hab ihre Nummer schon...«

Die Spider Murphy Gang 1982: »Auch i hab ihre Nummer schon...«

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United Archives / kpa / imago images

Ich weiß nicht mehr, wo ich diesen Song vor rund 40 Jahren das erste Mal gehört habe, jedenfalls nicht in der »Hitparade« mit Dieter Thomas Heck, dem war das Stück angeblich »zu heiß«. Möglicherweise im Radio, der WDR war da fortschrittlicher als der Bayerische Rundfunk, wo das Lied nicht gespielt werden durfte. Wegen des N-Wortes. Also, nicht das eine, sondern das andere. Okay, jetzt gehts etwas durcheinander, so ist das, wenn man sich an Dinge erinnert, die sehr lange zurückliegen. Also der Reihe nach.

Am 7. Dezember stieg das Lied »Skandal im Sperrbezirk« in die unteren Ränge der Offiziellen Deutschen Hitparade ein. Neun Wochen später, am 8. Februar 1982, also vor 40 Jahren, hatte es schließlich den ersten Platz erreicht. Es war das erste und letzte Mal, dass der bayerischen Rock'n'Roll-Kapelle Spider Murphy Gang dieses Kunststück gelang. Dafür blieb der Song acht Wochen lang an der Spitze.

So lange, dass es heute in Deutschland wenige Menschen um die 50 Jahre geben dürfte, die den Text nicht zumindest bruchstückweise mitsingen könnten, wenn man sie um drei Uhr nachts aus dem Tiefschlaf holte. Das dürfte sogar ohne Alkoholeinfluss funktionieren, wenn vielleicht auch nicht ganz so geschmeidig.

Die Band um die Gründungsmitglieder Günther Siegl und Barny Murphy gibt es heute noch. Auf ihrer Webseite berichtet sie, der Song sei damals als Auskopplung aus dem Album »Dolce Vita« ausgewählt worden, damit man einerseits von der plötzlichen Popularität von in Mundart gesungenen Rocksongs profitierte – »Verdamp lang her« von Bap hatte im Herbst 1981 seinen unerwarteten Siegeszug durch die Bundesrepublik angetreten –, gleichzeitig aber auch Nordlichter den Text verstehen konnten.

Von München aus gesehen, gilt man selbstverständlich auch als Niederrheiner als Nordlicht (ich weiß das, ich bin mit einer Bayerin verheiratet, ich habe diese Diskussion unzählige Male durchgefochten und jedes Mal verloren), und tatsächlich verstand ich die Münchner besser als die mir regional und wesensmäßig wesentlich näheren Kölner. Sie sangen ja Hochdeutsch mit sanftem Münchner Einschlag, Sie haben es sicher gleich im Ohr: »Auch i hab ihre Nummer schon...«

Allein: Verstehen und verstehen sind zwei Paar Schuhe. Denn worum der Text sich drehte, war mir gänzlich schleierhaft, trotz Hochdeutsch. Ich war ja erst zehn.

Die Kunst, über etwas zu sprechen, das eigentlich beschwiegen wird

Von München hatte ich schon mal gehört, aber: »Hofbräuhaus«? »Freudenhaus«? »Sperrbezirk«? »Hotel L'Amour«? Und dann natürlich das N-Wort: »Nutten«? Was sollte das alles bloß bedeuten? Soweit ich mir das zusammenreimte, ging es um eine Rosi, die unter der Telefonnummer Zwounddreißig Sechzehn Acht erreichbar war und die ganz viele Männer anrufen wollten. Warum wusste ich nicht, überhaupt war viel wichtiger, dass man die Telefonnummer auswendig mitsingen konnte, dann war man schon ein Bescheidwisser.

Das Münchner Hofbräuhaus kannte in den Achtzigern nicht jeder außerhalb von München, zumindest nicht mit zehn Jahren

Das Münchner Hofbräuhaus kannte in den Achtzigern nicht jeder außerhalb von München, zumindest nicht mit zehn Jahren

Foto: imago images

So fing das also an mit diesem seltsamen Hang zum Spezialwissen in Sachen Popkultur, das mich bis heute begleitet. Und es ging noch weiter, viel weiter. Irgendwann behauptete nämlich einer meiner Freunde, das Wort »Nutten« gehöre sich nicht, man dürfe das eigentlich gar nicht sagen, geschweige denn singen.

In diesem Moment muss mir viel klar geworden sein über die Möglichkeiten der Kunst, über etwas zu sprechen, das eigentlich beschwiegen wird, und mit einem Schauer verstand ich, wieso am Ende des Liedes ständig »Skandal« gesungen wurde, mit dieser hysterischen Steigerung der Tonhöhe und der Intensität des Schlagzeugs. Das hatte mich zuvor schon auf erstaunliche Weise ergriffen und mitgerissen, und jetzt erst recht.

Was ein Skandal war, wusste ich zumindest schemenhaft. Auf jeden Fall etwas, worüber die Erwachsenen nicht gern redeten, was ihnen peinlich war. Und das nun lauthals rauszuschreien: was für eine Befreiung, selbst wenn man gar nicht wusste, worum es ging!

Wir probierten gleich mal aus, wie sich das anfühlte und grölten den Songtext, natürlich bevorzugt die Teile mit »Nutten« und »Skandal«. Bei uns auf dem Dorf bekam das nur ein altersschwaches Pony zu hören, das auf dem Nachbargrundstück stand und gleichmütig weiter Gras kaute. Trotzdem: Vielleicht wurde mir damals erstmals die wunderbare Kraft der Subversion bewusst, die Rock- und Popmusik innewohnen kann.

Heute gibt sich, wer das Wort »Nutte« benutzt, nicht mehr als Bürgerschreck, sondern als Frauenverächter zu erkennen. Das andere N-Wort, das man damals noch freizügig verwendete, benutzen heute nur noch Rassisten. Der Drummer der Spider Murphy Gang, der damals so eindrucksvoll auf die Felle eindrosch, ist im vergangenen Jahr gestorben. Ausgerechnet in Kamp-Lintfort, der Stadt, in der ich den Song vor 40 Jahren zum ersten Mal hörte.

Kurz darauf war ich wegen einer Hochzeit dort und tanzte dazu. Das war nicht mehr subversiv, wirklich nicht. Aber kraftvoll schon noch.