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Rammstein: "Wir wollen den Leuten Futter geben"

Foto: Universal Music / Paul Brown

Skandalrocker Rammstein "Außer uns will ja keiner mehr böse sein"

Rammstein ist Provokation. Ihr neues Album begleiten die Ostberliner Brachialrocker mit einem Pornovideo zur Single "Pussy". Doch der Band geht es nicht bloß um Empörungsreflexe - behauptet sie.
Von Thomas Winkler

Das nennt man wohl ein fulminantes Comeback. Sägende Gitarren und abgrundtiefgelegter Gesang. Stacheldraht-Qualen. Der Amstettener Inzestvater schaut vorbei, silikongestütztes Bindegewebe wackelt im Takt. Deutschlands auflagenstärkste Zeitung schlagzeilt: "Skandal!"

Rammstein sind wieder da.

Vier Jahre sind seit dem vorherigen Album vergangen, an diesem Freitag kommt das sechste auf den Markt: "Liebe ist für alle da" - und die alten Reflexe funktionieren immer noch. Die bösen Buben der Nation flankierten die erste Single namens "Pussy" mit einer Provokation. Im Videoclip zum Lied kopulieren die Bandmitglieder mit professionellen Darstellerinnen. Das Filmchen ist nur auf einem Porno-Internetportal zu sehen und fand dort in den ersten beiden Wochen mehr als zehn Millionen Zuschauer. Die "Bild"-Zeitung schrieb von "Rammelstein".

"Damit kann ich leben", sagt Christian Lorenz, den alle nur "Flake" nennen. Der schmale Keyboarder steckt sich beim Interview in Berlin noch eine Zigarette an und wundert sich, "dass das noch niemand gemacht hat, Pornografie und Rockmusik so eins zu eins zu verknüpfen. Das liegt doch eigentlich sehr nahe".

Tatsächlich, man wundert sich - dass Provokation als Erfolgstrategie immer noch so tadellos funktioniert. Und kaum jemand versteht sich besser auf sie als Rammstein.

Sänger Till Lindemann hat für das neue Album Texte geschrieben, die sich mit allen Formen der Liebe auseinandersetzen, eben auch den abseitigeren. Doch diesmal handeln seine poetischen Werke nicht nur von den bereits gewohnten Sadomaso-Phantasien, wie sie in "Ich tu dir weh" wieder einmal mit großer Liebe zum Detail beschrieben werden ("Nadel, Zange, stumpfe Säge/ Wünsch dir was, ich sag nicht nein"). Lindemann hat sein Spektrum erweitert: "Frühling in Paris" dürfte die erste echte romantische Ballade im Repertoire der Ostberliner Brachialrocker sein. Da gurrt Lindemann sogar auf Französisch.

"Die Provokation findet uns"

Rammstein

Nur einen Song später schlüpft er in eine vertrautere Rolle, diesmal die des Josef F. aus Amstetten. "Wiener Blut" heißt die Verarbeitung des familiären Geiseldramas und steht in einer von gepflegten Tradition, gesellschaftliche Ereignisse mit Signalwirkung aufzugreifen. Bekanntestes Beispiel bisher: "Mein Teil" über den Kannibalen von Rotenburg.

Gitarrist Paul Landers behauptet, die Provokation sei keine bewusste Strategie. "Wir sitzen doch nicht am Schreibtisch und fragen uns: Wo könnten wir noch provozieren?", sagt er, während seine Nieten und Ketten klappern, "so komisch es klingt: Die Provokation findet uns". Dann vergleicht er seine Band mit Gulliver im Land der Zwerge. "Der macht immer was kaputt, wenn er irgendwo hintritt, der eckt immer an. Den kann man auch fragen: Was machst du denn da immer? Sei doch mal klein! Aber der ist einfach so, er kann machen, was er will. Und wir sind auch einfach so."

Glaubt man der Band, hat auch das Stück "Mehr" seine Bedeutung erst im Nachhinein gefunden - mit Zeilen wie "Zwar bin ich reich, doch reicht das nicht" hört es sich an wie ein direkter Kommentar auf die Gier, die die Finanzkrise auslöste. Der Song war geschrieben, als die Märkte zusammenbrachen. "Dieser Text war nicht politisch gemeint, sondern eher biologisch", sagt Landers und lacht. "Aber wie gut der passt, das ist schon verrückt." Vielleicht ist es Zufall, vielleicht aber sind Rammstein besonders geschickte Seismografen gesellschaftlicher Zustände in diesem Land.

Abseits aller Provokation jedenfalls lassen die Reime des Dichters Lindemann Raum für Interpretationen. "Wir wollen den Leuten Futter geben", sagt Lorenz dazu. "Die sollen etwas kriegen, mit dem sie sich beschäftigen können. Denn sie wollen nichts Vorgekautes haben. Sie wollen ein Lied selbst für sich entdecken, wollen das Geschenk selbst auswickeln."

Einziges Problem dabei: Wenn man Pech hat, gefällt einem nach dem Auspacken das Geschenk nicht.

Unvermeidlicher Kollateralschaden

Was Rammstein zu sagen haben, berührt heikle Themen - vom sogenannten entspannten Nationalismus bis zur Aufarbeitung eines Kriminalfalls wie Amstetten. Rammstein haben keine Angst vor Abgründen. Das kann daneben gehen, wie einst, als die Band für das Depeche-Mode-Cover "Stripped" Material von Leni Riefenstahl zum Videoclip zusammenschnitt. "Vielleicht haben wir auf der Suche nach unserer Identität ein paar Türen geöffnet, die man besser zu lässt", sagt Landers über die ersten Jahre der Band.

Inzwischen haben sich die sechs Männer vom offensichtlichen Spiel mit faschistischer Ästhetik distanziert und sind in der Wahl ihrer Mittel sicherer geworden. So war das nackte Fleisch im "Pussy"-Video gezielte PR fürs deutsche Publikum - nicht etwa fürs internationale, wie man angesichts des englischen Textes und der Aufzählung deutscher Klischees von Autobahn bis Bratwurst meinen könnte. Denn, sagt Landers: "Mal angenommen, wir hätten eine internationale Strategie: Würden wir dann eine Single machen mit einem englischen Refrain, in dem die Wörter 'pussy' und 'dick' vorkommen? Eine Single, die in Amerika auf keinen Fall im Radio gespielt wird? Würden wir das tun, wenn wir strategisch denken würden?"

Landers ist bloß ein bisschen enttäuscht, dass es die Band nicht auf die Titelseite der "Bild"-Zeitung geschafft hat.

Die Böse-Buben-Rolle sehen die Männer als ihre Bestimmung im Business, ja, im ganzen Land. "Das klingt jetzt blöd, aber wir halten den Leuten schon den Spiegel vor", sagt "Flake" Lorenz. "Sonst will ja keiner mehr böse sein. Also übernehmen wir das."


Rammstein: "Liebe ist für alle da" (Motor/Universal) erscheint am 16. Oktober

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